Zeitung Heute : Die Becquerelschlacht

Als die Tschernobyl-Wolke Deutschland erreicht, sind die Behörden hilflos und überfordert. Die Bevölkerung hat Angst vor der unsichtbaren Gefahr.

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Endlich Frühling in Berlin. An diesem letzten Freitag im April erreichen die Temperaturen zwölf Grad, nachts bleibt es mild – bei mäßigem Wind und leichter Bewölkung. Zwei Wochen zuvor hat das Strandbad Wannsee aufgemacht, obwohl am Morgen des Eröffnungstages noch Schnee gelegen hatte.

Die Stadt ist noch durch die Mauer geteilt. Viele Berliner sitzen an diesem Abend wieder mal draußen. Manche grillen schon, andere haben es sich, mit einer Decke auf dem Schoß und einem Glas Wein oder einer Flasche Bier, auf dem Balkon gemütlich gemacht.

Auch Rolf Augustin genießt diese Frühlingsnacht – allerdings in Braunschweig. Er ist damals 42 Jahre alt. Noch heute, 20 Jahre später, erinnert sich Augustin genau an jenen 25. April: „Mein Schwiegervater war in einem Gartenverein – und weil er krank war, bat er mich, in seinem Schrebergarten für Ordnung zu sorgen.“ Das war Pflicht für alle Vereinsmitglieder. „Ich rief ein paar Freunde an, die halfen mir, und aus der Gartenarbeit wurde eine Feier bis spät in die Nacht“, erzählt der Wissenschaftler, der sich bis heute nicht recht für Gartenarbeit begeistern kann. Und als er, wie viele andere Menschen in Deutschland, um 23 Uhr 24 noch draußen sitzt, explodiert – 1500 Kilometer entfernt – Reaktor Nummer 4 des Lenin-Atomkraftwerks bei Tschernobyl.

EINE NEUE ZEITRECHNUNG BEGINNT

In der Ukraine ist zu diesem Zeitpunkt bereits der 26. April angebrochen, damals, 1986. „Am Ort der Katastrophe war es 1 Uhr 24“, weiß Augustin. Er arbeitet bis heute im Zeitlabor der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig, wo man die berühmten Atomuhren betreibt. Heute ist uns die Ukraine nur noch eine Stunde voraus, aber „1986 galt dort noch die Dekretzeit,“ erklärt Augustin. Das ist eine Art zusätzliche Sommerzeit, die 1930 für die gesamte UdSSR eingeführt wurde. Nach der Unabhängigkeit schaffte die Ukraine dieses Sowjetrelikt ab.

Dass in jener Nacht eine neue Zeitrechnung beginnen würde – das Zeitalter der Halbwertzeiten von radioaktiven Elementen, die Blütezeit der Atomgegner und die Endzeit der Sowjetunion, eine Zeit der Verharmlosung und Hysterie – all das ahnte Rolf Augustin nicht.

DAS KERNKRAFTWERK BRENNT

UND DEUTSCHLAND WEISS VON NICHTS

Es wird Sonntag, dann Montag – und in Deutschland weiß man von nichts. Längst treibt eine radioaktive Wolke gen Nordwesten, unaufhaltsam nähert sie sich mit ihrer strahlenden Fracht.

Am Dienstag werden in Berlin Temperaturen von über 20 Grad erreicht. Schlangen bilden sich vor den Eisdielen. Viele nutzen die Mittagspause und setzen sich für ein Stündchen ins Gras, ziehen die Schuhe aus und lesen Zeitung in der Sonne. In der „taz“ steht eine seltsame Meldung aus Schweden: „Das AKW Forsmark ist am Montag geräumt worden, weil außerhalb des Kraftwerks in einem Umkreis von vier Kilometern radioaktive Strahlung gemessen wurde.“ Fieberhaft suchen schwedische Ingenieure nach dem Leck im eigenen Atomkraftwerk Forsmark an der Ostsee, nördlich von Stockholm. Darauf, dass die Strahlung aus Tschernobyl stammen könnte, kommen sie nicht.

Erst am Mittwoch platzt die Bombe: „Reaktorkatastrophe in der UdSSR – Zehntausende evakuiert“ titelt die „taz“, „Der von der Fachwelt gefürchtete Super-GAU ist eingetreten“ schreibt die „Welt“ und in der „Süddeutschen Zeitung“ heißt es nüchtern „Moskau: Unfall in Kernkraftwerk nördlich von Kiew.“ Reaktorkern durchgeschmolzen, Brand ausgebrochen, Radioaktivität entwichen.

