Die Bank Friedrichs : Preußens Bank & Gloria

Friedrich II. wird das ganze Jahr über gefeiert, doch eine große, bleibende Leistung wurde nicht beachtet: Die Gründung der Preußischen Seehandlung 1772. Sie forcierte den Weg in die Moderne.

Firmensitz am Gendarmenmarkt: Im Bild oben das Gebäude (rechts) auf einem Gemälde von 1835.
Firmensitz am Gendarmenmarkt: Im Bild oben das Gebäude (rechts) auf einem Gemälde von 1835.Foto: bpk

Das Friedrichjahr steuert sein letztes Drittel an. Es hat uns den spektakulären Zeitgenossen seines Jahrhunderts gezeigt, den Barockfürsten und den Aufklärer. Es hat sein Nachleben als deutsche Ikone, auf Heldenbildern und Bierreklamen, vorgeführt. Dass der Kriegsheld von europäischem Ruf wegen aktuellen Desinteresses an Heldentaten und Staatsaktionen nur am Rande vorkommt, werden wir verschmerzen.

Fehlt da noch was? Ja, natürlich. In unserem ökonomischen Zeitalter glänzt der Förderer von Handel und Wandel durch Abwesenheit. Es fehlt sein Unternehmen: die Preußische Seehandlung. Dabei widerfährt ihr in diesem Jahr auch ein historisches Datum, nicht 300 Jahre wie dem König, aber immerhin 240 Jahre. Am 14. Oktober 1772 hat Friedrich II. sie auf den Weg gebracht.

Doch nicht einmal die Potsdamer Friederisiko-Ausstellung nimmt davon Notiz. Dabei gibt es kaum eine andere Einrichtung, in der sich die Spur von Friedrichs Erdentagen so aktiv bis in die Gegenwart fortgesetzt hat. Noch immer gibt es eine Preußische Seehandlung, mit Adresse, Programm und Wirkung. Und mit einiger Fantasie kann man sich auch noch dem Gefühl hingeben, sie am Ort ihres Wirkens aufzusuchen. An der Ecke Jäger-/Markgrafenstraße am Gendarmenmarkt hatte sie eineinhalb Jahrhunderte ihren Sitz – in dem Palais, in dem heute die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften residiert. Der Leibniz-Saal der Akademie war die Kassenhalle der Preußischen Staatsbank, die sich bis zu ihrem Ende als Seehandlung zu erkennen gab.

Womit schon die Besonderheit berührt ist, die sie auszeichnet: die Verbindung von Kontinuität und Wandel. Die Preußische Seehandlung ist ja nur die kürzeste Zeit das gewesen, was der wunderliche, nach Seefahrt und Fernhandel riechende Name andeutet – ein Unternehmen, mit dem das bodenständige Preußen versuchte, sich Anteil am weltweiten Güteraustausch und der Expansion der Märkte zu verschaffen. Daneben und bald in der Hauptsache agierte sie als Bank, förderte vor allem unter Christian Rother, seit 1820 Präsident der Seehandlung, die industrielle Entwicklung, war über viele Jahrzehnte der Motor für den Ausbau der Infrastruktur des Landes – und machte als Instrument des Staates Wirtschafts- und Sozialpolitik. Mit der Auflösung Preußens nach dem Zweiten Weltkrieg ruhte ihr Geschäft – bis sie 1983 als Bank endgültig aufgelöst und aus ihrer Abwicklung heraus als kulturelles Förderungsorgan Berlins wieder belebt wurde.

Der Geist, in dem sie gegründet wurde, ist im absolutistisch ziselierten Tonfall ihrer Gründungsurkunde bewahrt. „Indem Wir unablässig bemühet sind, für das Glück und den Wohlstand unserer Untertanen zu sorgen, so bemerken Wir, wie vorteilhaft es Ihnen sein würde, unmittelbar und unter unserer Flagge, von Unseren Häfen die Häfen von Spanien und allen anderen Plätzen zu beschiffen“, heißt es im Patent. Es verschweigt nicht den Zweck des Unternehmens: die Suche nach „tüchtigem Gewinn“.

In der Preußischen Seehandlung geht die merkantile Seite des Absolutismus mit Preußens Entwicklung zu einer modernen Macht eine enge Verbindung ein. Friedrichs Entschluss, die Wirtschaft durch Handel zu fördern, hat noch die Zerrüttung des Landes durch die Schlesischen Kriege und die Notwendigkeit seiner Wiederherstellung zum Hintergrund. Die Mutation zur Bank vollzieht sich in einer noch dramatischeren Phase der preußischen Geschichte: dem Zusammenbruch des Landes 1806 und seiner Wiedererrichtung. Da wächst die Seehandlung heraus aus dem Handel mit Salz und Wachs, dem sie in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens oblag, und verschafft dem Staat die Anleihen im Ausland, die ihm das Überleben und schließlich die Konsolidierung sichern.

