Zeitung Heute : Die berühmten Tagebücher als zwölfteilige ARD-Serie

Stephan Weichert

"Deutsche, wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!" Dresden 1933. So heißt es auf Schildern an jüdischen Geschäften. Noch können die antisemitischen Machenschaften der Nationalsozialisten das gemeinsame Glück des jüdischen Hochschullehrers Victor Klemperer und seiner Frau Eva, einer nichtjüdischen Pianistin, aber kaum trüben. Als der so genannte "Arierparagraph" auf akademische Berufe ausgeweitet wird, ist eines Morgens auch Klemperer betroffen: Unmittelbar vor der mündlichen Prüfung einer seiner Studentinnen erfährt der ahnungslose Romanistik-Professor, dass ihm über Nacht die Prüfungserlaubnis entzogen wurde. Klemperer platzt der Kragen: "Ich examiniere meine Studenten, schließlich haben sie bei mir gelernt und nicht bei Adolf Hitler", brüllt er zwar noch, flüchtet aber verstört durch die verdutzten Prüflinge nach draußen.

Mit der Fernsehserie "Klemperer - Ein Leben in Deutschland" dokumentiert das Erste ab heute die dramatischen Schicksalsjahre des deutschen Literaturhistorikers Victor Klemperer während der Nazi-Diktatur. Vorlage für die 17-Millionen Mark teure Produktion sind die akribisch geführten Tagebücher Klemperers 1933 bis 1945. Als Sohn eines Rabbiners 1881 in Landsberg/Warthe im heutigen Polen geboren, arbeitet Klemperer nach seinem Studium der Philosophie und Literatur als Journalist und Schriftsteller in Berlin. Kurze Zeit später habilitiert er sich in München und wird 1920 an die Technische Hochschule in Dresden berufen. Nach seiner Zwangsversetzung in den Ruhestand im Zuge der Nürnberger Gesetze werden Klemperer und seine Frau in ein "Judenhaus" gesteckt. Die Demütigungen nehmen kein Ende: 1943/44 muss er sich bei mehreren Firmen zur Zwangsarbeit verpflichten. Anfang 1945 gelingt ihnen im allgemeinen Chaos die Flucht nach Bayern. Nur dank seiner "arischen" Ehefrau, die alle Nöte mit ihm teilt, überlebt Klemperer die schlimme Zeit in Dresden. Er stirbt 1960 im Alter von 78 Jahren.

Das eindrucksvolle Tagebuch entstand unter großer Gefahr von 1933 bis in den Sommer 1945 hinein und musste immer wieder vor Nazis und Denunzianten versteckt werden. Klemperers Anliegen war es, das fins-terste Kapitel der deutschen Geschichte für die Nachwelt exakt zu dokumentieren. Unter dem Titel "Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten" (erschienen im Aufbau-Verlag) wurden die schwer leserlichen Notizen erst 1995 mit Hilfe seiner zweiten Ehefrau Hadwig veröffentlicht. Die minuziösen und anschaulichen Aufzeichnungen vom Alltag des Dritten Reiches und des Holocaust kletterten in den Bestsellerlisten rasch nach oben: "Seine Tagebücher stellen alles in den Schatten, was jemals über die Zeit des Nationalsozialismus geschrieben wurde", urteilte der "Zeit"-Rezensent. Aus der Perspektive des "großen Chronisten" und "scharfen Beobachters seiner Zeit" erzählt das Erste in zwölf Episoden, dienstags und donnerstags um 20 Uhr 15, hautnah vom alltäglichen Leiden unter dem Nazi-Terror, aber auch von den kleinen Freuden und der großen Liebe von Victor, gespielt von Grimme-Preisträger Matthias Habich ("Das Urteil"), und Eva Klemperer, dargestellt von Dagmar Manzel ("Der Laden"). Weitere Hauptrollen haben Nicole Heesters, Esther Esche, Michael Kind und Hans-Peter Korff. Die Tagebuch-Verfilmung soll einem Millionenpublikum am "individuellen Beispiel vor Augen führen, was damals in Deutschland geschah", erklärt Fernsehfilm-Koordinator Jürgen Kellermeier den Anspruch der ARD an das Projekt. Das Fernsehstück sei "geschichtliche Bildung mit den Mitteln spannender Filmunterhaltung".

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