Zeitung Heute : Die Bank bin ich

Josef Ackermann ist nervös. Sollte der Chef der Deutschen Bank schuldig gesprochen werden, „dann ist er weg“, sagen seine Mitarbeiter. Aber auch bei einem Freispruch weiß er genau: Etwas bleibt immer hängen

Henrik Mortsiefer Jürgen Zurheide[D&#25]

Er benimmt sich wie ein Verdächtiger, der auf dem Weg zur peinlichen Vernehmung von seiner Familie und seinen Nachbarn nicht erkannt werden will: Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, huscht an diesem Donnerstag ein paar Sekunden vor neun in den Verhandlungsraum des Düsseldorfer Landgerichtes – genau in dem Moment, in dem die Vorsitzende Richterin die Fotografen des Saales verweist. Keine Bilder. Während der Plädoyers sitzt Ackermann mit dem Rücken zum Publikum. Und mittags reiht er sich erst in die Warteschlange der Kantine ein, nachdem die Kameraleute ausgesperrt wurden. „No pictures“, sagt der Wachmann, der aufpasst, dass nichts passiert.

Nervöser als der Chef der Deutschen Bank und seine Leute hat wohl kaum jemand darüber gewacht, die Kontrolle über das eigene Bild zu behalten. Peinlicher als er hat kaum jemand darauf geachtet, nichts zu tun, was die Richterin gegen ihn aufbringen könnte. Und beflissener als er war kaum je ein Angeklagter, wenn er pünktlich auf die Minute im Gerichtssaal Platz nahm.

Verhandelt wird, ob die umstrittenen Millionenabfindungen an den früheren Mannesmann-Chef Klaus Esser nach der feindlichen Übernahme durch den britischen Mobilfunkkonzern Vodafone gezahlt werden durften – oder ob es sich um einen schweren Fall von kollektiver Untreue handelt. Angeklagt sind frühere Manager und Aufsichtsräte der Mannesmann AG, unter ihnen Esser selbst und der frühere Arbeitnehmer-Aufsichtsrat, Ex-IG-Metall-Chef Klaus Zwickel. Doch am Ende, nach 35 Verhandlungstagen, während der Plädoyers der Verteidigung, geht es eigentlich nur noch um einen: Josef Ackermann. Die anderen sind entweder abserviert, zurückgetreten, pensioniert oder abgefunden. Nur Ackermann hat den entscheidenden Karriereschritt erst nach der Übernahmeschlacht im Frühjahr 2000 gemacht: als er vor zwei Jahren Chef der Deutschen Bank wurde. Für ihn geht es um alles in diesem Verfahren.

Niemand außer Ackermann hat sich solche Blößen gegeben. Schon am ersten Verhandlungstag im Januar ist das passiert, was Öffentlichkeitsarbeiter einen Super-GAU nennen. Ackermann begrüßt seinen Mitangeklagten Esser, dem er früher gern mal bescheinigt hat, „eines der größten Managementtalente in Deutschland zu sein“ – mit dem Victory-Zeichen. Später werden beide sagen, sie hätten sich über Michael Jackson und seinen Kindesmissbrauchsprozess in Kalifornien unterhalten. Was für eine Eselei es von Jackson gewesen sei, seine Fans mit den zum „V“ gespreizten Zeige- und Mittelfinger zu grüßen. Doch das wird ihnen niemand mehr glauben. Das Bild ist da. Es sollte die öffentliche Wahrnehmung des Verfahrens bestimmen, egal wie bescheiden Ackermann noch auftritt.

Das „V“ steht für alles, was die Menschen an der Deutschen Bank und ihren Managern hassen: Es steht für ihre Arroganz gegenüber den kleinen Sorgen der kleinen Kunden, es steht für ihren Hochmut gegenüber den schweren Sorgen der großen Kunden, und es steht für die coole Herablassung ihrer Londoner Investmentbanker gegenüber Deutschland als Heimatland für Banken.