Der Charakter dieser Veränderung lässt sich an dem Mann ablesen, der die Geschichte der Seehandlung fast 30 Jahre bestimmt, bis an die Grenze der 1848er-Revolution. Dieser Christian Rother ist der klassische Typ eines Aufsteigers: ein Bauernsohn aus Niederschlesien, dem wegen der Standesgrenzen der Zugang zur Gymnasialbildung verwehrt wurde, und der gleichwohl Karriere in der Finanzverwaltung machte. Unter ihm wird die Seehandlung „gleichzeitig Staatsbank und staatlicher Unternehmer allergrößten Stils“, schreibt Wolfgang Radtke, Mitglied der Historischen Kommission zu Berlin.

Die vielleicht größte, jedenfalls dauerhafteste Leistung der Seehandlung ist dabei der Straßenbau. Er legte in Preußen die Grundlage für das Fernstraßennetz, damit auch des heutigen Bundesstraßennetzes und beschäftigte zeitweise 15 000 Arbeiter. Ebenso förderte die Seehandlung den Eisenbahnverkehr und intensivierte die Binnenschifffahrt auf Spree, Havel und Elbe – damals entstand das erste eiserne Schiff in Preußen, gebaut in der Maschinenbauanstalt Moabit, allerdings noch von einem englischen Mechaniker. Mit eigenen Schiffen unterhielt die Seehandlung einen weltweiten Warenhandel.

Zugleich betrieb sie Industrieförderungspolitik. Die „Seehandlung“ wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts – wie Hans-Ulrich Wehler in seiner „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ schreibt – der „größte Gewerbetreibende im preußischen Staat“. Dabei standen an erster Stelle „ihre eigenen, als Musterbetriebe gedachten Unternehmen, darunter vierzehn erfolgreiche Spinnereien, Webereien, Maschinenfabriken usw., auch die chemische Fabrik Oranienburg, von welcher der angesehene schwedische Chemiker Berzelius behauptete, es gebe in England und Frankreich kein vergleichbares Unternehmen“. Außerdem hielt sie Beteiligungen und vergab Subventionen.

Ein Hauch des landesväterlichen Impulses, der in der Gründungserklärung aufscheint, wirkt weiter in der sozialen Orientierung der Seehandlung. Ihre Unternehmungen zeichnete ein durchaus fürsorgender Zug aus – unentgeltliche Suppen in ihren Betrieben, Treueprämien und andere patriarchalische Wohltaten. Wie überhaupt die Industrialisierungs-Politik der Seehandlung oft unterentwickelten Regionen zugute kam. Rother war selbst philantropisch tätig. Die von ihm gegründete Rother-Stiftung widmete sich den unverheirateten Töchtern von Beamten und Offizieren. Auch diese Einrichtung hat die Wechselfälle der Geschichte überstanden: Noch heute unterhält die Stiftung ein Seniorenwohnheim in Lichterfelde.

Unumstritten war diese Mixtur von Industriepolitik, Staatswirtschaft und technischem Fortschritt indessen nie. Bereits in den Anfangsjahren stieß die „Preußische Seehandlung“ auf den Widerstand der Kaufmannschaft von Königsberg und Memel. Die Kritik wird vehementer in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts, in denen sich die bürgerlichen Kräfte verstärkt regen. Da muss sich die Seehandlung den Vorwurf anhören, ein „absolutistisches Fossil“ zu sein. Die Schubkraft dieses Modells läuft in den Jahrzehnten der liberalen Wirtschaftsentwicklung aus.

Umso nachhaltiger entwickelt es sich als Bank. Nach der Revolution von 1848 werden die industriellen Unternehmungen verkauft, und es beginnt der Aufstieg im Geschäft mit Anleihen und Finanzierungen. Die Seehandlung stützt mit ihren Mitteln Kriege – 1864, 1866 und 1870/71– und die Hilfsmaßnahmen nach dem Brand von Hamburg 1842, sie fördert die Verstaatlichung des Eisenbahnwesens und die in ihrer Existenz bedrohten Gutsbesitzer in Ost- und Westpreußen. Wo immer der preußische Staat finanzpolitisch agierte oder die stürmische Industrialisierung Kapital brauchte, war sie mit im Geschäft. Sie wurde zum „Bankier des preußischen Staates“, an vielen seiner Operationen beteiligt – bis diesem Staat durch die Alliierten im Februar 1947 das Lebenslicht ausgeblasen wurde.

