Zeitung Heute : Die Auswahl

John Edwards ist jung und charmant. Besonders gut kommt er bei den kleinen Leuten an – anders als Bush-Herausforderer John Kerry

Malte Lehming[Washington]

John Kerry, der demokratische Herausforderer von Präsident Bush, hat John Edwards zu seinem Vize ernannt. Welches Wählerpotenzial kann der charismatische Südstaatler für Kerry gewinnen?

Welche Wähler soll er locken? John Edwards, der Vize von John Kerry, kommt bei vielen Menschen an. Weil er jung ist, erst 51 Jahre, und noch jünger aussieht. Weil er gut aussieht, könnten ihm ein paar Frauenherzen zufliegen. Am wichtigsten aber dürfte seine Herkunft aus einfachen Verhältnissen sein. Der Senator aus North Carolina redet klar und einfach, doziert nicht, kann seinem Publikum glaubhaft zu verstehen geben: Ich bin einer von euch. Dass er längst mehrfacher Millionär ist, vergessen seine Zuhörer in solchen Momenten.

Doch sonst? In den „Bible Belt“, jenen Streifen im Süden Amerikas, in dem die Evangelikalen wohnen, wird er kaum eindringen. Bundesstaaten wie Alabama, Mississippi oder Georgia sind unerschütterlich fest in republikanischer Hand. Kein Demokrat kann es sich leisten, etwa gegen Abtreibung, Homo-Ehe oder Stammzellenforschung zu opponieren. Das indes sind die Themen, die auf der Agenda der streng Religiösen ganz oben stehen. Knapp 80 Prozent der Evangelikalen werden sicher für George W. Bush stimmen. Das werden weder Kerry noch Edwards verhindern. Edwards stammt aus einem Südstaat. Wird das den Demokraten helfen? Höchstens indirekt. Es zwingt das Weiße Haus, ein paar Wahlkampf-Ressourcen in Gegenden zu verlagern, die bereits als gewonnen betrachtet wurden. Aber politisch kippen wird der Süden nicht. Allenfalls in Louisiana könnte es knapp werden. Selbst in seinem eigenen Bundesstaat North Carolina hätte es Edwards wohl schwer, noch einmal wiedergewählt zu werden. Der ehemalige Rechtsanwalt ist laut seinem Abstimmungsverhalten im Senat der viertlinkeste aller Senatoren, Kerry der linkeste. Es wird ungeheuer mühsam für dieses Team, sich ein moderates Flair zu geben, das im konservativen Süden Minimalvoraussetzung ist, um gewählt zu werden.

Entscheidend bei den Präsidentschaftswahlen sind ohnehin nur ein paar Bundesstaaten. Die meisten davon liegen im industriell geprägten Mittleren Westen der USA. In diesen wenigen tobt der Wahlkampf, hier wird um jede Stimme zäh gerungen. Vor vier Jahren konnte Al Gore sich nur knapp in Minnesota (zwei Prozent mehr als Bush), Wisconsin (0,2 Prozent) und Iowa (0.3 Prozent) durchsetzen. Bush dagegen lag in Ohio (mit 4 Prozent Abstand), New Hampshire (1 Prozent), Missouri (3 Prozent) und Florida (0.01 Prozent) vorn. Im Mittleren Westen dominieren die Themen Konjunktur und Arbeitslosigkeit. Nicht ganz unbegründet hofft das Bush-Lager darauf, dass sich die positive Entwicklung verfestigt.

Außerdem gibt es auch Wähler, die Edwards verprellt hat. Als Anwalt, der sich auf Produkthaftungs- und Schadenersatzklagen spezialisierte, war er zwar erfolgreich, ramponierte aber seinen Ruf. Bei Unternehmen, Ärzten und Handwerkern gelten solche Anwälte, die Unsummen an Schadensersatz erstreiten, als unseriöse Halsabschneider. „Das sind die Parias der Geschäftswelt“, sagt Jerry Jasinowski, der Präsident der „National Association of Manufacturers“. Die Unternehmer hätten mehr Angst vor ihnen als vor „Terroristen, China oder hohen Ölpreisen“.

Allgemein indes sollte die Rolle des Vizepräsidenten in den USA nicht überschätzt werden. George Bush senior hat es nicht geschadet, einen minder begabten Vize wie Dan Quayle an seiner Seite gehabt zu haben. Der Demokrat Walter Mondale wiederum schaffte es trotz der beliebten Geraldine Ferraro nicht. Nur Hillary Clintons Pläne dürften, zumindest kurzfristig, mit der Entscheidung für Edwards durchkreuzt worden sein. Sie wäre gerne im Jahre 2008 gegen Bush angetreten. Falls Kerry diesmal verlieren sollte, hätte sie nun in Edwards einen ernsthaften Rivalen.

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