Zeitung Heute : Die Berührbare

Sie stand auf vielen Bühnen, spielte, schrieb, sang. Die Knef war ein deutscher Weltstar. Das Publikum reagierte begeistert – oder empört.

Christian Schröder

Sie steht in einem glitzernden schwarzen Paillettenkleid auf der Bühne, weißes Gegenlicht konturiert ihren Körper. Hinter ihr die 17-köpfige Bigband, die mit donnernden Bläsersätzen schon mächtig in Fahrt gekommen ist. Ein Moment bleibt ihr noch bis zum Einsatz. Sie fährt sich durch die Haare, stemmt ihre Hände in die Hüften. Dann beginnt sie, den Kopf hinter dem Standmikrofon leicht in den Nacken gebogen, zu singen: „Ich brauch’ kein Venedig/keine Gondeln und Tauben/und selbst die Zitronen/sollen ohne mich blühen.“ Sie stößt die Zeilen energisch, fast wütend heraus, jedes Wort ein kleiner Aufschrei. Ihre Augen, bekrönt von dichten künstlichen Wimpern, funkeln. Die Stimme wird sanfter, das Stakkato weicht einem Murmeln: „Ich brauch’ meine Straße/die muffige Kneipe/ich brauch’ meine Beichten/ beim Nachtclubportier/ich brauch’ meinen Hut/mit nilgrüner Schleife/die zugige Ecke/an der ich jetzt steh’.“

Hildegard Knef am 26. November 1968 in der Berliner Philharmonie. Das Konzert mit dem Orchester von Kurt Edelhagen, festgehalten in einer Fernsehreportage, zeigt die Sängerin auf der Höhe ihrer Kunst. Der instrumentalen Wucht trotzt sie mit selbstbewusstem Raunen, opulente Tutti-Passagen wechseln mit Momenten von lyrischer Intimität. Bei „Mackie Messer“ bleckt sie die Zähne, ein Lied wie eine Rasierklinge. Für Burt Bacharachs Liebesgeständnis „This Guy’s In Love With You“, das bei ihr natürlich „This Girl’s In Love With You“ heißt, setzt sie sich auf einen Barhocker neben Edelhagens Flügel und singt mit geschlossenen Augen. Bei der Rotlicht-Hymne „Ich zieh’ mich an und langsam aus“ deutet sie einen Striptease an. Sparsame Gesten, das Mienenspiel von Mund und Augen, ein Wechsel in der Phrasierung reichen aus, um jedem Stück eine andere Stimmung zu verleihen. Man sieht den Spaß, den die Sängerin bei dem hat, was sie auf der Bühne tut.

Hildegard Knef hat auf vielen Bühnen gestanden: als Schauspielerin, Sängerin, Bestsellerautorin, Gesamtkunstwerk. Ihr eine „wechselvolle“ Karriere zu attestieren, wäre eine gelinde Untertreibung. Auf die Triumphe folgten bei Knef immer gleich die Abstürze. Sie wurde Mitte der 50er Jahre am Broadway als eine Art neue Greta Garbo gefeiert und respektvoll „Hilde the Hun“ genannt, weil sie ihre Auftritte in Cole Porters Musical „Silk Stockings“ stoisch selbst mit hohem Fieber absolvierte. Einige Jahre später, das Geld aus dem New Yorker Engagement war längst verbraucht, drehte sie Trash-

Filme, die „Blonde Fracht für Sansibar“ oder „Bestien lauern vor Caracas“ hießen. In den 70er Jahren stieg sie mit ihren autobiografischen Büchern „Der geschenkte Gaul“ und „Das Urteil“ zur international erfolgreichsten Schriftstellerin deutscher Sprache auf und lieferte bald darauf mit Drogenentzügen und einem Scheidungskrieg Stoff für die Boulevardpresse, gegen den sich die heutigen Yellow-Press-Operetten von Uschi Glas und Olli Kahn possierlich ausnehmen.

