Zeitung Heute : Die Aussteigerin

Politischer Talk hat ein Gesicht: Sabine Christiansen. Ein Jahr noch, dann will sie an Günther Jauch übergeben

Joachim Huber

„Ja, es ist Liebe.“ Die „Bunte“ war sich im April ganz sicher: Das zwischen der deutschen Talklady Sabine Christiansen und dem Pariser Jeansfabrikanten Norbert Medus, das wird was. Erst eine Titelstory, dann eine zweite: Die sonst so beherrschte, ja verbissene Christiansen mit einem Lachen im Gesicht, losgelöst, hier eine Umarmung, dort ein Kuss, am Flughafen, im Café. Wochen später moderierte sie, die Elegante, ihre Talkshow „Sabine Christiansen“ erstmals in einer Jeans – in einer Redwood-Jeans; das ist das Label des neuen Freundes. War das der Anfang vom Ende? Hätte man damals schon absehen können, was gestern passierte?

Sabine Christiansen, bekannteste deutsche Moderatorin, steigt aus. Sie hört mit ihrer politischen Sonntags-Talkshow in der ARD im Sommer 2007 auf. Für ihren neuen Lebensgefährten zieht sie nach Paris. Das ist die eine Sensation des Freitags. Die zweite: Günther Jauch übernimmt ab Herbst. Das ist nicht weniger als der Wechsel von Deutschlands Talklady Nummer eins zum beliebtesten Moderator im deutschen Fernsehen. Der ARD ist ein respektabler Coup gelungen.

Christiansen muss „Sabine Christiansen“ nicht aufgeben, sie will es so, nach dann fast zehn Jahren Leitung und Moderation der Talksendung. Die Gründe für ihre Entscheidung „liegen in einem verstärkten Engagement meinerseits für das weltweite CNBC-Format ,Global Players’ als auch im privaten Bereich durch eine Verlagerung meines Lebensmittelpunktes ins Ausland“. In der „Global Players“-Sendung des US-Kabelsenders CNBC moderiert die 48-Jährige in fließendem Englisch insbesondere Wirtschaftsthemen; weltweit ist sie dafür unterwegs, da muss sie nicht in Berlin leben und arbeiten, anders als bei „Sabine Christiansen“. Dieses politische Format verlangt die stete Präsenz am Regierungssitz.

Natürlich laufen schon die Gerüchte durch die Gasse, Christiansen, die viel Gescholtene ohne rechten Standpunkt in ihrer TV-Diskussion, sei zum Stabwechsel gedrängt worden. Da ist ARD-Programmdirektor Günter Struve vor, der die Sendung miterfunden hat. Struve sagte, so sehr er Christiansens Entschluss auch bedauere, so froh sei er doch, „dass es uns gelungen ist, Frau Christiansen zu überreden, noch bis zur Sommerpause 2007 weiterzumachen“. Seit Anfang des Jahres gab es Verhandlungen zwischen Sabine Christiansen und ihrer Produktionsfirma TV 21 auf der einen, dem NDR und der ARD auf der anderen Seite. Es ging um eine Vertragsverlängerung, nicht um den Ausstieg. Zwar sind die Einschaltquoten in diesem Jahr, dem Jahr nach der Wahl, auf durchschnittlich 3,72 Millionen gesunken. Verglichen mit dem Starttermin am 1. Januar 1998 ist das der schwächste Zuspruch über die letzten acht Jahre, trotzdem konnte „Sabine Christiansen“ die Konkurrenz, namentlich „Berlin Mitte“ vom ZDF mit Maybrit Illner, auf Abstand halten.

Vor dem Fernsehduell zur Wahl 2005 hatte sich Sabine Christiansen mit einem Redakteur des Tagesspiegels getroffen. Sie saß in ihrer exquisiten Büroetage Ecke Ebert- und Lennéstraße und gab die Resolute, wie immer. Sie denke und handele in Zehn-Jahres-Plänen, sagte sie damals. Eine Dekade lang war sie Moderatorin der ARD-„Tagesthemen“. Und nun geht ihre Talkshow Mitte 2007 ins Finale, nur Monate vor dem zehnjährigen Jubiläum.

