Zeitung Heute : „Die Beste von allen“

Brüssel trauert um eine gute Freundin und Politikerin

Mariele Schulze Berndt

Bei der Europäischen Union wehen die Fahnen auf Halbmast. „Ganz Europa ist in Trauer“, schrieb der italienische Außenminister Franco Frattini in seiner Erklärung als Ratspräsident zum Tod von Anna Lindh. Mit ihr habe die Europäische Kommission ebenso wie die Außenminister eine Politikerin verloren, die der europäischen Politik ihren Stempel aufgedrückt hat. Sowohl was die europäische Außenpolitik angeht als auch in den Erweiterungsverhandlungen, die zum Teil in die Zeit der schwedischen Ratspräsidentschaft fielen. Umweltkommissarin Margot Wallström sagte in Anspielung auf ihre gemeinsame Zeit in der schwedischen Regierung unter Tränen: „Sie war die Beste von uns allen.“ Haushaltskommissarin Michaele Schreyer sagte: „Sie war eine so sympathische Politikerin, die mit ihrer offenen und demokratischen Einstellung im europäischen Prozess eine wichtige Rolle spielte.“ Der Vorsitzende der EVP-Fraktion im EU-Parlament Hans-Gert Pöttering forderte, Lindhs Engagement für Europa solle „parteiübergreifend als vorbildlich verstanden werden“.

Für die Außenminister aus den EU-Mitgliedstaaten war sie offenbar nicht nur eine respektierte Kollegin. Viele berichten von einer persönlichen Freundschaft. „Eine sehr gute Freundin“ nannte Joschka Fischer die 46-jährige Schwedin, die schon vor Jahren einmal ihr Baby zu einem Ministertreffen mitgebracht hatte. Der britische Außenminister Jack Straw erinnerte an das informelle Außenministertreffen am Gardasee am vergangenen Wochenende. Lindh habe dort einen Anruf ihres Sohnes bekommen, der sich aus der Wohnung ausgeschlossen hatte. Sie habe sofort das Gespräch mit den Außenministern unterbrochen und das Problem in Schweden gelöst, berichtete er beeindruckt.

Nicht nur während der Zeit der schwedischen Ratspräsidentschaft wurde Lindh dadurch bekannt, dass sie kein Blatt vor den Mund nahm, wenn es um ihre Überzeugung ging. Noch in diesem Sommer kritisierte sie den italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. Sie bezweifele, dass er in der Lage sei, die Verhandlungen über die EU-Verfassung zu einem erfolgreichen Ende zu führen, sagte sie im Reichstag. Er solle dies der irischen Regierung überlassen, die im Januar 2004 die Ratspräsidentschaft übernehmen werde. „Eine etwas spezielle Regierung wie die von Berlusconi hat nicht das politische Gespür, das politische Kontaktnetz sowie das Vermögen zu breiten politischen Kompromissen wie andere europäische Regierungen“, wird Lindh noch Ende August zitiert.

Auch die amerikanische Politik geriet häufig in den Focus ihrer Kritik. Lindh kämpfte dafür, dass Gefangene schwedischer Nationalität aus Guantanamo Bay nach Schweden ausgeliefert werden. Als George W. Bush im Januar 2002 die Beziehungen zu Palästinenserpräsident Jassir Arafat abgebrochen hatte, nannte sie das „gefährlich“ oder sogar „verrückt“.

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