Zeitung Heute : Die bessere Dopinggesellschaft

Hormone, Anabolika, Steroide: Verbotene Substanzen zur Leistungssteigerung – das schien es nur im Spitzensport zu geben. Ein Irrtum. Annäherung an ein Massenphänomen

Jan Schmitt

Der ganze Körper ist angespannt. An seinem Hals tritt eine Schlagader hervor, von der Schulter bis hinter das Ohr, als er die Stange mit den bunten Gewichtsscheiben stemmt. An diesem Tag sind es 100 Kilo. Er liegt mit dem Rücken auf einer mit Kunstleder bezogenen Bank. Zehn Wiederholungen schafft er. Er lässt die Stange zurück in die Halterung gleiten und atmet schwer. Sechsmal in der Woche trainiert er. „Kann schon sein, dass ich süchtig bin“, sagt Florian Weber*. „Aber ich glaube jeder, der so oft zum Sport geht, hat irgendwann so ein Suchtgefühl.“ Wie weit er schon gegangen ist, scheint ihm nicht bewusst zu sein.

Florian Weber ist 36. Er ist Jurist, aber er hat die Figur eines Models. Er hat diesen Körper allerdings nicht nur seinem Fleiß zu verdanken. Er ist auch das Produkt chemischer Zusätze.

Seit fast zehn Jahren geht Florian in ein Fitnessstudio. In der ersten Zeit waren die Erfolge enorm. Der Körper straffte sich, Muskeln traten hervor, Fett verschwand. Doch irgendwann ging alles plötzlich viel langsamer. „Ich hatte gerade angefangen, meinen Körper zu mögen, und dann ging es plötzlich nicht weiter. „Diese Grenze wollte ich nicht akzeptieren“, sagt er. Also nahm er Eiweißpulver, Aminosäuren und Kreatin, ein Mittel zur Leistungssteigerung, das man in jedem Kaufhaus erwerben kann, der erhoffte Effekt blieb trotzdem aus. Für Florian wurden Muskeln zur fixen Idee. „Jede Stagnation war ein Misserfolg. Ich trainierte immer härter, doch es tat sich nichts mehr.“ Dann erzählten ihm Freunde von ihren Erfolgen mit Steroiden. Weber machte sich Gedanken über die Folgen, aber je mehr er sich umhörte, desto mehr Leute sprach er, die schon Erfahrungen hatten. „Es war, als hätte jeder schon mal was genommen.“

Inzwischen glaubt Weber, dass etwa 40 Prozent der Besucher seines Fitnessstudios in der Kölner Innenstadt schon mal Anabolika genommen haben. Dabei ist das gar kein „Pumperstudio oder Bodybuilderschuppen“. Es gehört zu einer großen Fitnesskette, die sich in vielen deutschen Großstädten findet. Ein Studio wie Tausende bundesweit.

Ist Doping ein Massenphänomen? Nur dass niemand darüber spricht? Den eigenen Körper mit Chemie aufzurüsten zur Hochleistungsmaschine – Florian Weber nennt es sehnsüchtig den „maximalen Körper“ – ist etwas, das die meisten bisher vor allem mit dem Spitzensport verbunden haben. An aktuellen Beispielen mangelt es nicht. Siehe Radsport. Doch die Diskussionen um Stars wie Jan Ullrich oder, erst in dieser Woche wieder, den Italiener Ivan Basso verengen den Fokus des Problems.

Carsten Boos tut das nicht. Er hat als Erster in Deutschland versucht, das Phänomen des gesellschaftlich weit verbreiteten Dopings zu ergründen. Boos ist Arzt, Chirurg und Orthopäde, er betreut mehrere Stationen in der Orthopädischen Abteilung der Uniklinik Lübeck. Er arbeitet oft mehr als zwölf Stunden am Tag. Trotzdem macht er viel Sport. Im Sommer läuft er, im Winter trainiert er in einem Sportstudio. Als er eines Tages auf dem Laufband stand, fiel ihm auf, dass einige Männer in kürzester Zeit unglaublich muskulös geworden waren. Es kam ihm seltsam vor. Sein Ehrgeiz war geweckt. Er wollte wissen, wie viele Menschen in deutschen Fitnesscentern zu Anabolika greifen. Bereits 1998 entwarf Boos einen anonymisierten Fragebogen, den er an 58 Sportstudios verteilte. „Als ich die Ergebnisse auswertete, war ich völlig konsterniert“, sagt er. „Die Zahlen waren dramatisch hoch, viel höher als ich es je erwartet hätte.“ 22 Prozent der Männer und acht Prozent der Frauen bestätigten, bereits mindestens einmal anabole Steroide genommen zu haben, die meisten mehrmals. Jeder fünfte Mann in einem Sportstudio, fast jede zehnte Frau. Hochgerechnet auf die über sieben Millionen Trainierenden wären das 770 000 männliche und fast 300 000 weibliche Doper.

