Zeitung Heute : Die Berliner Runde ist keine "Hamsterrunde" - ein Gespräch mit Klaus Bresser (ZDF) und Ulrich Deppendorf (ARD)

Wie war der Zuspruch[wie waren die Reaktionen zur]

Wahlabende im deutschen Fernsehen sind gerade bei ARD und ZDF hochritualisiert. Prognose, Hochrechnung, Politiker und Journalisten suchen nach Ursachen für Sieg und Niederlage. Hat sich der erste Pulverdampf verzogen, kommt die "Berliner Runde", die vor dem Umzug von Regierung und Parlament noch "Bonner Runde" hieß. Über dieses Ritual sprach Joachim Huber mit ZDF-Chefredakteur Klaus Bresser und Ulrich Deppendorf, Chefredakteur ARD-Hauptstadtstudio.

Wie war der Zuspruch, wie waren die Reaktionen zur ersten "Berliner Runde" in ARD und ZDF?

Deppendorf: Der Zuspruch zur ersten "Berliner Runde" war sehr gut. 3,5 Millionen Zuschauer haben sie gesehen. Die Zuschauer haben ganz bewußt um 19 Uhr 30 eingeschaltet. Von den Zuschauern, aber auch von anderen haben wir im Prinzip eine positive Resonanz bekommen.

Bresser: Der Zuspruch der Zuschauer ist erstaunlich groß. Nach den Wahlen in Brandenburg und im Saarland waren es 3,8 Millionen, nach der Thüringen-Wahl 3,2 Millionen. In beiden Fällen Marktanteile, die über dem Durchschnitt des Gesamtprogramms von ARD und ZDF lagen.

Die "Bonner Runde" war eine Institution, eine "Elefantenrunde" der Parteivorsitzenden, jetzt trifft der Zuschauer auf eine "Hamsterrunde" von Generalsekretären, Geschäftsführern und Fraktionsvorsitzenden. Trotz alledem: was macht in Ihren Augen den Wert der "Berliner Runde" weiter aus?

Deppendorf: Von einer "Hamsterrunde" kann man nicht reden. Es sind die Generalsekretäre, bei anderen Parteien heißen sie Geschäftsführer. Das Auftreten von Herrn Struck war ein Ausnahmefall. Die "Berliner Runde" ist für den Zuschauer interessant, weil er das Wahlergebnis mit weiterführenden Aspekten diskutiert bekommt.

Bresser: Die Zuschauer wollen ganz offenbar miterleben, wie Sieger und Verlierer mit dem Ergebnis fertig werden, wie sie es bewerten und welche Schlüsse sie daraus ziehen. Das ist Politik aus erster Hand, unmittelbar nach einer Wahlentscheidung oft spontaner und emotionaler als in anderen Diskussionsrunden.

Was kann, was muss mit der Sendung selbst und/oder in ihrem Umfeld passieren, dass ihre Funktion wieder klarer hervortritt?

Deppendorf: Sehr viel kann man in der Sendung nicht verändern. Es ist auch gar nicht verkehrt, wenn innerhalb eines hektischen Wahlabends auch Zeit für ein wenig längere Diskussionsbeiträge sein kann.

Bresser: Die Kritiker der Sendung denken über die "Berliner Runde" anders als die Zuschauer. Die Zuschauer schätzen auch bestimmte Rituale. Deshalb sollten wir nicht alles umkrempeln, aber natürlich dafür sorgen, dass wir vom reinen Abfragen wegkommen.

Was ist Ihre Einschätzung: nimmt die Politik die "Berliner Runde" noch sehr ernst?

Deppendorf: Ich bin sicher, daß die Politik die "Berliner Runde" weiterhin sehr ernst nimmt. Das gilt für alle Parteien.

Bresser: Die Politik nimmt die Runde ernst, sie bekommt Gelegenheit, ausführlich und zusammenhängend zu argumentieren. Das unterscheidet die "Berliner Runde" von den Wahlsendungen selbst, in denen die Parteienvertreter oft nur atemlos zu Wort kommen.

Auf den Punkt gefragt: warum kommt der SPD-Vorsitzende Schröder nicht, warum nicht der CDU-Chef Schäuble ?

Deppendorf: In Bonner Zeiten ist beschlossen worden, die Parteivorsitzenden durch ihre Generalsekretäre oder Geschäftsführer vertreten zu lassen. Das ist Tradition geworden.

Bresser: Sie kommen ja bei den großen Entscheidungen - vor und nach den Bundestags- und Europawahlen. Aber dass sie nach allen 16 Landtagswahlen auftreten, muss ja nicht sein.

ARD und ZDF bewegen sich in einem gewandelten Medien-Umfeld. Die Politiker strömen kurz nach 18 Uhr zu allen Sendern. Die Politiker verzichten damit auf die Exklusivität ihrer Aussagen in der "Runde". Das berührt die Qualität nicht?

Deppendorf: Dass die Politiker auch vorher auftreten, ist nicht in unserem Interesse, aber im neuen Medienzeitalter nicht zu verhindern. Vielleicht müssen wir das Themenspektrum in der "Berliner Runde" an Wahlabenden noch mehr erweitern.

Bresser: ARD und ZDF sind die einzigen Sender, die umfassende und dazu noch kompetente Wahlberichterstattung anbieten. Deshalb kommen die Politiker ausschließlich oder doch zuerst zu uns.

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