Zeitung Heute : „Die Aussage, der Irakkrieg habe die Welt sicherer gemacht, ist falsch“

Nahost-Experte Volker Perthes über den internationalen Terror, den Irakkrieg und die Glaubwürdigkeit der Bush-Regierung

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VOLKER PERTHES leitet die Forschungsgruppe Naher Osten und Afrika bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Herr Perthes, hat der Irakkrieg den Kampf gegen den internationalen Terror geschwächt?

Der Krieg hat die Prioritäten vom Kampf gegen den Terror auf die Auseinandersetzung mit dem Regime im Irak verschoben und sicherlich auch in die falsche Richtung gelenkt. Die Bush-Administration hat vor dem Krieg versucht, eine Verbindung zwischen dem international operierenden islamischen Terrorismus und dem Regime in Bagdad herzustellen. Tatsächlich muss man sagen, gibt es die Verbindung zwischen Al Qaida und Irak erst nach dem Sturz der irakischen Diktatur. Es ist jetzt die Gefahr entstanden, dass sich aus einem totalitären Staatsgebilde ein gescheiterter Staat entwickelt. Die fehlende staatliche Autorität im Irak macht es möglich, dass sich internationale Terroristen in den sich bietenden Freiräumen niederlassen und von dort aus operieren.

Die Begründung der Bush-Regierung, der Krieg gegen den Irak sei ein Krieg gegen den Terrorismus, war und ist demnach falsch.

Das ist richtig. Der Irakkrieg hat dafür nicht getaugt und taugt dafür bis heute nicht. Der Irak bietet dem Terrorismus jetzt mehr Unterschlupfmöglichkeiten als er das vorher jemals hätte tun können. Das war ja auch immer ein Argument der Staaten, die den Krieg abgelehnt haben. Die Kriegsgegner waren zum einen nicht überzeugt, dass es eine immanente Gefahr durch irakische Massenvernichtungswaffen gibt. Zum anderen glaubten sie nicht, dass ein Krieg gegen den Irak zu einer Reduzierung des Terrorismus oder einer Besserung der Chancen für Frieden und Demokratie im Nahen Osten führen würde.

Wäre die internationale Staatengemeinschaft heute bei der Bekämpfung des Terrors weiter, wenn es keinen Irakkrieg gegeben hätte?

Das kann man so nicht sagen. Es gibt andere Entwicklungen in der Region, die für die Frage, wie viel Zulauf oder Attraktivität terroristische Organisationen haben, von großer Bedeutung sind. Das ist insbesondere natürlich der arabisch-israelische Konflikt, dessen Existenz als ungelöstes Problem eine enorme Attraktivität für extremistische Ideologien verursacht. Für einen Typus von Terrorismus, wie Al Qaida ihn repräsentiert, hat es des Irakkriegs nicht bedurft. Die sind auch weiterhin aktiv. Deshalb ist es schwer zu sagen, wir wären heute beim Anti-Terrorkampf ohne Irakkrieg weiter. Die umgekehrte Aussage, der Irakkrieg habe die Welt oder auch nur Amerika sicherer gemacht, ist aber mit Sicherheit falsch.

US-Verteidigungsminister Rumsfeld soll gesagt haben, die USA müssten den Irak und nicht Afghanistan angreifen, weil es dort bessere Ziele für Bombenangriffe geben würde. Wir wirkt diese Aussage auf Sie?

Sie und ich waren bei der Kabinettssitzung nicht anwesend. Da es aber keine echten Dementis gibt, scheint es zumindest tendenziell so diskutiert worden zu sein. Die Aussage überrascht mich auch nicht wirklich, weil wir sehen, dass es in der Bush-Administration eine Gruppe von ideologisch motivierten Akteuren gibt, die sich über rationale Einwände des Militärs, der amerikanischen Geheimdienste und des Außenministeriums wiederholt hinweggesetzt haben.

Wenn Sie die Bush-Regierung beraten könnten, was würden Sie ihr empfehlen?

Erstens: Die USA müssen versuchen die Vereinten Nationen in den Irak hineinzubringen, ohne amerikanisches Engagement aufzugeben, um das zu stabilisieren, was sie selber durcheinander gerüttelt haben. Zweitens: Amerika sollte sehr, sehr glaubwürdig an einer Lösung des arabisch-israelischen, insbesondere des palästinensisch-israelischen Konfliktes arbeiten. Nicht, weil es eine direkte Verbindung zwischen den beiden Konflikten Israel und Irak gibt, sondern um ein Stück Glaubwürdigkeit amerikanischer Politik im Nahen Osten wieder herzustellen.

Das Gespräch führte Lutz Haverkamp.

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