Das V-Zeichen war „die Katastrophe“, murmeln die Deutschbanker unter sich. Dabei wisse doch jeder, dass der Josef Ackermann gar nicht so sei. Ganz zugänglich könne er sein, keinesfalls beratungsresistent wie sein Vorvorgänger Hilmar Kopper, der nach dem Schneider-Bankrott im Zusammenhang mit offenen Handwerkerrechnungen in Millionenhöhe von „Peanuts“ gesprochen hatte und sich später auch noch auf einem Eisenbahnwaggon voller Erdnüsse hatte fotografieren lassen. Im Gegenteil, Josef Ackermann, der sei sympathisch, jungenhaft, zupackend, der habe die Bodenhaftung nicht verloren. Der komme schließlich aus dem Investmentbanking, da gehe es rau und herzlich zu. Meinen die Banker. Und können nicht verstehen, dass es genau diese Rauheit ist, die man sich auf den Weltfinanzmärkten zulegt, die die Kunden und Mitarbeiter in Deutschland so erschreckt.

Wie er so im Gericht sitzt, zweifeln nicht nur die Staatsanwälte an der Bescheidenheitsoffensive. Ackermann wird von zwei Bodyguards begleitet, die selbst im Gerichtssaal ihre Waffen nicht ablegen. Später, in der Kantine, hat er kaum seine Mahlzeit beendet, als ein dienstbarer Geist aus der Pressestelle der Deutschen Bank sein Tablett abträgt und in den dafür vorgesehenen Ständer räumt. Bei der Deutschen Bank ging es schon immer herrschaftlich zu. Das hat sich nicht geändert, auch wenn der Chef jetzt vor Gericht steht.

Wird er Ende Juli schuldig gesprochen „dann ist er weg“, sagen die Mitarbeiter der Deutschen Bank, und sie erschrecken sich immer ein bisschen, wenn sie das sagen. „Dann ist er weg“ heißt nämlich nicht nur, dass die Deutsche Bank dann keinen Chef mehr hat. Sie hat dann auch kein Konzept mehr, keine Idee, wie es weitergehen soll, und keinen Eigentümer, der hinter ihr steht. „Dann ist er weg“ heißt, dass die Baustelle Deutsche Bank ihren Architekten verliert, bevor er seine Pläne offenbart hat.

In Frankfurter Bankerkreisen tröstet man sich nach solchen schauerlichen Gedanken damit, dass am Ende des Prozesses wohl ein Freispruch für Josef Ackermann stehen werde. Selbst wenn die Verteidigung in die Revision gehen oder die Verstöße gegen das Aktienrecht ein zivilrechtliches Nachspiel haben sollten, „bleibt wohl nichts hängen“, hofft man in den Hochhaustürmen, die die Skyline des Bankenplatzes Frankfurt bestimmen. „Nach dem Urteil in Düsseldorf ist die Sache durch.“ Basta.

Doch so trotzig die Banker öffentlich den Fall Ackermann klein reden, so unsicher werden sie im persönlichen Gespräch. „Man weiß natürlich, dass da bei der Deutschen Bank etwas gewesen ist“, räumt einer ein. „Aber vielleicht vergisst man es einfach.“ Ermittelt werde in Deutschland ja inzwischen „gegen alles, was sich bewegt“. Solange das Tagesgeschäft im Frankfurter Bankenviertel geht, wie es immer gegangen ist, werden die Ereignisse im Düsseldorfer Landgericht verdrängt.

Dabei ist ganz offensichtlich, dass der Prozess die Deutsche Bank in Bedrängnis gebracht hat. Der Chef zweimal in der Woche vor Gericht, der Aufsichtsrat außer Rand und Band, die Investmentbanker außer Form: Die Ereignisse der letzten Wochen sind nicht gerade das, worauf ein deutsches Geldhaus stolz sein kann. Die Bank selber äußert sich nicht zu den Spekulationen, Ackermann habe in den vergangenen Monaten seine Aufgaben als Vorstandschef vernachlässigt. „Vorstand und Aufsichtsrat sind überzeugt, dass das Tagesgeschäft der Deutschen Bank durch das Gerichtsverfahren nicht negativ beeinflusst wird“, lautete die offizielle Sprachregelung schon im Oktober vergangenen Jahres, als die Gerichtstermine für Ackermann bekannt wurden. An dieser Einschätzung habe sich nichts geändert.