„Da redet man immer von Doping im Spitzensport, dabei ist der Breitensportler in viel größerem Maße bedroht“, sagt Boos. Die Nebenwirkungen seien enorm. Hautausschläge, Akne, sich zurückbildende Geschlechtsmerkmale, Gewebeveränderungen, die zu Krebs führen, schwere Leberschäden, Organveränderungen und Herzmuskelschwäche. Und, sagt Boos, die meisten nähmen Anabolika wie Vitaminpillen. „Und das oft in vielfacher Überdosierung. Das sind enorme gesundheitliche Gefahren, die auf uns und die ganze Gesellschaft zukommen.“

Der Gang ins Fitnessstudio ist seit Anfang der 90er ganz normal. Seither hat sich die Zahl der Studios mehr als versechsfacht; im Jahr 2006 gab es über 5500. Zugleich sind die Menge der Anabolika und der Radius ihrer Verbreitung bundesweit explodiert. Anabolika-„Süchtige“ findet man nun auch in Kreisen, in denen man sie kaum vermuten würde. Unter Akademikern wie Florian Weber. Unter Senioren. Soziologische Studien liegen noch nicht vor, aber Theorien gibt es so einige. Der Mensch, in der anonymen Gesellschaft zurückgeworfen auf sich selbst, baut seinen Körper zum Rückzugspunkt und Bollwerk aus. Der Körper als Panzer. Carsten Boos meint, Schuld sei aber noch etwas anderes. „In unserer Gesellschaft ist die Einnahme von Substanzen fast normal geworden. Bei jeder Kleinigkeit. Pillen zum Ab- und Zunehmen, als Schmerz- oder Nervenmittel, für die Verdauung oder zur Nahrungsergänzung, schon Kindern wird beigebracht: Nimmst du eine Pille, dann geht es dir besser.“

Florian Weber will an diesem Tag noch seine Beine in Form bringen. Er steht unter einer Langhantel und macht Kniebeugen mit 130 Kilo auf den Schultern. Im Spiegel kontrolliert er seine Bewegungen. „Über die Nebenwirkungen war ich mir schon bewusst“, sagt er, „aber ich hab sie in Kauf genommen“. Drei „Anabolika-Kuren“ hat er mittlerweile hinter sich. „Bei der ersten ging es mir vor allem um Massezunahme, das war ein unglaublicher Effekt.“ Jeden Tag spritzte er sich den Inhalt einer Ampulle in die Schulter. Binnen weniger Wochen gewann er fast 15 Kilo an Muskelmasse. Aber nur ein Drittel blieb. Der Rest waren Wassereinlagerungen, die schließlich Gesicht und Körper aufschwemmten. Mit den beiden anderen „Kuren“ wollte Weber die Form seiner Muskeln definieren.

Die Steroide hat er im Internet bestellt. „Da kriegst du alles, echt günstig.“ Zwischen vier und acht Euro kostet eine Ampulle. Verschiedene Internetversandhäuser haben sich auf den Vertrieb von Anabolika spezialisiert und liefern sich regelrechte Preisschlachten. Sie bieten Hormone an, Blutdopingpräparate für Ausdauersport, Produkte zur Leistungssteigerung von Viagra bis hin zu Mitteln, die eigentlich für die Tiermast bestimmt sind. Dazu Anleitungen, wie man sie injiziert. Bezahlt wird mit Kreditkarte oder per Nachnahme, und nach wenigen Tagen liegt die Ware neutral verpackt im Briefkasten. Kauf und Konsum sind nicht strafbar. Nur der Handel.

