Zeitung Heute : Die Bedingungen einer TV-Soap sind hart

Thomas Gehringer

Als die "Lindenstraße" 1985 zum ersten Mal auf dem Bildschirm auftauchte, schüttelten die Kritiker den Kopf: Da wird eine ganze Sende-Folge, also 30 Minuten, in nur einer Woche abgedreht? Dieses Fließbandfernsehen soll öffentlich-rechtliche Qualität sein? Hans W. Geissendörfer und sein Team schufen den Bedenken zum Trotz eine lange Zeit erfolgreiche, zuletzt in der Zuschauergunst freilich gesunkene Serie und betraten dabei für deutsche Verhältnisse produktionstechnisches Neuland. Doch die Pioniertat von einst wirkt beinahe ein bisschen altmodisch, wenn man bedenkt, was in den neunziger Jahren über die Fernsehzunft hereingebrochen ist. Die täglichen Seifenopern ("daily soaps") verlangen eine noch schnellere Produktionsweise: Damit die TV-Wirklichkeit mit der Echtzeit Schritt hält, werden etwa bei der "Verbotenen Liebe" jeden Tag im Schnitt rund 25 Minuten, also eine komplette Folge, abgedreht. Hier ist der Druck für alle Beteiligten noch größer als bei der zuletzt in die Schlagzeilen geratenen "Lindenstraße". Übrigens sind beide ARD-Produktionen nicht nur Geschwister im Genre Serie, sondern auch Nachbarn. Die Düsseldorfer Kneipe "No limits", in der sich die Jungen und Schönen der "Verbotenen Liebe" treffen, liegt kaum 200 Meter entfernt von Mutter Beimers gerade abgebranntem Münchner Reisebüro auf dem WDR-Produktionsgelände in Köln-Bocklemünd. Man könnte sich gegenseitig über die Schulter gucken, mal auf einen Sprung herüberkommen von der einen Produktionshalle in die benachbarte, aber die Kontakte sind spärlich. Denn beide Serien folgen ganz ähnlichen Gesetzen, und die lauten: wenig Zeit ("Lindenstraße") und noch weniger Zeit ("Verbotene Liebe").

Geissendörfers Crew pflegt einen gediegenen Acht-Stunden-Tag in einer Kernarbeitszeit von zehn bis 18 Uhr. Die Drehtage bei der "Verbotenen Liebe" dauern sogar von acht bis 18 Uhr 30. Überstunden sind nur begrenzt möglich, da der mit einer Personalvertretung bewehrte öffentlich-rechtliche WDR Kameraleute, Tontechniker und Beleuchter stellt. Um der Gefahr der Abstumpfung durch pausenlose Arbeit in der Fernseh-Fabrik entgegenzuwirken, wurde - ähnlich wie einst bei den Grünen und wie gegenwärtig bei den Kickern des FC Bayern München - Rotation zum Prinzip erhoben.

Zum Beispiel für WDR-Kameraleute bedeutet das einen regelmäßigen Wechsel zwischen Serie und Filmproduktionen. Bei der "Verbotenen Liebe" rotieren zudem vier Regie-Teams im Wochenrhythmus durch die Stationen Vorbereitung, Außendreh, Studioproduktion und Nachbearbeitung. Und auch für die "Lindenstraße" hat schon mehr als ein Dutzend Regisseurinnen und Regisseure gearbeitet. Doch bei dem wöchentlichen Dauerbrenner verbleiben mehr Spielräume als bei der "daily soap": Um ihr enormes Pensum zu erfüllen, kennt die Produktion der "Verbotenen Liebe" keine Sommerpause, werden die einzelnen Szenen in weniger als der Hälfte der Zeit gedreht als in der "Lindenstraße".

Gespart wird auch an der Probezeit direkt vor dem Drehen der einzelnen Szenen, dafür gibt es einen drehfreien Montag, an dem die zumeist jungen Schauspielerinnen und Schauspieler auf die wichtigsten Szenen der Woche ohne Kameras vorbereitet werden. Auch der Aufbau in den beiden Studios der "Verbotenen Liebe" ist der möglichst zeit- und kostensparenden Produktionsweise geschuldet: Auf einem breiten Mittelgang, der links und rechts die verschiedenen Kulissen teilt, fahren die Kameras einfach von einem Set zum nächsten. Besonders unter Druck sind zudem die Autoren: Während bei der "Lindenstraße" die Szenen in der Regel drei Monate vor der Ausstrahlung bereits abgedreht sind, beginnen die Dialog-Autoren der "Verbotenen Liebe" dann oft erst damit, das Drehbuch auszuformulieren. Bei beiden Serien treffen sich die Autoren alle halbe Jahr, um die Geschichten langfristig weiterzuentwickeln ("storylines").

Die Drehbücher der einzelnen "Lindenstraßen"-Folgen entstehen anschließend in Berlin, Freiburg, München oder Köln bzw. London - an den Schreibtischen der fünf Autoren inklusive Chef Geissendörfer. So bleiben die Episoden in gewisser Weise doch Einzelstücke. Bei der "Verbotenen Liebe", die in der Woche viermal so viele Sendeminuten produziert, aber nur doppelt so viele Autoren beschäftigt, wird auch diese kreative Arbeit vor Ort im schmucklosen Gebäude in Köln-Bocklemünd erledigt. Zwar haben die Schauspieler der "Lindenstraße" selbst die vom ehemaligen Produktionsleiter Huth erhobene Behauptung, sie stünden unter der Knute von "Knebelverträgen", zurückgewiesen, doch zweifellos bindet ein Serien-Engagement die Mimen auf besondere Weise. Ohne die vertraglich geforderte genaue Absprache, zu welchen Zeiten die Darsteller zur Verfügung stehen, sind kontinuierliche Dreharbeiten kaum möglich. Üblich sind auch Klauseln, die den "Schwarzen Peter" in Versicherungsfragen den Schauspielern zuschieben. So ist Fußball spielen im privaten Rahmen zwar erlaubt, doch würde sich, nur so als Beispiel, Marie-Luise Marjan bei einem offiziellen Turnier verletzen, müsste sie die Kosten für die Umstellung der Dreharbeiten selbst übernehmen. Das gilt natürlich nicht im Fall von Rebecca Simoneit-Barum, die gerade ihr zweites Kind zur Welt gebracht hat. Drei Monate lang fiel die Darstellerin der Iffi Zenker aus und weil die Geburt über den ausgerechneten Termin hinaus auf sich warten ließ, drohten die Dreh-Pläne über den Haufen geworfen zu werden. Doch Simoneit-Barums Tochter erblickte rechtzeitig das Licht der Welt und die Schauspielerin hat sich sogar bereit erklärt, den Mutterschutz nicht auszuschöpfen und bereits Ende September zum Set zurückzukehren - "freiwillig", wie "Lindenstraßen"-Sprecher Wolfram Lotze betont.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar