Zeitung Heute : Die Beichte seines Lebens

Warum er Sex mit Monica Lewinsky hatte? „Nur weil ich konnte“, sagt Bill Clinton. Am Dienstag erscheint die Biografie des ehemaligen Präsidenten der USA

Malte Lehming[Washington]

Er klingt zerknirscht, trotz all der Jahre. Der Grund für seine Tat sei der schlimmste gewesen, den es gibt, sagt Bill Clinton, als er auf die Lewinsky-Affäre angesprochen wird. Und dann folgt dieser Grund, der am nächsten Tag auf den Titelseiten vieler Boulevard-Zeitungen steht: „Nur, weil ich konnte.“ Nur weil er konnte, weil er Präsident war, der mächtigste Mann der Welt, weil die Gelegenheit günstig schien und das Risiko, ertappt zu werden, gering, nur deshalb hatte er Sex mit seiner Praktikantin. Das ist so banal wie ehrlich, so dämlich wie peinlich. Einen „schrecklichen moralischen Irrtum“ nennt er es selbst.

„Nur, weil ich konnte“: Das ist eines von mehreren aktuellen Zitate-Häppchen, die Amerikas Öffentlichkeit in diesen Tagen vorgeworfen werden. Gezielt wird die Medienmeute hungrig gemacht. Die Gier nach der Lebensbeichte des Ex-Präsidenten soll sich täglich steigern. „My Life“ lautet Clintons Biografie, die offiziell erst ab kommendem Dienstag erhältlich ist. Sie hat über 900 Seiten, kostet 35 Dollar und erscheint im Knopf-Verlag, der über Random House zu Bertelsmann gehört. Von der ersten Auflage werden 1,5 Millionen Exemplare gedruckt. Seit Ende April ist das Buch bereits in der Bestsellerliste von Amazon, dem Internet-Buchhändler.

„Nur, weil ich konnte“: Das sagt Clinton in einem einstündigen Interview mit dem Fernsehsender CBS. In voller Länge wird es an diesem Sonntag ausgestrahlt. Doch einige Appetitanreger servierte der Sender am Mittwoch vorab, darunter eine Enthüllung: Nach der Lewinsky-Affäre ging der Präsident einmal pro Woche zur Ehe- und Familienberatung. Mal ging er allein, mal wurde er von Ehefrau Hillary begleitet. Ein Jahr lang dauerte das. Es gebe „viele kluge Erklärungen“ für seinen Fehltritt, „komplizierte psychologische Erklärungen“, aber keine davon entschuldige sein Verhalten. „Nur, weil ich konnte“: Das sei zwar der moralisch unhaltbarste aller Gründe, aber der einzig wahre.

Clinton, der Meister aller Selbstdarsteller im obersten politischen Amt der Vereinigten Staaten, hat einen Lebensroman verfasst, launig geschrieben, ehrlich, persönlich. So präsentiert er sich auch jetzt, da er nach langer Abstinenz wieder im Rampenlicht steht. Virtuos spielt er auf der Klaviatur seiner eigenen Emotionen.

Die Lewinsky-Affäre? Clinton gibt sich traurig, selbstanklagend. Kenneth Starr, der Sonderermittler gegen ihn? Da wird er angriffslustig, wütend, ja böse. Er spricht von einem „illegitimen Prozess“, von einem „Missbrauch der Macht“. Das Amtsenthebungsverfahren? Clinton spottet: Die Konservativen hätten nach dem Fall der Berliner Mauer keinen Feind mehr gehabt, er habe ihnen deshalb als Ersatzfeind dienen müssen. An Rücktritt habe er nie gedacht. Der Kampf gegen die Amtsenthebung sei „Ehrensache“ gewesen. Sein politisches Erbe? Da schwillt ihm vor Stolz die Brust. Die Wirtschaft im Hoch, 22 Millionen neue Jobs geschaffen, den Balkan befriedet. „Der Tag, als der Kosovokrieg endete, und ich wusste, dass die Tage von Slobodan Milosevic gezählt sind, war ein großartiger Tag.“

Im Magazin „Vanity Fair“ stand vor kurzem ein ernüchterndes Porträt des Privatiers Clinton. Der Autor, Robert Sam Anson, hat den Ex-Präsidenten oft besucht und viele seiner Bekannten befragt. Nach dem Regierungswechsel, schreibt er, habe Clinton sich gelangweilt. Tochter Chelsea studiert, Hillary macht im Senat Karriere, Bill sitzt zu Hause. Er rennt auf alle Partys, zu denen er eingeladen wird, bleibt dort meistens am längsten, er lädt Nachbarn ein, um ihnen einen Vortrag über die Veränderung des Alltags durch die Technologie zu halten. „Er redet die ganze Zeit.“ – „Er hält es nicht aus, alleine zu sein.“ – „Er dreht sich nur um sich selbst.“ Das sagen selbst Freunde über ihn. Ständig sucht Clinton neue Zerstreuung. In China und Japan hält er hoch bezahlte Reden, er sammelt Geld für Aids-Projekte, liefert sich regelmäßig mit dem Republikaner Bob Dole einen kurzen Schlagabtausch im Fernsehen. Bei den Vorwahlen der Demokraten unterstützt Clinton erst John Edwards, den Senator aus North Carolina, dann Wesley Clark, den ehemaligen Nato-Oberbefehlshaber. Clark und seine Frau Hillary seien die beiden Stars der Demokraten, sagt er. Am Ende setzt sich klar John Kerry durch, der Senator aus Massachusetts. Die Bilanz? Hochtourig läuft Clinton im Stillstand.