Und mit einem Schlag hat sich die Welt verändert. Aus den niedlichen Schönwetterwölkchen am strahlend blauen Himmel sind vermeintliche Todesengel geworden. Die Vorfreude auf ein Picknick im Grünen am ersten Mai schlägt um in Panik vor Wiesen. Angst vor Regen. Angst vor dem Strahlentod. Niemand in Westeuropa weiß, wie viel Radioaktivität bislang aus dem beschädigten Reaktor entwichen ist. Brennt er noch? Werden weitere Explosionen folgen? Erinnerungen an Hiroshima und Nagasaki werden wach. Verbrannte Kinder. Verbranntes Land. Diese Vorstellungen prägen das Bild der Deutschen von einem GAU. Jeder weiß um die Informationspolitik der Sowjets, glaubt ihnen kein Wort, wittert Verharmlosung.

Die „radioaktive Wolke, die nordwärts bis Skandinavien gelangt war, trieb gestern Abend wieder in Richtung Sowjetunion zurück. Im Norden der Bundesrepublik Deutschland wurde eine leicht erhöhte Strahlung gemessen“, meldet der Rundfunk. Alles halb so schlimm, meint das Bundesinnenministerium: „Hier zu Lande besteht keine akute Gefahr.“ Und der Deutsche Wetterdienst erklärt, die Wahrscheinlichkeit, dass radioaktives Material in die Bundesrepublik verfrachtet werde, sei nach dem aktuellen Stand der Wetterlage „verhältnismäßig gering“. Doch warum wurden dann bereits erhöhte Werte gemessen? Ratlosigkeit.

DIE WOLKE ERREICHT DEUTSCHLAND – ERST KAUFT NIEMAND JOD-TABLETTEN

Noch verharren die Deutschen in der Schockstarre. „Wir haben nur ein Päckchen Jodtabletten vorrätig, aber es hat heute niemand danach verlangt“, sagt ein Kreuzberger Apotheker, als ihn Reporter am Mittwoch danach fragen. „Bei uns hat nur ein Kunde isländische Flechte geholt“, erzählt er. Das soll gut sein gegen Atomstrahlung. Noch hat sich nicht herumgesprochen, warum Jod vor Strahlung schützen kann. Auch, dass Jodtabletten nur vor dem Fallout und nicht mehr danach etwas nützen, weiß niemand. Zu diesem Zeitpunkt schwebt die radioaktive Wolke bereits über ganz Deutschland.

Erst am Donnerstag wird bekannt, dass die Wolke das Land schon am Dienstag erreicht hatte. Jetzt beginnt der Run auf die Jodtabletten, deren Wirkung Journalisten so beschreiben: Die Schilddrüse kann Jod nicht selbst herstellen, benötigt es aber zur Bildung von Hormonen. Deshalb speichert sie Jod aus der Nahrung. Ist es radioaktiv, kann es Schilddrüsenkrebs verursachen – deshalb wollen die Menschen ihre Jodspeicher jetzt künstlich füllen. Vergeblich warnen Experten vor der Einnahme der Präparate, die möglichen Schäden bei hoher Dosierung stünden in keinem Verhältnis zum Nutzen. Es sei „Wahnsinn, das Zeug ohne zwingende Notwendigkeit zu schlucken“, sagen die Apotheker.

Am 3. Mai, knapp acht Tage nach dem GAU, kommt die „Wolke“ in den Köpfen der Deutschen an. Jeder spricht von Becquerel, und der Geigerzähler wird wichtiger als die Armbanduhr. Saurer Regen ist vergessen – jetzt haben alle Angst vor „Atomregen“. 1986 wird „Tschernobyl“ zum Wort des Jahres werden, gefolgt von „Havarie“ auf Platz zwei und „Super-GAU“ an dritter Stelle. Von nun an werden täglich Strahlenmessungen durchgeführt – in Bayern tauchen Milchproben mit über 1000 Becquerel pro Liter auf – auf einer Wiese in Baden-Württemberg werden 50 000 Becquerel ermittelt – Grund dafür soll ein Wolkenbruch sein. Experten vermessen sich, Ängstliche glauben sich schon verseucht. Politiker sind verwirrt, Verbraucher verunsichert, Atomgegner verärgert.

GRENZWERTE, EINFACH

AUS DEM ÄRMEL GESCHÜTTELT

Einfuhrbeschränkungen für Milch, Obst, Gemüse und Fleisch gelten jetzt außer für die UdSSR und Polen auch für Rumänien, Bulgarien, Ungarn und die Tschechoslowakei. Bundesländer geben eifrig eigene Grenzwerte heraus – in Berlin gelten 100 Becquerel pro Liter für Milch, in Hessen nur 20. Wie viel Becquerel gesundheitsschädlich sind, weiß niemand – und zwar bis heute nicht.

