Zeitung Heute : Die Betonaufmischerin

Eine islamische Gemeinde lässt ihre Moscheen von einer Frau bauen – es klingt wie ein Widerspruch. Einer von vielen im Leben der Architektin Mubashra Ilyas

Claudia Keller[Frankfurt am Main]

Wenn Männer dabei sind, bedeckt sie auch die Lippen. Sie zieht den Schal vor den Mund, sobald die Tür sich öffnet. Aber weil sie spricht, lebhaft, klar und selbstbewusst, rutscht er immer wieder ab. Mubashra Ilyas muss oft an ihrem Schal herumzupfen, sie tut es mit routinierter Bewegung, beiläufig, es stört sie nicht. Und auch sonst ist vieles, was auf andere Menschen hier komisch, fremd wirkt, für sie selbstverständlich. Zum Beispiel, dass Männer fremden Frauen nicht die Hand geben, dass Männer und Frauen sich nicht anschauen dürfen oder dass in Berlin-Heinersdorf eine Moschee gebaut wird.

Die Moschee, die sie entworfen hat. Mubashra Ilyas, Architektin, 28 Jahre alt.

Im Januar erst hat sie ihr Studium an der Technischen Universität in Darmstadt beendet, und doch ist das Heinersdorfer Gebetshaus schon ihr drittes. Die Moschee in Offenbach bei Frankfurt ist fast fertig, und die in Bremen wurde vor drei Jahren eingeweiht.

Es ist eine interessante Verbindung. Eine junge selbstbewusste Architektin und die Ahmadiyya-Gemeinde. Eine Gemeinde, in deren Reihen die Meinung durchaus beliebt ist, dass sich das Hauptbetätigungsfeld einer Frau auf Haus und Familie zu beschränken habe. In deren Reihen es ein prominentes Mitglied gab, das ein Recht auf „leichte Züchtigung“ der Frau durch den Mann für richtig hielt.

Ausgerechnet eine solche Gemeinde also lässt das Heiligste, die Moscheen, von einer jungen Frau bauen?

Ist Mubashra Ilyas nur ein Aushängeschild, ein Feigenblatt, um Modernität zu suggerieren? Aber auch: Wie geht das zusammen, dass eine Frau in Deutschland aufwächst, in Frankfurt am Main, Architektur studiert, nicht-muslimische Freundinnen hat und trotzdem eine arrangierte Ehe akzeptiert?

Man kann sagen, dass sich in Mubashra Ilyas’ Leben die zwei Gesichter der Ahmadiyya-Gemeinde spiegeln, das rigoros Traditionelle und das Moderne. Sie vereint, was nicht vereinbar scheint, zumindest nicht für die Gegner und Befürworter der Heinersdorfer Moschee, die sich seit über einem Jahr erbittert bekämpfen.

Weil Gegner wie Befürworter nur auf die eine oder andere Seite starren und aus den entsprechenden Texten der Gemeinde zitieren. Aus denen, die den Schleier für die Frau propagieren und ihre „Pflicht, ihrem Ehemann in allem, was nicht dem Islam widerspricht, zu gehorchen“. Die eine aggressive Feindschaft zum Christentum dokumentieren und ein „vordemokratisches Staatsverständnis“. Oder eben aus denen, die die Friedfertigkeit und Toleranz der Gemeinde beschwören und in denen davon die Rede ist, dass es der Frau freisteht, „in Staat und Gesellschaft alle jene Positionen einzunehmen, zu denen sie befähigt ist“ – „ob als Rechtsanwältin, Ärztin, Wissenschaftlerin, Lehrerin oder Dichterin“.

„Es gibt viele Ahmadiyya-Frauen, die studiert haben und arbeiten“, sagt Ilyas. Zum Beispiel auch die Tochter des Berliner Imam. Ilyas ist nicht die Einzige, die die vermeintlichen Widersprüche lebt. Und an diesem Frühlingsmorgen sieht es ganz so aus, als würde es ihr dabei gut gehen.

Sie sitzt in der Bauabteilung in der Deutschland-Zentrale der Ahmadiyya- Gemeinde, einem dreistöckigen Bürohaus in einem Industriegebiet in Frankfurt, und blättert in Papieren voller Computersimulationen, voller Bilder der Heinersdorfer Moschee. Von vorn, also von der Heinersdorfer Tiniusstraße aus, werde man wahrscheinlich nur das zweistöckige Jugendfreizeithaus und den öffentlichen Spielplatz sehen, sagt Ilyas, von der Moschee im hinteren Teil des Areals wahrscheinlich nur das zwölf Meter hohe Minarett. „Die Gebäude sollen funktional sein“, sagt Ilyas. Auch die anderen Ahmadiyya-Moscheen sind schlichte Betonquader, mal gefliest, meist einfach weiß verputzt. Durch die Schlichtheit, hofft Ilyas, werden sich vielleicht auch die Nachbarn am ehesten damit arrangieren. Hier ist der Eingang für die Männer, hier der für die Frauen, sagt Ilyas und zeigt auf eine Zeichnung. Ob das nicht seltsam ist, dieses nach Geschlechtern getrennte Beten? „Wissen Sie, wenn man mit Männern zusammen ist, benimmt man sich automatisch anders“, sagt Ilyas bestimmt. „Wenn die Frauen unter sich sind und die Männer unter sich, kann man sich viel besser aufs Beten konzentrieren.“

Ilyas wurde wie ihre vier Schwestern in die Ahmadiyya-Gemeinde hineingeboren. Ihre Eltern sind vor 30 Jahren aus Pakistan nach Deutschland gekommen und haben den Glauben mitgebracht. Der Vater hat Englisch studiert und für die US-Armee in Frankfurt gearbeitet, jetzt ist er Rentner. Er hätte sie lieber als Ärztin oder Juristin gesehen, aber mittlerweile ist er stolz. „Als Architektin kann ich viel kreativer sein. Ich bin so ganz isch“, sagt die zierliche Frau, und es mogelt sich ein Brocken Hessisch in ihr Hochdeutsch.