Flughafen Köln- Bonn, tiefe Nacht. Riesige Frachtmaschinen parken auf dem Rollfeld, glänzen im rötlichen Scheinwerferlicht. Gepäckwagen schlängeln sich von den Flugzeugen zum Terminal. Jede Nacht werden hier Tausende Päckchen, Pakete und Frachtstücke entladen. Zollangestellte ziehen all jene heraus, die durch den Absender, die Form des Pakets oder Geräusche beim Schütteln verdächtig sind.

Doping ist auch hier ein Thema. Die meisten verbotenen Substanzen kommen aus Asien und Amerika, wahrscheinlich mehrere Tonnen jedes Jahr. Der Zoll hat im vergangenen Jahr mehr als eine Million Präparate beschlagnahmt, rund 300 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Es waren vor allem Anabolika.Die Zahlen scheinen beeindruckend, obwohl nur ein kleiner Bruchteil der Waren entdeckt wird: Schätzungen zufolge weniger als ein Prozent.

„Die Tendenz erschreckt uns“, sagt Wolfgang Schmitz, Sprecher des Zollkriminalamts, das seinen Sitz in einer ehemaligen Kaserne im Kölner Osten hat. In der Ausstellungshalle türmen sich beschlagnahmte Präparate. Schmitz schüttet säckeweise Briefsendungen auf den Boden. Die meisten stammen aus den USA. Viele Anschriften sind sorgfältig gemalt, mit einer akkuraten Mädchenschrift. In den Umschlägen befinden sich Packungen mit Winstrol und Decadurabolin, zwei besonders gängige Steroide. Schmitz öffnet einen Koffer, darin Hunderte Plastikdosen mit Testosteronkapseln. In einem Pappkarton lagern gläserne Ampullen mit arabischen Schriftzeichen. Es gibt kaum einen Drogendealer, der heute neben Aufputschmitteln, Koks und Ecstasy nicht auch Anabolika im Gepäck hätte, glaubt Schmitz. Die Fahnder sorgt, dass immer mehr Jugendliche in den Handel verstrickt sind. Das geht aus den Ermittlungsakten hervor.

Der Trainingsraum des Jugendzentrums Seeberger Treff im Kölner Norden ist etwa vierzig Quadratmeter groß. Mindestens 20 Jugendliche trainieren hier jeden Tag. Aus dem CD-Player dröhnt Techno. Ein heißer Nachmittag, es sind die 16- bis 20-Jährigen da, die Älteren kommen meist abends. Viele tragen Straßenkleidung. Ein paar Jugendliche sind schon sehr muskulös, andere haben erst angefangen. Aber Muskeln wollen sie alle und das schnell, „für den Sommer, fürs Schwimmbad, für die Mädels“. Die Anerkennung hier wächst mit der körperlichen Präsenz. Aber auch Angst schwingt mit, die Unsicherheit, den richtigen Weg einzuschlagen. Sich größer machen, stärker werden. Der Muskel ist eine Waffe im Kampf ums Bestehen in den Ellenbogenecken der Gesellschaft.

Seit man vor einiger Zeit Ampullen und Spritzen in der Umkleide des Seeberger Treffs gefunden hat, gibt es strenge Kontrollen. Das Jugendzentrum soll eine drogenfreie Zone sein. Ein Trainer, Corc, schlank, dunkelhaarig und selbst in dieser Gegend aufgewachsen, betreut die Jugendlichen. Corc weiß, wie jemand aussieht, der Anabolika nimmt. „Das erkenne ich an den Augen, an der Figur.“ Wenn ihm jemand auffällt, fliegt der.

Corc weiß, wie groß die Versuchung ist. Manchmal stehen die Dealer mit offenen Kofferräumen vor den Schulen und Jugendzentren und bieten ihre Waren an. „Die Ungeduld der Jungs ist unser Gegner“, sagt Corc. „Wenn die so richtig im Training sind, wollen sie unbedingt weiter zulegen.“ Grenzen, die der Körper vorgibt, werden nicht akzeptiert. „Für die Gesellschaft ist das einfach kein Thema. Obwohl da eine riesige Welle auf uns zurollt. Fahren Sie mal zur Fibo“, sagt Corc, „dann wissen Sie, was ich meine“.