„Mein Leben ist eine Achterbahnfahrt“, hat Knef über sich selbst gesagt und damit die Rasanz beschrieben, mit der die Auf- und Abwärtskurven in ihrer Biografie einander ablösten. Sie war eine Stehauffrau, das Sich-nicht-unterkriegen-lassen gehörte zu ihren Haupteigenschaften. Ihre Laufbahn hatte noch bei der Ufa begonnen, als Schauspielschülerin und Nebendarstellerin, über die Goebbels befand: „Die ist nett. Jedoch muss die Nase operiert werden.“ Den Untergang des NS-Regimes überlebte sie unter abenteuerlichsten Umständen in einer Volkssturm-Uniform beim Endkampf um Berlin. Danach drehte sie „Die Mörder sind unter uns“, den ersten deutschen Nachkriegsfilm, und war schlagartig berühmt. Die Leute nannten sie schon früh „die Knef“ oder schlicht „Hilde“, ganz so, als ob sie eine gute Bekannte wäre. Das war sie ja auch, Knef lieferte mit ihren Filmen, Platten, Büchern und – da erfüllte sich Goebbels’ Ratschlag bizarrerweise – Schönheitsoperationen ein halbes Jahrhundert lang Schlagzeilen, und die Deutschen hörten nicht auf, sich für sie zu begeistern oder sich über sie zu empören. In ihrem Lebenslauf spiegelt sich wie bei keiner anderen Schauspielerin die deutsche Nachkriegsgeschichte. Als Knef Anfang 2002 starb, nannte Christoph Schlingensief sie in einem Nachruf eine „Deutschlandmutter“.

Marlene Dietrich, mit der Hildegard Knef seit 1948 befreundet war, erschien bei ihren Konzerten in atemberaubenden, nahezu durchsichtigen Kleidern oder in einem pompösen Mantel aus Schwanenfedern: ein Wesen wie von einem anderen Stern. Knef hingegen behielt stets Bodenhaftung, in ihren Shows inszenierte sie sich nicht als entrückter Star, sondern als höchst irdische Frau. Bei ihrer Tournee von 1968 trug sie zwei exquisite, aber nicht extravagante Kleider, die der Pariser Modeschöpfer Pierre Balmain entworfen hatte: vor der Pause ein bodenlanges weißes Abendkleid, das vorne geschlitzt und an Manschetten und Kragen mit Strass besetzt war, nach der Pause ein ärmelloses schwarzes Pailettenkleid. Ihr persönliches Erkennungszeichen waren die künstlichen Wimpern, die sie in den 50er Jahren aus Hollywood mitgebracht hatte. Es gab zwei Dutzend verschiedene Sorten dieser Kunstaugenhaare, darunter „Demi“ (klein), „Starlight“ (gezackt) und „Dramatical“ (lang und buschig). Knef bevorzugte natürlich „Dramatical“. Sie blieb dieser Vorliebe auch treu, als die Wimpern längst wieder aus der Mode waren und trug „oft zwei, zu Glanzzeiten sogar drei Paar Wimpern übereinander“, wie sich ihr Visagist René Koch erinnert.

Die Konzertreportage aus dem Jahr 1968 ist nicht nur der Mitschnitt eines Auftritts, gezeigt werden auch die nervöse Anspannung während der Proben und – dem kritischen Geist der Zeit entsprechend – Statements von Knef-Fans und Knef-Verächtern. „Was fasziniert das Publikum an der Knef?“, lautet eine Frage aus dem Off. Zwei Antworten: „Die Art, wie sie ihre Lieder vorträgt. Mit so wenig Stimme so tolle Lieder rauszubringen.“ – „Herrgott, sie hat im Grunde genommen doch keine Stimme. Aber man muss sie gesehen haben.“ Dass sie „wenig“ oder „keine“ Stimme besessen habe, gehört zu den Gemeinplätzen der Knef-Kritik. Die Einschätzung geht auf Ella Fitzgerald zurück, die gesagt haben soll, Knef sei „the greatest singer without a voice“, die größte Sängerin ohne Stimme. Kaum ein Text über die Sängerin Knef kommt ohne dieses Zitat aus, sein Ursprung liegt allerdings im Dunkeln. Möglicherweise hat Knef das Fitzgerald-Urteil selber kolportiert, es könnte aus ihrer Broadway-Zeit stammen, als sich die Wege der beiden Sängerinnen im New Yorker Nachtleben gelegentlich kreuzten. Damals hatte das Nachrichtenmagazin „Time“ in einer Kritik über „Silk Stockings“ geschrieben, Knef sei in ihrer Rolle „erfreulich genug, um auch ohne Stimme durchzukommen“.

In Wirklichkeit hatte die Sängerin eher zu viel als zu wenig Stimme. Die Außergewöhnlichkeit ihres Organs ist früh bemerkt worden. „Als ich zwölf Jahre alt war, ging meine Mutter mal mit mir über den Kurfürstendamm“, erzählte sie 1953 in einem Interview. „Da hörte ein Herr, wie ich etwas zu meiner Mutter sagte. ,War das eben Ihre Kleine’, fragte er wie vom Donner gerührt. Mutter sagte: ,Jawohl’, aber ich musste erst noch einmal reden, bis der Fremde es glaubte. ,Nein, sowas!’, rief er kopfschüttelnd. ,Das ist ja der reinste Damenbass!’“ Knefs Stimme: eine rauchige Altstimme, die in höheren Lagen brüchig wird. Nicht zum Schmettern von Liebesarien geeignet, sondern eher zum trocken-bilanzierenden Rezitieren. Rhythmus liegt ihr mehr als Melodie, das Vibrato, das sie gelegentlich einsetzt, kann auch schon mal verrutschen. Eine markante Stimme, man hat noch im Ohr, wie sie sich über die Jahre veränderte, zum Schluss immer spröder wurde. In ihren Liedern hat sie oft mehr gesprochen als gesungen, und zwar – das war der besondere Reiz – so, als ob jeder einzelne Zuhörer persönlich gemeint gewesen wäre.