Das Handy klingelt. Jemand aus Berlin will wissen, wann das Grundstück abgesteckt werden kann. Noch ist man dabei, die Altlasten abzureißen, die alten Garagen. Ein, zwei Wochen werde es wohl dauern, sagt Ilyas. Bei ihr laufen die Fäden zusammen, sie koordiniert Ingenieure und Vermesser, verhandelt mit dem Bezirk, erledigt Ausschreibungen. Der Leiter der Gemeindebauabteilung sitzt ein paar Schritte von Ilyas entfernt. Wenn sie auf seine Fragen antwortet, schaut er aus dem Fenster. Als die Besucherin eine Frage stellt, versucht er, sie anzublicken, aber an Ilyas vorbeizusehen – eine der vielen Grätschübungen, die die Moralgesetze den Ahmadiyyas abverlangen. Man wolle den jungen Architekten in der Gemeinde eine Chance geben, sagt er. Deshalb habe man Ilyas ausgewählt, aber auch andere Studenten seien schon zum Zuge gekommen, alle hätten ihre Entwürfe ehrenamtlich erarbeitet. So spare die Gemeinde auch Geld.

Das Handy klingelt noch ein paar Mal. Einmal meldet sich die Mutter, die gerade auf Ilyas’ zweijährigen Sohn Danial aufpasst. „Der ist so lieb“, sagt Ilyas, sie habe ihn sogar auf Exkursionen nach Italien mitschleppen können. Demnächst, wenn sie eine Stelle in einem Architekturbüro gefunden hat, soll er in den Kindergarten – einen evangelischen. Wieder so eine Grätsche.

In manchen Schriften der Ahmadiyyas steht viel Christenfeindliches. „Der Koran verdammt mit äußerster Schärfe die Praxis der Kirche“, schrieb etwa der zweite Kalif 1967 und sprach von „scharfen Trennungslinien zwischen dem Christentum und dem Islam“. Er war sich sicher, dass „die Einheit Allahs triumphieren wird und alle anderen Gottheiten zugrundegehen werden“. Warum Mubashra Ilyas ihren Sohn dennoch in einen christlichen Kindergarten geben will, darauf mag sie nicht eingehen. Der Gedanke, dass es so wirken könne, als distanziere sie sich damit von ihrer Gemeinde, ist ihr sichtlich unangenehm; so will sie das nicht verstanden haben. Nur so viel: Schon ihre Schwestern und Neffen haben diesen Kindergarten besucht. Und: „Wir Ahmadiyyas sind nicht verbohrt.“

Später, im Auto auf der Fahrt zu der fast fertigen Moschee in Offenbach, erzählt ihr Mann, wie das mit ihnen beiden angefangen hat. Dass ihre Eltern sie füreinander ausgesucht haben, dass sie zwei Jahre lang verlobt waren und sich während dieser Zeit kennenlernen konnten und dann irgendwie sicher waren, ja, das könnte was werden. Mohammad Ilyas, 33, groß, schlank, schwarzer Anzug, steuert einen Alfa Romeo. Er ist Informatiker, hat eine Firma gegründet. „Liebe ist etwas, da muss man dran arbeiten“, sagt Mubashra Ilyas. Dann könne auch ohne Verliebtsein auf den ersten Blick eine große Liebe entstehen.

Auf die heikleren Fragen lässt sie jetzt aber doch lieber ihn antworten. Ob sie denn auch denken, was neulich im Ahmadiyya-Jugendmagazin stand: dass nämlich der Verzehr von Schweinefleisch zu Homosexualität führe? „Mmh.“ Mohammad Ilyas zögert. Es sei ja erwiesen, dass es nicht gesund sei, wenn man zu viel Schweinefleisch esse … aber ob das etwas mit Homosexualität zu tun habe … das wisse er nicht.

Die Ilyas’ sind da, sie parken. Dass es sich bei dem rosafarbenen Bau vor ihnen um eine Moschee mit Minarett handelt, sieht man nur aus einem bestimmten Winkel. Demonstrationen und politische Debatten wie in Heinersdorf gab es hier nicht. Wenn Mubashra Ilyas sich nun bei Architekturbüros bewirbt, wird sie auch Fotos von dieser und den anderen Moscheen in die Mappe legen. Sie ist gespannt, ob ihr das zum Vorteil oder Nachteil gereichen wird. Aber sie sagt, dass sie sich sicher sei: Sie werde sich schon irgendwie durchsetzen mit ihrem Leben zwischen den Stühlen.

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