Gleichzeitig empfiehlt die Strahlenschutzkommission, Kühe von den Weiden zu nehmen und Milch erst auszuliefern, wenn sie auf radioaktive Strahlung gemessen wurde und pro Liter nicht mehr als 500 Becquerel aufweist. Die Kohl-Regierung übernimmt diese Empfehlung, wie sie wohl auch jede andere übernommen hätte. Am nächsten Tag bekommt auch Blattgemüse einen Grenzwert: 250 Becquerel pro Kilogramm.

Zehn Jahre nach dem Gau erzählt Manfred Scheffler, 1996 Referatsleiter für Strahlenschutz im Berliner Senat, der „taz“, er habe, nachdem in Berlin kontaminierte Milch entdeckt worden war, die halbe Nacht mit Bonn telefoniert, um einen zulässigen Höchstwert für Milch zu erfahren. Vergeblich. „Gegen Mitternacht forderte mich mein Staatssekretär auf, selbst einen Wert festzulegen.“ Seither durfte in Berlin nur noch Milch verkauft werden, bei der pro Liter nicht mehr als 100 Becquerel gemessen wurden.

Erst knapp zwei Wochen nach dem Unfall beginnt die Bevölkerung massiv auf die drohende Gefahr zu reagieren: Bei Aldi ist die H-Milch, die noch vor dem GAU hergestellt worden war, binnen Tagen ausverkauft. Trockenmilch ist fast nirgends mehr zu haben, Konserven sind beliebter als Frisches, in den Supermarktregalen bleiben Salatköpfe liegen, bis sie müde werden. Gemüsehändler werben plötzlich mit „Treibhaussalat ohne Schadstoffe“, Bauern fordern eine Entschädigung für Ernteausfälle durch Strahlenbelastung und in München werden drei Gemüsehändler von Verbrauchern wegen fahrlässiger Körperverletzung angezeigt, weil sie zu stark strahlenden Salat feilgeboten hatten.

Flüge nach Australien oder auf die Kanarischen Inseln sind ausgebucht. Wie Tatorte von Morden werden Spielplätze mit gelb-schwarzem Plastikband abgesperrt. Besorgte Väter tragen den Sand aus den Buddelkisten ihrer Kinder ab und verfrachten ihn in luftdichte Müllsäcke. Schwangere fragen ihren Frauenarzt, ob eine Abtreibung ratsam sei, wollen wissen, ob ihr Ungeborenes wegen der Strahlung behindert sein wird, und Rita Süssmuth schilt die Ärzte, die nur Tage der Katastrophe von Tschernobyl zum Schwangerschaftsabbruch raten. Unsicherheit beherrscht Deutschland.

FÜR KINDER NUR NOCH TROCKENMILCH. DIE SANDKISTE IST TABU.

Marita Mailänder war damals Kindergärtnerin im deutsch-französischen Kinderladen Plimplamplom in Berlin-Charlottenburg. Dort arbeitet sie bis heute. Sie war 1986 für acht Kinder verantwortlich. Aus der Zeitung erfuhr sie von den verseuchten Sandkästen, der vertrahlten Milch, der bedrohlichen Wolke. „Die Unsicherheit war das Schlimmste“, sagt sie heute. „Ich erinnere mich noch genau an das schöne Wetter – und wir konnten nicht raus mit den Kindern.“ Zusammen mit ihrer Kollegin Paule Koller fand sie eine Alternative: „Wir hatten einen großen Bollerwagen aus Holz – da haben wir die Kinder reingesetzt, sie durch die Straßen gefahren und ihnen Wassereis gekauft“, erzählt die Erzieherin. Im Wassereis war ja keine Milch und die Kinder konnten im Bollerwagen wenigstens an die frische Luft, ohne dabei in verstrahltem Gras zu spielen oder in kontaminierten Sandkästen. „Wir haben den Kindern erklärt, was passiert ist – sie haben die radioaktive Wolke gemalt“, erinnert sich auch Paule Koller. Sie ist Französin und arbeitet seit 1980 in dem zweisprachigen Kinderladen. „Ich weiß noch, dass meine Schwester in Frankreich belächelt hat, wie wir hier im Kindergarten reagiert haben“, erzählt sie. Irgendwie schien die radioaktive Wolke aus Tschernobyl vor der französischen Grenze stehen geblieben zu sein. „Dort interessierte man sich einfach nicht dafür.“ Tatsächlich war der Westen Frankreichs fast überhaupt nicht vom Fallout betroffen, der Osten wurde im Vergleich zu Deutschland nur leicht radioaktiv belastet. Sowohl die Bundesrepublik als auch die DDR wurden nahezu flächendeckend mit radioaktiven Partikeln überzogen, die vielerorts aber in sehr unterschiedlicher Konzentration aus der Wolke von Tschernobyl abregneten. Noch heute kann der eine Hang eines Hügels im Bayrischen Wald hundertmal so stark belastet sein wie der Hang an der anderen Bergseite – nur weil es 1986 auf der einen Seite geregnet hat und auf der anderen nicht.