Die Pointe dieser langen Geschichte ist – von heute aus gesehen – die Neugründung der Seehandlung als Kulturstiftung: eine Nach- und Neugeburt, mit ihrer Geschichte verbunden durch die Nabelschnur des 19-Millionen-Mark-Kapitals, das bei der Liquidierung 1947 übrig geblieben war. Es ist kein Zufall, dass sie Anfang der 80er Jahre eingeleitet wurde – in einer Zeit, in der sich in Berlin manches änderte. Der Senat unter Dietrich Stobbe brachte die Preußenausstellung auf den Weg, den bis dahin dominierenden Sozialdemokraten rutschte der Boden unter den Füßen weg, ein politisch-psychologischer Klimawandel fand seinen Niederschlag in einem Regierungswechsel, 1983 konnte Richard von Weizsäcker als Regierender Bürgermeister seinen Namen unter das Gesetz für eine Stiftung setzen, die „in erster Linie kulturelle und wissenschaftliche Aufgaben in Berlin und mit Berlinbezug“ fördern soll.

Eine große Stiftung lässt sich mit diesem Kapital nicht auf die Beine stellen. Umso mehr Aufmerksamkeit hat die Seehandlung darauf gerichtet, durch überlegten Einsatz ihrer Mittel eigenes Profil zu gewinnen. Das scheint ihr, schaut man auf das öffentliche Echo ihrer Arbeit, in bald 30 Jahren gelungen zu sein. Sei es dank ihrer Grundsätze – gefördert werden nur solche Vorhaben, für die sonst keine Mittel zu beschaffen sind, und dies auch nur einmal, jedenfalls zeitlich befristet –, sei es wegen der Mischung aus Bescheidenheit und Qualitätsbewusstsein, mit der sie auftritt: Die Stiftung hat ein neues, erfolgreiches Kapitel in der Geschichte der Seehandlung aufgeschlagen.

Sie hat sich als eine Stütze – und auch immer wieder als Nothelfer – der Berliner Kultur bewährt. Mit ihren regelmäßigen Preisen und Stipendien setzt sie ihr Richtpunkte. Der seit 1989 verliehene „Berliner Literaturpreis“, seit 2005 bereichert mit einer Heiner-Müller-Gastprofessur an der Freien Universität, ist der repräsentative Literaturpreis der Stadt; der Theaterpreis wird jährlich während des Berliner Theatertreffens vergeben, dessen 25-jähriges Bestehen war 1988 der Anlass seiner Begründung; ein Friedlieb-Ferdinand-Runge-Preis will Kunstvermittlung außerhalb der traditionellen Bahnen fördern – und mit seinem Namen an einen Chemiker erinnern, der in der Oranienburger Fabrik der Seehandlung tätig war, ganz im Sinne der romantischen Tradition Wissenschaft und Kunst verband.

Ansonsten aber ziehen sich die Spuren der Stiftung, ablesbar an dem diskreten Hinweis: „Gefördert durch die Stiftung Preußische Seehandlung“, quer durch die Kultur- und Wissenschaftslandschaft. Viel Berlin-Brandenburgisches ist darunter, aber auch ein Stiftungslehrstuhl für die Geschichte der industriellen Welt, der den Historiker Jürgen Kocka nach Berlin brachte, und das Gedenkbuch, das die 55 969 deportierten jüdischen Berliner verzeichnet. Die Stiftung hat 1993 mit einem Stipendium von gerade 13500 DM den Beginn der Edition der Herausgabe der Tagebücher von Victor Klemperer möglich gemacht, die ein Welterfolg wurden. Sie hat geholfen, Nachlässe zu erwerben, und Werkausgaben gefördert – das Namensspektrum reicht von Franz Hessel, dem legendären Flaneur, bis zu Hans Werner Richter, dem Kopf der Gruppe 47, und weit darüber hinaus.

Angelangt ist die Stiftung im Friedrich- Jubiläumsjahr wieder bei ihrem Gründer. Sie ist Mitveranstalter der von der Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten initiierten sieben wissenschaftlichen Konferenzen, die die aktuelle Summe der Erforschung und Bewertung von Friedrich dem Großen ziehen. Eine lange, wirklichkeitssatte Geschichte schlägt um in Wissenschaft und Reflexion. Verknüpft durch eine Einrichtung, die wunderbarerweise 240 Jahre wechselnder Zeiten überstand.

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