Die Parkplätze rund um das Essener Messegelände sind voll. Drehtüren spucken die Besucher in eine fitte Welt. Die Fibo ist die größte Fachmesse für Fitness und Wellness weltweit. Seit 17 Jahren präsentieren die Aussteller auf dem Essener Messegelände ihre Produkte rund um den Körperkult. Der Markt wächst ständig. Das Interesse der Besucher ist jedoch recht ungleich verteilt.

In den Hallen 3, 4 und 5 gähnende Leere. Die Lichtsaunen, Sonnenbänke und das Wellnesszubehör locken offenbar niemanden. In den Hallen 10 und 11 aber werden die Gänge voll. Tausende drängen sich hier und versuchen, einen Blick auf die Exponate zu erhaschen: Eiweiß- und Kohlenhydratzylinder stapeln sich zu meterhohen Türmen, Aminosäure- und Kreatindosen stehen aufgereiht in Glasvitrinen, Kaskaden von Tabletten und Pillenpackungen fließen aus Metalltonnen und Wäschekörben. Hinter den Verkaufsregalen posieren Bodybuilder mit einem Bizepsumfang von 60 Zentimetern. Männer und Frauen mit modellierten Körpern strahlen. Auf Tuchfühlung mit dem Idealmenschen.

Viele Besucher, auch Jugendliche, tragen tütenweise Muskelaufbau-Schnäppchen davon. Alle Produkte auf Naturbasis, versteht sich. Harmlos also?

Selbst Nahrungsergänzungsmittel sind oft nicht frei von Hormonen, sagt Professor Wilhelm Schänzer. Seit zwölf Jahren leitet er das Biochemische Institut an der Sporthochschule Köln. Hier werden Substanzen auf Inhaltsstoffe hin getestet. Schänzer kennt die Methoden des Marktes: „Neben dem Schmuggel mit ausgewiesenen Anabolikapräparaten gibt es auch einen verdeckten Handel, bei dem Hormonpräparate als Aminosäuren getarnt werden. Noch schwieriger zu entdecken sind Produkte, die versteckte Hormonbeimischungen enthalten, wie angebliche Vitaminkapseln, Eiweiß oder Wellnesstees.“

Die Vielfalt scheint grenzenlos, und der Handel breitet sich fast ungehindert aus. Selbst wenn ein Dealer mit Säcken voll Anabolika erwischt wurde, konnte er bislang einer Strafe entgehen. Indem er auf Eigenbedarf plädierte. Zwar hat der Gesetzgeber eine Änderung in Aussicht gestellt, die möglicherweise noch in diesem Jahr in Kraft tritt und den Handel eindämmen soll. Doch bisher gibt es keine Obergrenzen. Wilhelm Schänzer zeigt auf einen Berg voll Pillendosen und Ampullen, die auf einem Tisch ausgeschüttet sind. „Das alles könnte zurzeit noch als Eigenbedarf durchgehen“, sagt er. „Dabei könnte man damit eine Fußballmannschaft ein Jahr lang dopen.“ Die Tendenz sei schon seit Beginn der 90er bekannt, aber passiert sei so gut wie nichts, sagt Schänzer.

Carsten Boos, der Lübecker Chirurg, sieht das ähnlich. Er hat eine neue, umfassende Studie ausgearbeitet, die genaue Daten über die aktuelle Lage in Deutschland liefern könnte. Doch die liegt seit Jahren in der Schublade. Er hat alle möglichen Stellen um Unterstützung gebeten, vergeblich. Niemand will die 30 000 Euro zur Verfügung stellen, die für die Auswertung nötig wären. Einen Ansprechpartner auf politischer Ebene gibt es nicht. Das Gesundheitsministerium verweist auf die Abteilung Sport im Innenministerium, die wiederum auf das Gesundheitsministerium. Lediglich für den Spitzensport sei man zuständig. Der Breitensport sei Angelegenheit der Länder. Der Vorsitzende der Sportministerkonferenz der Länder dagegen sagt, das alles sei doch eher Sache der Fitnessstudios.

Freizeitsportler Florian Weber hatte bisher Glück. Die Anabolika haben bisher keine bemerkbaren, schweren Schäden hinterlassen. Also verdrängt er die Angst davor. „Klar kann man die Langzeitfolgen nicht abschätzen“, sagt er, „aber darüber mache ich mir jetzt keine Gedanken“. Der Sommer steht bevor. Die nächste „Kur“ hat er schon besorgt. *Name geändert

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