Zeitung Heute : Die Aufsteiger von Köpenick

Sportlich und wirtschaftlich geht es dem 1. FC Union so gut wie noch nie – um sich langfristig in der Zweiten Liga zu etablieren, setzt der Klub jetzt schon erste Reizpunkte

Katrin Schulze
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Hinterhergeschaut. Zuletzt hatte Union beim FC St. Pauli kein Glück, gegen Cottbus soll es wieder besser werden. Foto: dpadpa

Fußballfans dürfen das! Sie dürfen unrealistische Träume haben und diese lautstark im Stadion verkünden. Auch die Anhänger des 1. FC Union durften in den vergangenen Wochen getrost vom Aufstieg in die Bundesliga schwärmen – schließlich hat sich ihre Mannschaft seit Saisonbeginn unter den besten Teams der Zweiten Liga getummelt. Derartige Träumereien sind im Klub selbst natürlich tabu. „Ich unterschreibe, dass wir vermutlich nicht mehr absteigen“, sagt Unions Trainer Uwe Neuhaus. „Zu mehr aber lassen wir uns nicht verführen.“

Nein, ein Klub wie der 1. FC Union, der vor nicht wenigen Jahren kurz vor dem finanziellen Ruin stand und in der Oberliga in der fußballerischen Bedeutungslosigkeit zu verschwinden drohte, der lässt nicht verführen. Und mittlerweile gibt ihm auch die Tabelle Recht. Nach zuletzt drei Niederlagen in Folge stehen die Köpenicker zwar immer noch auf Platz fünf, doch der Abstand auf die Spitze ist angewachsen. Hinzu kommt, dass die noch ausstehenden Gegner in der Hinrunde nicht unbedingt zu den einfachsten in der Liga zählen: Am Freitag reist Energie Cottbus zur Alten Försterei (Beginn 18 Uhr), dann folgen Spiele gegen Arminia Bielefeld und 1860 München. Erst nach diesen Prüfungen wird sich zeigen, wo die Berliner tatsächlich anzusiedeln sind.

Dass den Unionern vor diesem straffen Programm der Ausfall wichtiger Spieler droht, passt nicht unbedingt in die Dramaturgie. „Vor allem im Sturm sind wir nicht so bestellt, wie wir uns das wünschen“, sagt Trainer Neuhaus. In jedem Fall wird den Köpenickern John Jairo Mosquera in den kommenden drei Begegnungen fehlen – der Angreifer hat sich eine Stauchung im rechten Kniegelenk zugezogen. Zudem sind Mosqueras Sturmkollegen Karim Benyamina und Shergo Biran angeschlagen; ihr Einsatz ist fraglich. Gut möglich also, dass Union gegen Energie Cottbus wie schon bei der 0:3-Pleite gegen den FC St. Pauli wieder nur mit einer Spitze namens Kenan Sahin antritt.

Doch egal, wie die Berliner die Partie gegen die Lausitzer bestreiten und wo sie am Ende der Hinrunde in der Tabelle stehen werden – für sie ist die bisherige Saison schon jetzt als großer Erfolg zu werten. Sportlich wie wirtschaftlich. Knapp 440 000 Euro Gewinn haben die Köpenicker in der abgelaufenen Drittliga-Saison erzielt, im laufenden Jahr kalkulieren sie mit fast doppelt so viel – Fernsehgelder und die gestiegenen Zuschauerzahlen machen’s möglich. Diese Entwicklung ist erstaunlich, weil es noch gar nicht so lange her ist, dass die Vereinsführung im Gewühl der Akten- und Schuldenberge den Überblick zu verlieren drohte.

Im Juli 2004, als Dirk Zingler die Regie bei Union übernommen hatte, fand er gelinde gesagt, ein ziemliches wirtschaftliches und organisatorisches Durcheinander vor – man könnte auch sagen, ein völliges Chaos. Gut fünf Jahre später blickt der Präsident auf ein „überaus erfolgreiches Jahr“ zurück. „Alle Vereinsziele, die wir uns im vergangenen Jahr gesteckt hatten, sind erfüllt worden“, sagt Zingler.

Dass sein Fußballklub mit den nun erwirtschafteten Geldern um sich werfen wird, ist jedoch nicht vorgesehen, denn zunächst müssen immer noch einige Verbindlichkeiten abgebaut werden. Darüber hinaus gilt es sich „in der Zweiten Liga zu stabilisieren und zu etablieren“, wie der Präsident sagt. Aus diesem Grund wird er auch ein bisschen Geld für Neuverpflichtungen in der Winterpause locker machen. Die Begehrlichkeiten dafür hat sein Trainer nach den vergangenen Niederlagen mehr als deutlich zum Ausdruck gebracht. „Wir wollen einen Torhüter und einen oder sogar zwei Innenverteidiger holen“, sagte Uwe Neuhaus. „Nach so vielen Gegentoren muss man sich darüber Gedanken machen.“ Gegen den Karlsruher SC, Kaiserslautern und St. Pauli hat die Mannschaft zuletzt acht Gegentore kassiert, die Abwehr wirkte dabei als andere sicher und stabil. „Unser Defensiverhalten als Mannschaft und individuell gilt es gegen Cottbus zu verbessern“, sagt der Trainer.

Bei aller Detailkritik, nötig hätten die Berliner die Transfers wohl nicht unbedingt, schließlich stehen sie für einen Aufsteiger immer noch mehr als gut da. Aber „Konkurrenz belebt das Geschäft“, glaubt Innenverteidiger Daniel Göhlert, dessen Stammplatz im Team dann in Gefahr geraten könnte. Mit dem Erfolg wachsen eben die Ansprüche. Das ist – bei aller Bescheidenheit – auch beim 1. FC Union nicht anders. Möglich, dass die Köpenicker durch weitere Ausgaben weiterhin eine gute Rolle in der Zweiten Liga spielen werden. Möglich aber auch, dass sie sich dem demnächst im Mittelfeld wiederfinden. Wirklich besorgniserregend wäre das nicht. Denn mehr hatte vor dieser Spielzeit ja ohnehin niemand erwartet. Oder? „Unser Ziel ist es, so früh wie möglich den Klassenerhalt zu erreichen“, sagt Verteidiger Daniel Göhlert. „Das ist wirklich so.“

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