Zeitung Heute : „Die Behörden behindern die Heilung“

Traumatologe Christian Lüdke über die Folgen für die Opfer

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Wie reagieren Menschen auf eine Ausnahmesituation wie die Geiselnahme in Moskau?

In der Situation der Todesdrohung und in den ersten sieben bis zehn Tagen danach stehen die Betroffenen unter Schock. Der Körper schüttet sehr viel Adrenalin und Körpereigene Opiate aus. Denken, Fühlen, Handeln sind entkoppelt. Es tritt eine gefühlsmäßige Betäubung ein. Schmerzen werden nur beschränkt wahrgenommen. Auch die Wahrnehmung und die Erinnerung sind getrübt. Daher hört man von den Geiseln häufig unterschiedliche Varianten vom Ablauf des Geschehens. Frühestens nach 14 Tagen können Opfer eine präzise Beschreibung abgeben.

Wie können drohende psychische Folgeschäden verhindert werden?

Es gibt verschiedene Phasen der Bewältigung einer Geiselnahme. In der ersten Phase nach der Befreiung, der Akutphase, ist es für die Opfer entscheidend, dass sie ein Gefühl der Sicherheit zurückgewinnen. Das gelingt vor allem dadurch, dass sie von vertrauten Personen, Familienmitgliedern oder engen Freunden, umgeben sind. Wenn die russischen Behörden die Familienangehörigen von den Opfern fern halten, riskieren sie, dass der Bewältigungsprozess behindert wird. Die Opfer müssen das wie eine zweite Geiselnahme erleben.

Wie reagieren die Opfer, wenn die erste Schockphase vorbei ist?

Nach etwa zwei Wochen gehen die Opfer durch die „Einwirkungsphase“. Sie ist geprägt durch so genannte Flashbacks. Die Betroffenen leiden unter wiederkehrenden Bildern der Situation, die sie erlebt haben. Über 80 Prozent der Opfer leiden unter Schlafstörungen. Es gibt auch andere Beschwerden: Konzentrationsschwierigkeiten, Schreckhaftigkeit, Übelkeit. Manche Opfer leiden unter Kopf und Gliederschmerzen und einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit. Jeder Betroffene leidet zumindest unter einem Teil dieser Symptome und das ist auch gesund. Denn es ist eine natürliche Reaktion auf eine verrückte Situation. Der behandelnde Arzt muss dem Betroffenen die natürliche Selbstheilungsstrategie erklären.

Welche unterschiedlichen Reaktionsweisen zeigen die Betroffenen?

Nach etwa acht bis neun Wochen können sie in drei Gruppen unterschieden werden. Etwa ein Drittel erholt sich in der Regel selbst. Ein Drittel gehört zur Hochrisikogruppe, bei denen langfristige Folgeschäden am wahrscheinlichsten sind. Das letzte Drittel sind so genannte Wechsler, bei denen noch nicht klar ist, ob für sie ein erhöhtes Risiko besteht. Etwa zwei bis zehn Prozent der Hochrisikogruppe benötigen eine langfristige psychologische Behandlung. Für die anderen ist vor allem Information wichtig, sie müssen wissen, wie der Bewältigungsprozesses normalerweise abläuft. Auf der Homepage meiner Arbeitsgruppe ( www.geiselnahme.de ) bieten wir darüber Informationen für Betroffene und Angehörige.

Durch das Fernsehen kommt der Terror auch in unsere Wohnzimmer. Wie kommen Kinder mit den Schreckensbildern zurecht?

Kinder können Medienbilder nicht rational wie Erwachsene verarbeiten. Mein Rat an Eltern: Kinder sollten die Nachrichten erst ab zwölf Jahren mit anschauen.

Das Interview führte Alexander Visser.

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