Doch nun ist er wieder da. Mit „maximum bada-bang“ inszeniert der Knopf-Verlag seine Wiederauferstehung. Die Termine jagen einander. Sonntag: das Interview auf CBS plus Party mit tausend Gästen im New Yorker „Metropolitan Museum of Art“. Montag: weltweiter Beginn von Vorabdrucken, in Deutschland durch „Spiegel“ und „Bild“. Dienstag: Beginn der Lesereise plus Auftritt Clintons in der „Oprah Winfrey Show“. Mittwoch: Interview in der „Today“-Show auf NBC und bei „Good Morning America“ auf CBS. Donnerstag: bei „Larry King Live“ auf CNN. Freitag: die „Charlie Rose Show“ auf PBS. Gleichzeitig läuft der Dokumentarfilm „The Hunting of the President“ an, der die „konservative Schmutzkampagne“ gegen Clinton zu entlarven sucht. Entkommen kann der Billomania keiner.

Das ahnt sogar der amtierende Präsident. Am Montag waren die Clintons, zum ersten Mal seit dem Regierungswechsel, wieder im Weißen Haus. Der Anlass war eher nichtig. Porträts von Hillary und Bill wurden enthüllt und aufgehängt. Sie schauen George W. Bush nun über die Schulter. Bemerkenswert indes war die Atmosphäre im East Room. Heiter, gelöst, respektvoll, gar freundschaftlich plauderten Clinton und Bush. Sie lobten einander über den grünen Klee. Bush pries das „große Mitgefühl“ Clintons, dessen „breit gefächertes Wissen“ und „vorausblickenden Geist“. „Er hat dieses Haus mit Energie und Freude gefüllt. Er ist ein enthusiastischer und warmer Mann.“ Es folgte eine Aufzählung von Clintons politischen Verdiensten. Dann endete Bush: „Und ich könnte Ihnen mehr von dieser Geschichte erzählen, aber sie erscheint demnächst in ganz Amerika in allen guten Buchhandlungen.“ Vergeben und vergessen schien die Zeit, als Bush mit dem Versprechen in den Wahlkampf gezogen war, die „Ehre und Würde“ des Präsidentenamtes wiederherzustellen.

Vergeben und vergessen scheint auch die Zeit, als Clinton selbst von Demokraten geschnitten wurde. Ex-Vize Al Gore hatte es einst gar vorgezogen, sich von dem Skandalbesudelten zu distanzieren. Die Angst ging um, in dessen Affärenstrudel gerate jeder, der ihm zu nahe komme. Als Clinton dann an seinem letzten Amtstag einige dubiose Gestalten begnadigte, orakelten viele, jetzt sei es endgültig um den Sonnyboy geschehen.

Doch plötzlich buhlen alle wieder um seine Gunst. Laut Umfragen ist Clinton – nach Abraham Lincoln und John F. Kennedy – der beliebteste Präsident der Amerikaner. Seinen Namen trägt jeder Demokrat gerne auf den Lippen. Allen voran Kerry, der designierte Herausforderer von Bush. Artig, pointiert und galant bedankt sich Clinton dafür. „Zur Vietnamzeit“, sagt er, „konnten die meisten jungen Männer – einschließlich dem Präsidenten, dem Vizepräsidenten und mir – in den Krieg ziehen, und wir taten es nicht. Doch John Kerry sagte: ,Schickt mich’.“ Inzwischen ist eine Reihe ehemaliger Clinton-Getreuer ins Kerry-Lager gewechselt. Sandy Berger, Ex-Sicherheitsberater, und Richard Holbrooke, Ex-UN-Botschafter, sitzen ebenso im Boot wie Bruce Reed und Mary Beth Cahill. Sie haben nur ein Ziel im Auge – den Machtwechsel.

Wie man gegen einen Bush gewinnt, hat Clinton ihnen vorgemacht. Wer allerdings hofft, der Ex-Präsident werde seine neue Popularität zu einigen deftigen Breitseiten gegen seinen Nachfolger nutzen, wird wohl enttäuscht. In „My Life“ hält Clinton sich über Bush junior erstaunlich zurück. Auch in Interviews hat er sich bislang eher maßvoll, mitunter gar positiv, über den 43. US-Präsidenten geäußert. Clinton sucht keinen Streit. Er will in erster Linie seine acht Amtsjahre ins richtige Licht rücken.

Einst hat er das Land polarisiert. Er verkörperte all das, was die Gegenseite verachtete. Kein Zufall, dass in der nationalen Reagan-Trauerwoche auch Parallelen zwischen diesem und Clinton thematisiert wurden: Beide stammten aus kleinen Orten, die Familien zerrüttet, der Alkoholismus ein Problem. Beide befreiten sich daraus durch Ehrgeiz, großes rhetorisches Talent und eine bewundernswert optimistische Weltanschauung. Und über beide urteilt die Nachwelt gnädiger, als es die Zeitgenossen taten.

Im Fall Clinton freilich hat dessen Nachfolger, höchst unfreiwillig, zur Korrektur des Bildes beigetragen. Der liberale Lebemann Clinton sei politisch ideenlos und moralisch verkommen, schimpften die Republikaner. Er habe dreist die Nation belogen und im Nahen Osten keinen Frieden gestiftet. Im Wahlkampf damals, vor knapp vier Jahren, klang das zumindest nicht abwegig. Dann kam die Gegenseite an die Macht. Sie hatte Ideen und Moral. Wohin das führte, lässt sich im Irak beobachten, in Guantanamo und Abu Ghraib, in der Job-Statistik und im Haushalt. Ein neuer Slogan klebt heute an vielen Autos. Er fasst die gewandelte Stimmung zusammen: „When Clinton Lied, Nobody Died.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!