Zeitung Heute : Die bedrohte Paradiesfrucht

Berliner Forscher suchen ein Mittel gegen den Feuerbrand, eine gefürchtete Obstseuche. Ein Bakterium hilft ihnen dabei

Heiko Schwarzburger

Roderich Süßmuth ist Chemiker, sein Lehrstuhl an der TU Berlin wird zur Hälfte von der Schering-Stiftung bezahlt. Der Professor hat ein Faible für modernes Design, denn sein Büro ist ausgestattet wie andernorts eine künstlerische Installation: ein vergoldeter Schreibtisch, ein geschwungener Nierentisch, der auch als Liege dienen kann, verziert mit extravaganten Stützen. Das Büro liegt im Gebäude der Chemiker, hoch über der Stadt auf dem TU-Campus. Die Fenster bieten einen Ausblick, um den ihn mancher Spitzenmanager beneiden würde.

Süßmuth ist seit drei Jahren an der TU Berlin, sein Spezialgebiet sind Naturstoffe, ihre chemische Aufklärung und deren biotechnologische sowie medizinische Anwendung. Seine Arbeit hat ihn dorthin geführt, wo alle Erkenntnis ihren Anfang nahm: zum Apfel als Symbol des Wissens schlechthin. Denn Süßmuth ist auf der Suche nach einem Mittel gegen den Feuerbrand. Diese bakterielle Seuche bedroht die paradiesischen Apfel- und Birnenplantagen am Bodensee. „Die Bakterien werden durch Zwischenwirte wie Wacholder, durch Insekten und Vögel übertragen. Sie gelangen über die Blüten in den Baum“, erläutert er. „Blüten und Zweige sterben ab. Der Brand greift rasend schnell um sich. Schlimmstenfalls bleibt den Obstbauern nur, die Plantagen zu roden.“

Gegen den Feuerbrand ist kein Kraut gewachsen, auch keine chemische Keule. „Damit kommen Sie gegen die Bakterien nicht an“, kommentiert Süßmuth.

Ein einziges Antibiotikum – so etwas gibt es auch für Pflanzen – steht als Gegenmittel bereit: Streptomycin. Es wird in einer Lösung aus bauchigen Tanks über die Apfelblüten gesprüht, um die Erreger des Feuerbrandes abzutöten. „Dieser Wirkstoff wird aber auch in der Humanmedizin angewendet“, erklärt Helmut Junge, Biotechnologe und Chef der Firma Abitep in Adlershof. „Es besteht die Gefahr, dass die Bienen diesen Wirkstoff einsammeln und er auf diese Weise in die menschliche Nahrungskette gelangt. Dann sind theoretisch Resistenzen beim Menschen möglich, das Antibiotikum wird als Medikament wertlos.“ Aus der Tiermedizin sind solche Effekte schon bekannt, deshalb dürfen für Rinder oder Schweine keine Antibiotika eingesetzt werden, die ein Arzt seinen Patienten verschreibt. Anders als Süßmuth sitzt Junge in einem kleinen, unscheinbaren Büro in einem Fabrikgebäude in Adlershof, mit Aussicht auf eine Industrieruine aus der Gründerzeit. Im Innern des Gebäudes surren Bioreaktoren, Schüttelmaschinen und Fermenter, alles hochmoderne Geräte. In ihnen brodelt die Hoffnung, zumindest der baden-württembergischen Obstbauern. „Zusammen mit Professor Süßmuth von der TU und Professor Borriss von der Humboldt-Universität sind wir den Stoffwechselprodukten eines Bakteriums auf der Spur, die es offenbar mit dem Feuerbrand aufnehmen können: Bacillus amyloliquefaciens“, erläutert er.

Das liebenswürdige Bazillus scheidet bei seinem Stoffwechsel einen ganzen Cocktail an wirksamen Substanzen aus, die der Pflanze helfen und dem Erreger des Feuerbrands den Garaus machen. „Die Gruppe von Rainer Borriss an der Humboldt-Universität hat das Genom eines Bakteriums entschlüsselt, das als Biodünger das Pflanzenwachstum fördert“, berichtet Süßmuth. „Unsere Gruppe an der TU hat die chemisch aktiven Moleküle in dem Bazillus-Cocktail eingekreist. Wir wissen noch nicht genau, wie das freundliche Bazillus den Killer bekämpft. Aber die Versuche verlaufen viel versprechend.“

Die bei Abitep in Adlershof hergestellten Stoffwechselprodukte haben sich bereits auf Plantagen in der Nähe von Karlsruhe bewährt. „Das Landesamt für Pflanzenschutz hat mit unserem Präparat eine Wirksamkeit von mehr als 60 Prozent erreicht“, sagt Abitep-Chef Junge. „Im November beginnen die nächsten Labortests.“

Das Ziel ist es, in den Fermentern so viel wie möglich aus den Bakterien herauszuholen. Denn der antibiotisch wirkende Cocktail ist für viele Obstbauern im Süden Deutschlands die letzte Hoffnung. Junge betont: „Unser Mittel wirkt auf natürlichem Wege, wir haben das neue Bakterium gentechnisch nicht verändert.“ Die Bakterien ohne Antibiotika sind schon als Stärkungsmittel für verschiedene Nutzpflanzen erhältlich. Abitep vertreibt es unter dem Handelsnamen FZB-24. Um die konzentrierten Antibiotika gegen den Feuerbrand einsetzen zu können, müsste der neue Wirkstoff amtlich zugelassen werden. Seine Wirksamkeit ist nachzuweisen. Die Zulassung kostet bis zwei Millionen Euro.

Der Aufwand könnte sich dennoch lohnen. Denn der Schaden, den der Feuerbrand jedes Jahr in Europas Apfelplantagen anrichtet, übersteigt 300 Millionen Euro. Noch grassiert der Schädling vor allem in den USA, in England und im Alpenvorland.

Die Nachfrage nach Äpfeln ist groß. Obwohl die deutschen Obstbauern im vergangenen Jahr fast eine Million Tonnen Äpfel von den Bäumen pflückten, mussten weitere 800 000 Tonnen importiert werden, meist aus Italien. Die wichtigsten deutschen Anbaugebiete liegen am Bodensee, im „Alten Land“ in Niedersachsen und in Sachsen. Wenn ein Obstbauer seine Plantage wegen des Feuerbrandes roden muss, kommen ihm die Tränen. Denn Apfelbäume sind teuer, man muss sie drei Jahre lang pflegen, bis sie die ersten Früchte tragen.

Am Bodensee gerät jeder Brandbefall zur Katastrophe, denn dort befinden sich die größten Plantagen. „Neben den welken Blüten und Zweigen fließt Schleim aus der Rinde der befallenen Bäume“, erzählt Junge. Ursprünglich stammt der Killer aus Amerika. Ein rein biologisches Gegenmittel könnte in zwei Jahren auf dem Markt sein.

Mit der Entschlüsselung des Genoms und der Analyse des viel versprechenden bakteriellen Cocktails haben die Berliner Wissenschaftler eine wichtige Hürde genommen. Ihr Bericht wurde Mitte August in „Nature“ veröffentlicht, seitdem laufen die Telefone in Charlottenburg, in Mitte und in Adlershof heiß. Im November beginnen bei der Firma Bio-Protect in Konstanz die nächsten Laborversuche, an importierten Apfelbäumchen aus Südafrika. „Die Pflanzen werden in Gefrierzellen geschockt, um Winter zu simulieren“, sagt Junge. „Dann treiben sie aus, man erzeugt auf diese Weise eine verfrühte Blüte. An den Blüten erproben wir dann unseren optimierten Cocktail.“

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