Zeitung Heute : Die Belastungsprobe

Wer übernimmt die Altenpflege? Die eigene Familie – oder die Gesellschaft?

Ulf Lippitz

Was geschieht mit uns im Alter? Darauf reagieren viele Menschen mit einem ängstlichen Ausruf: Nur nicht ins Heim! Das scheint aber angesichts der Bevölkerungsentwicklung Wunschdenken zu sein. Der Trend geht in eine andere Richtung: Als die Pflegeversicherung 1995 in Kraft trat, wurden noch 80 Prozent der Betroffenen zu Hause versorgt. Binnen sechs Jahren schrumpfte die Zahl um zehn Prozent. Das geht aus dem Pflegebericht des Statistischen Bundesamtes hervor, der alle zwei Jahre aufgelegt wird.

Im letzten Dezember schlug das Gesundheitsministerium vor, die ambulante Pflege auf- und die stationäre abzuwerten. Für alle Pflegestufen solle der gleiche Satz gelten, nicht wie bisher ein höherer für die stationäre. Das ist nur eine Idee, aber eine, für die Thorsten Jakob, Pressesprecher der Barmer Krankenkasse (BEK), Verständnis hat: „Es gibt auf der einen Seite immer mehr Singles, auf der anderen Seite will aber jeder zu Hause gepflegt werden“, sagt er. Aber die ambulante Pflege, insbesondere wenn sie von Familienangehörigen geleistet wird, käme die Sozialversicherung erheblich günstiger.

Wird die Familie mehr in die Pflege eingebunden, trifft das vor allem die Frauen: Vier von fünf Pflegenden sind Töchter, Schwiegertöchter oder Ehefrauen. „Sie sind hohen psychischen und physischen Belastungen ausgesetzt“, sagt BEK-Sprecher Jakob. „Wenn wir uns um sie nicht kümmern, sind das die Pflegebedürftigen von morgen.“

Susanne Zank erforscht als Psychologin an der Freien Universität Berlin die Folgen von stationärer und ambulanter Pflege. Sie bestätigt: „Frauen können in der Pflegesituation einer Dreifach-Belastung ausgesetzt sein. Das nennen wir die Sandwich-Position.“ Zum einen müssen sie sich um eigene Kinder kümmern, zum anderen sind sie berufstätig, und zum dritten sollen sie ihre älteren Verwandten pflegen. „Es gibt immer noch ein gesellschaftliches Stereotyp“, sagt Zank. „Es ist selbstverständlich, dass sich Frauen in der Pflege engagieren.“

Ein Gefühl der Schuld

Die Entscheidung für oder gegen häusliche Pflege ist mit emotionalen Konflikten belastet. Einerseits tritt ein Gefühl der Schuld ein, sorgt man sich nicht um einen Verwandten, andererseits reiben sich Pflegende in Einzelfällen so sehr auf, dass es zum Kollaps der Familie führt. „Die pflegenden Angehörigen dürfen nicht allein gelassen werden“, fordert Thorsten Jakob. Die Barmer bietet deshalb Pflegekurse an – Gruppenschulungen, auf denen Angehörige nicht nur richtige Handgriffe für die Umlagerung lernen, sondern sich mit anderen Betroffenen austauschen können.

„Es ist eine für viele schmerzhafte Situation, sich einerseits so aufzuopfern und andererseits das Gefühl zu haben, zu kurz zu kommen“, sagt Susanne Zank. „Freunde ziehen sich zurück, weil sie mit der Situation nicht umgehen können. Isolation ist die Folge, begleitet von starken Depressionen.“ In der Familie droht zusätzlicher Zündstoff. Meist pflegt nur eine Person, und die kann von der übrigen Familie mit klugen Ratschlägen rechnen, seltener mit der benötigten Anerkennung.

Nicht nur nach außen verstärken sich die Spannungen, auch die Beziehung zwischen Pflegendem und Gepflegtem wird auf eine Belastungsprobe gestellt. Die „filiale Reife“ – die Anerkennung der Eltern als gleichgestellte Individuen durch die Kinder – beinhaltet auch die Bereitschaft, den nachlassenden Fähigkeiten der Älteren mit Einfühlungsvermögen zu begegnen. Gerade darin sehen sich viele überfordert. Wut und Aggression können auftreten, bis hin zu echten Erkrankungen. Dabei kann in Stresssituationen bereits eine kurze räumliche Trennung helfen. Der Pflegende begibt sich in ein anderes Zimmer und wendet erlernte Entspannungsübungen an. Ist das Gefühl der Überforderung zu stark, rät Susanne Zank zur stationären Pflege. „Ein Altersheim bedeutet nicht, dass die Person aus der Welt verschwindet“, sagt sie.

Mehr Anerkennung für Männer

Gute Voraussetzung für eine Pflege zu Hause ist eine bereits lebenslang gute Beziehung. Unterdrückte Feindschaften oder gar Rachegefühle beschleunigen Konflikte. Ebenso traumatisch kann es für Kinder werden, die bei dem zu pflegenden Elternteil späte Akzeptanz erreichen möchten. „Da wird oft Dankbarkeit erwartet, aber die Kranken denken gar nicht daran, ihre Meinung zu ändern“, sagt Zank.

In einer Studie untersucht sie die Pflegesituation in Fällen von Demenz – einer altersbedingten Schwächung des Gehirns, an der über 1,5 Millionen Menschen in Deutschland leiden. Sie kommt zu einem überraschenden Schluss. „Männer können mit der Situation besser umgehen“, sagt sie. „Sie bekommen sie rational in den Griff und fühlen sich weniger emotional belastet.“ Den Grund dafür sieht Susanne Zank in einer „häufig finanziell besser abgesicherten Position“ und dem hohen Grad der Anerkennung. „Was die für eine Anerkennung erhalten, das ist ein Riesenunterschied“, findet sie. „Das ist echt ungerecht.“

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