Die Nachrichten sprechen eine andere Sprache: Der amateurhaft organisierte Börsengang der Postbank sorgte für Gelächter in der Branche und für schweren Ärger mit dem Kunden, der Post. Denn: Zuerst geriet ein internes Papier in die Öffentlichkeit, in dem die Deutsche Bank als Anführerin des Börsengangs am Wert der Postbank zweifelte. Dann wollte sie sich das Institut auf einmal selbst einverleiben – was zumindest anrüchig gewesen wäre, weil die Deutschbanker mehr über die Postbankbilanz wussten als alle anderen möglichen Bewerber. Zwar billigt man Ackermann persönlich zu, erst durch die Initiative der Bundesregierung als möglicher Käufer der Postbank ins Spiel gekommen zu sein. Unverständnis äußern Beobachter aber über die Indiskretionen und PR-Pannen, die den Branchenprimus ins Zwielicht rückten.

Hart dementierte interne Machtkämpfe zwischen Ackermann und Aufsichtsratschef Rolf Breuer über die richtige Expansionsstrategie geben weitere Rätsel auf: Während Breuer neuerdings der Ansicht ist, eine deutsche Bank müsse ihren Sitz nicht in Deutschland haben, ist Ackermann unversehens in die Deutschland-Umarmer-Fraktion übergelaufen. Der Standort sei besser als sein Ruf, Europa habe gute Chancen, einen eigenen Weg zu finden, sagt Ackermann – zum großen Erstaunen der Londoner Investmentbanker des Hauses, die so ganz nebenbei auch zu den größten Einzelaktionären der eigenen Bank gehören.

Selbst die Zahlen, die Josef Ackermann Anfang Juni auf der Hauptversammlung präsentierte, verlieren beim zweiten Hinsehen ihren Glanz. Zwar legte die Bank im vergangenen Jahr einen Gewinnsprung hin und will im kommenden Jahr eine für deutsche Verhältnisse respektable Eigenkapitalrendite von 25 Prozent erreichen. Doch die Finanzprofis hätten „die Zahl so lange bereinigt, bis sie gut aussah“, urteilt der unabhängige Bankenanalyst Dieter Hein. Tatsächlich könne man Ackermanns Angaben zur Profitabilität der Bank vergessen. „Im deutschen Vergleich steht die Bank zwar gut da“, sagt Hein. „Die internationalen Wettbewerber sind aber teilweise doppelt so gut.“

Kein Wunder, dass die Nervosität in der Bank mit jedem Tag wächst, den der Chef auf der Anklagebank sitzen muss. Entsprechend scharf ist auch der Ton an diesen letzten Tagen des Verfahrens. Ackermanns Anwalt Eberhard Kempf attackiert die Staatsanwälte frontal. Mal wirft er ihnen vor, einen „Popanz“ aufgebaut zu haben, mal ruft er, „die Anklage war von Anfang an bodenlos und ist es bis heute geblieben“.

In der vergangenen Woche hatten die Anklagevertreter am Ende ihres Plädoyers zwei Jahre Haft für Ackermann gefordert. Sie hatten ihm „ein hohes Maß an Pflichtwidrigkeit“ unterstellt und ihn beschuldigt, seine Aufsichtspflichten im Übernahmekampf einfach nicht ernst genug genommen zu haben. „Er hat sich durch Gleichgültigkeit ausgezeichnet“, beschuldigten die Ankläger den gebürtigen Schweizer Ackermann, der in der Bank für seine Detailtreue gefürchtet ist.

Ackermann selbst hat inzwischen erkannt, wie gefährlich solche Sätze sein können. Er weiß: Es ist schon etwas hängen geblieben.

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