Sabine Christiansen ist eine überlegte Frau. Im Bewusstsein, dass der Erfolg beim Publikum – das ist ihre Bezugsgröße und keineswegs der Chor der Kritiker – keine stabile Größe ist, hat sie mit ihrem Co-Gesellschafter und Co-Geschäftsführer Michael Heiks in Berlin die Produktionsgesellschaft TV 21 hochgezogen. Neben der Hausmarke „Sabine Christiansen“ wird dort für den MDR „Fakt ist ...!“ gefertigt, für N 24 „Studio Friedman“ und für n-tv „Späth am Abend“. Diese Fremdaufträge, das Honorar für die eigene Moderation plus die Produktion der ARD-Sendung haben Sabine Christiansen zur wohlhabenden Frau gemacht. Michael Ortmanns, Sprecher von „TV 21“, sagte, Sabine Christiansen werde für das Unternehmen wie gewohnt weiterarbeiten, „sie hat immer einen Koffer in Berlin“. Christiansen muss sich dennoch ihrer neuen Liebe sehr sicher sein, nach zwei Ehen und einer Liaison mit dem Multi-Aufsichtsratsvorsitzenden Manfred Schneider.

In Paris wartet das Glück, in Berlin die Arbeit, vorderhand die Verhandlungen mit ihrem Nachfolger Günther Jauch. Jauch ist Alleingesellschafter der Produktionsfirma „I & U TV“. Wie bei seinem Wochenmagazin „Stern TV“ hält der Mann aus Münster mit Wohnsitz Potsdam gerne alle Fäden in der Hand. Über kurz oder lang wird er nicht nur die Sendung, sondern auch deren Produktion übernommen haben. Der 49-Jährige ist eine allgegenwärtige Marke, vielleicht sogar der mächtigste Mann auf dem Bildschirm. „Wer wird Millionär?“, Lottoshows, Jahresrückblicke, „Stern TV“, Sport-Moderationen bei der Vierschanzentournee und aktuell bei der Fußball-WM – da verwundert es doch, dass der Sonntag noch ein Jauch-freier Tag war.

Jauch hat bisher viel Unterhaltung gemacht, und wenn er beim circensischen RTL-Jahresrückblick einen Jungen von sieben Jahren zu Gast hat, der Telefonnummern am Ton erkennt, wenn bei „Stern TV“ siamesische Zwillinge getrennt werden, dann schiebt das seine Werte auf der Beliebtheitsskala steil nach oben. Er ist lieb, aber nicht schleimig. Davor bewahren ihn das spitzbübische Schiefgrinsen und sein wacher Verstand. Ein Polittalk funktioniert aber ganz anders. Kann Jauch Härte? Statt Schicksale und Herzensangelegenheiten sprödeste Themen wie Gesundheitsreform – da wird der brave Vorzeigebürger Zähne zeigen müssen, da stehen die besten Antworten nicht vorformuliert auf der Karteikarte. Aber wer würde es Jauch nicht zutrauen, auch eine Politikerrunde in die Hand zu bekommen? Anders herum: Wer sich vor Millionen Zuschauern mit dem „beliebtesten Deutschen“ des Jahres 2005 anlegt, der legt sich mit Millionen Jauch-Fans an.

„Ich freue mich, ihre Nachfolge antreten zu können“, sagte er an diesem Freitag schlicht. Noch seien die Verträge ja nicht unterschrieben, aber die ARD und Jauch hoffen, „dass uns gemeinsam ein ebenso anspruchsvolles wie beim Publikum erfolgreiches Format gelingen wird“. Nur ein Günther Jauch kann es schaffen, dass die deutschen Fernsehsender mit einem ehernen Grundsatz brechen: dass ein Moderator sein Gesicht nämlich nicht bei zwei TV-Stationen zugleich in die Kamera hält. Beim ZDF musste Jauch das „Aktuelle Sport-Studio“ noch verlassen, als er immer fleißiger für RTL arbeitete.

Die beim Privatsender haben durchaus Angstschweiß auf der Stirn. Günther Jauch ist RTL, und RTL ist Günther Jauch. Zwar beteuert Senderchefin Anke Schäferkordt, Jauch und RTL seien sich einig, „die Zusammenarbeit fortzusetzen“. Und auch Jauch sagt das so. Das Tête-à-Tête von Sender und Protagonist gilt unbestritten bis zum Sommer 2007, aber keiner wagt eine Vorhersage, wohin sich der Fernsehmann danach bewegen wird. Sicher, dass ARD-Programmchef Struve schon ein neues Puzzle für den neuen ARD–Mitarbeiter Jauch zusammenfügt, sicher auch, dass Jauch das Sparregiment beim Privatsender RTL nicht sehr behagt. Die Gebührenmilliarden der öffentlich-rechtlichen Sender haben nicht nur einen Johannes B. Kerner von Sat 1 zum ZDF gezogen. Erst einmal ist die Senderkonkurrenz geschockt.

Vor dem Business kommt das Private. Noch in diesem Sommer will Günther Jauch seine langjährige Lebensgefährtin Thea Sihler, das Paar zieht vier Kinder groß, in Potsdam heiraten. Zugleich wird Sabine Christiansen in einem feinen Arrondissement in Paris heimisch werden.

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