Marita Mailänder weiß noch, dass es im Kinderladen damals wochenlang nur Trockenmilch gab. „Später hatten wir dann die dänische Milch von Butter Lindner.“ Die war nicht belastet, weil Dänemark fast vollständig vom „Atomregen“ verschont geblieben war. Auch zu Hause stellt sich Marita Mailänder um: „Meine Mutter hatte viele eingekochte Sachen aus dem eigenen Garten – die haben wir in der Zeit lieber gegessen als frisches Obst und Gemüse.“ Wie sie machten es viele Menschen in Deutschland – einfach vorsichtshalber. „Wir wussten einfach nicht mehr, was wir glauben sollen,“ sagt die Kindergärtnerin aus Berlin.

DIE BRD IST ZU TODE ERSCHROCKEN –

TSCHERNOBYL ZU TODE VERSEUCHT

Und während in Westdeutschland das Vertrauen in die offiziellen Stellen an den widersprüchlichen Empfehlungen zerbricht und in der DDR das Misstrauen wächst, weil seitens der Führung überhaupt keine Warnungen ausgesprochen werden, ist das erste radioaktive Jod 131, das direkt nach dem Unfall im Umkreis von Tschernobyl niederging, bereits zur Hälfte zerfallen – denn seine Halbwertszeit beträgt genau acht Tage. Noch immer tritt weiteres radioaktives Jod aus dem Reaktor aus – schon jetzt hat das Element ganze Arbeit geleistet und die Gesundheit tausender Menschen ruiniert. Unsichtbar und leise. Die Menschen in Weißrussland, Russland und der Ukraine, die in den Folgejahren an Schilddrüsenkrebs erkranken werden, die Kinder, denen man die Schilddrüse wird entfernen müssen, sodass sie ihr Leben lang Hormone schlucken – Liquidatoren, Ingenieure, Hubschrauberpiloten, Journalisten – sie alle haben es innerhalb der ersten 80 Tage aufgenommen. Danach war es zerfallen, doch die aufgenommene Dosis war genug, um daran zu erkranken.

Trotzdem dauern die Folgen der Katastrophe an. Heute sind es Cäsium und Strontium – langlebige Radionuklide mit Halbwertszeiten von rund 30 Jahren – die sich auf Wiesen und in der Humusschicht an der Erdoberfläche gehalten haben, wo Pilze wachsen und Beeren gedeihen. Rehe, Hirsche und Wildschweine fressen Pflanzen aus genau diesen Schichten – und die radioaktiven Elemente reichern sich in ihnen an.

Pistazien und Tee aus der Türkei, Nüsse aus Litauen oder Pilze und Beeren aus Deutschland – bis heute steht vieles ganz oben auf der schwarzen Liste der Nahrungsmittel. Einige Pilzsorten, Heidelbeeren oder Wildfleisch können auch heute, 20 Jahre später, noch stark belastet sein. Nüsse und Tee sind nicht mehr sehr verstrahlt. 1986 sind es vor allem alte Konserven, auf die sich die Menschen stürzen. Und als die letzte selbst eingekochte Marmelade aufgegessen ist und keine Dose mehr ein Herstellungsdatum vor dem 26. April 1986 aufweist – stellt sich die nächste Frage: Woher wissen, ob da verstrahlte Salami auf der Fertigpizza liegt? Woher stammt die Milch für den Käse auf der „Quattro Formaggi“? Und die Champignons auf der „Pizza Fungi“? Fragen, die bis heute aktuell sind, doch im Jahr 2006 zählt man lieber wieder Kalorien statt Becquerel.

DIE SCHLACHT IST

NOCH NICHT GESCHLAGEN

Damals im Herbst 1986, als dem Zeitexperten Rolf Augustin klar wurde, dass er in jener Nacht zum 26. April zum letzten Mal in einem unverstrahlten deutschen Garten gearbeitet hatte. In dem Herbst als die Kindergärtnerinnen Marita Mailänder und Paule Koller merkten, dass sich draußen nichts geändert hatte, ihnen aber das Milchpulver ausging und die Kinder nicht mehr drinnen sitzten wollten. Erst da verstanden die Deutschen, dass etwas bleiben würde von dem GAU: die Unsicherheit. Sie hatten in diesem strahlenden Sommer vier bittere Lektionen gelernt: Eine Reaktorexplosion ist unkontrollierbar. Das Wetter ist unkontrollierbar. Andere Länder sind unkontrollierbar. Vielleicht ist es auch das eigene Land.

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