Die 60er Jahre waren ein Jahrzehnt der Befreiung. In der unmittelbaren Nachkriegszeit hatten sich die Energien der Bundesbürger auf den Wiederaufbau konzentriert. Nun schien ein gewisser Wohlstand gesichert, die nachwachsende Generation wandte sich gegen die enge Moral der Eltern und stellte überkommene Autoritäten in Frage. Auch Hildegard Knef befreite sich: von ihrer Abhängigkeit von den Filmproduzenten. Der Beginn ihrer Musikkarriere, aus der Not geboren, weil sie als Schauspielerin nicht mehr sonderlich gefragt war, war ein Schritt in die Autonomie.

Knef unterschied zwischen „kreativen“ und „rekreativen“ Berufen und fühlte sich als Schauspielerin „wahnsinnig ausgeliefert“. Sie war immer wieder für den Misserfolg eines Films haftbar gemacht worden, auch wenn sie mit dem in ihren Augen „kreativen“ Teil der Arbeit – Drehbuch und Regie – nichts zu tun gehabt hatte. Anfangs sang sie fremde Stücke, doch schon bald – ab 1965 – schrieb sie, auch darin eine Pionierin, ihre eigenen Texte.

In „Für mich soll’s rote Rosen regnen“, ihrem größten Hit, besingt sie ihren eigenen Ehrgeiz, eine ins Maßlose strebende Ambition: „Mit sechzehn sagte ich still: Ich will/Will alles – oder nichts/Für mich soll’s rote Rosen regnen/Mir sollten sämtliche Wunder begegnen“.

„Zu früh zu emanzipiert – das ist das Drama von Hildegard Knef“, hat Alice Schwarzer festgestellt und dabei den Muff der 50er Jahre und den Skandal um die „Sünderin“ gemeint. In den 60er Jahren liberalisierte sich das Klima in Deutschland, die Gegenwart schien nun gleichauf mit Knef zu sein. Man kann ihren Weg von der Schauspielerin zur Sängerin als Emanzipationsgeschichte deuten. Eine Interpretation, die Knef selber vehement zurückwies: „Nee, nee, nee, unterstellen Sie mir keine Emanzipation übers Chanson.“ Gegen den Begriff „Emanzipation“ hegte sie eine leidenschaftliche Aversion. Schon 1967 bekundete sie, nicht viel von der Gleichberechtigung zu halten, „bei uns ist der Mann der Boss“. Und noch 1999 gab sie zu Protokoll, privat sei sie „das Unemanzipierteste, was man sich vorstellen kann“. Dazu passt, dass Knef in ihren Chansons gern kleinbürgerlich-familiäre Szenarien entwarf. So besingt sie in „Gestern hab’ ich noch nachgedacht“, 1965 geschrieben, das Schicksal einer Hausfrau, die von ihrem Mann verlassen wurde: „Gestern hab’ ich noch nachgedacht/was du am liebsten isst/ob Linsen und Speck/ob Gulasch und Reis/und dann kam plötzlich kein Morgen.“

Hildegard Knef hat sich stets dazu bekannt, aus einfachen Verhältnissen zu stammen. Zu der Lebenswirklichkeit ihrer Fans ist sie nie auf Distanz gegangen, das verschaffte ihr nachhaltige Popularität, beinahe eine Art Volkstümlichkeit. An den Dramen ihres Alltags ließ sie die Öffentlichkeit stets teilhaben, es waren Dramen, die die Zuschauer auch aus dem eigenen Dasein kannten: Krankheiten, Trennungen, finanzielle und berufliche Abstürze. Nicht ihre Siege, sondern ihre Niederlagen machten sie zum Vorbild gleich mehrerer Nachkriegsgenerationen, denn Knef zeigte, was man aus dem Scheitern lernen konnte: niemals aufzugeben, trotzig weiterzukämpfen.

Der Autor ist Kultur-Redakteur des Tagesspiegel. Mitte Dezember erscheint seine Biografie „Hildegard Knef. Mir sollten sämtliche Wunder begegnen“ im Aufbau-Verlag.

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