Zeitung Heute : Die Bewusstseinslose

500 Euro Kindergeld, aber nur für Deutsche! Das ist die Parole der einzigen Frau in Sachsens NPD-Fraktion: Wer ist Gitta Schüßler?

Antje Sirleschtov[Dresden]

Wenn sie doch wenigstens größer wäre. Mit stämmigen Waden, stierem Blick. Eine, die draußen braune Parolen grölt. Oder ein Heimchen. So eine, die sich immer von anderen hat sagen lassen, was gut ist. Ängstlich, verhuscht und also genau die richtige Tarnung für die Aufhetzer von rechts.

Dann wäre es vielleicht einfacher, Erklärungen zu finden. Dafür, dass diese Frau mit ansieht, wie ihr 23-jähriger Sohn draußen auf der Straße steht und „Ausländer raus“ schreit. Vor allem aber dafür, dass sie selbst seit drei Jahren Mitglied der rechtsradikalen NPD ist, Schatzmeisterin im Kreisverband und schließlich seit fünf Monaten im Dresdner Landtag sitzt – als einzige Frau in der Fraktion übrigens.

So, wie es ist, ist aber gar nichts einfach. Mit Klischees über Neonazis kommt man hier nicht weiter. Denn Gitta Schüßler sieht nicht aus wie eine von ihnen. Richtig nett steht sie da, in ihrem hellen Jackett und dem Jeansrock. Niemand käme auf die Idee, dass diese Frau von 42 Jahren drei große Kinder hat, dass sie schon Bildchen von ihren Enkeln herumzeigen kann. Im Sommer wird sie zum vierten Mal Oma werden. Wenn diese Frau Schüßler von der NPD unten im Landtag neben der Caféteria steht und ihre F6 raucht, dann sprechen die Männer sie gerne an. Was ist es, dass diese junge Oma zu einer Strippenzieherin der rechtsextremen Szene macht?

Als die rechte Szene im vergangenen Sommer ihre Kräfte in Sachsen zusammenzog, ließ sich Gitta Schüßler nicht zweimal bitten, ihren Namen auf die Landesliste der NPD zu setzen. Zu Hause, in Limbach-Oberfrohna, einem kleinen Ort in der Nähe von Chemnitz, musste der Wahlkampf organisiert werden. Gitta Schüßler war dabei, ließ drei Schweine im Stall zurück, zwei Kühe, ein Pferd und viele Hühner. „Das Nationale in unserer Heimat muss wieder in den Vordergrund treten“, hatten sie und ihr Mann Ende der 90er Jahre in der NPD-Zeitung „Deutsche Stimme“ gelesen. „Eher zufällig“, sagt sie heute, und doch hat sie das gleich überzeugt. Nach einigen einschlägigen Hinterzimmertreffen im Sächsischen waren Schüßlers dabei. Er und sie zogen im Sommer in der Straßenkampf in Sachsen, mit Hartz IV und der Geldnot sächsischer Schulen im Rücken. Und mit Gitta Schüßlers eingängigster politischer Forderung vorneweg: „500 Euro Kindergeld“. Das hat sie damals den Wählern versprochen. „Aber nur für die Deutschen!“ Ein paar Wochen später haben 9,1 Prozent der Wähler ihr Kreuzchen bei der NPD gemacht, Gitta Schüßler war auf einmal demokratisch gewählte Abgeordnete. Ach du Scheiße, habe sie damals gerufen, sagt sie. „Wer hat schon ernsthaft damit gerechnet, dass wir mit zwölf Leuten hier einziehen.“

Jemals zuvor politisch gedacht zu haben, daran kann sich Schüßler beim besten Willen nicht erinnern. Das haben sie ihr in zehn Klassen sozialistischer Staatsbürgerkunde und DDR-Geschichtsunterricht ausgetrieben. „Selbstverständlich“ hat auch sie in den 70er Jahren das blaue Halstuch umgebunden, beim Fahnenappell die Hand zum Pioniergruß erhoben. „Ich war sogar Agitator in der FDJ“, sagt sie und lacht. „Weil niemand in der Klasse bessere antifaschistische Wandzeitungen gemacht hat.“

Es konnte etwas nicht stimmen an den schönen kommunistischen Lehrersätzen, also auch an denen über das Naziregime nicht. Das hat Schüßler mit 16 gemerkt. Als sie sich zur Buchhändlerin ausbilden ließ, „weil ich so gern gelesen habe“. Damals sei sie „so voll gestopft mit Faschismus, Buchenwald und Thälmann“ gewesen, dass ihr das Ganze „zum Hals raushing“. Und in den Regalen der Bücherei, in der sie lernte, da stand dann auch nur das, was der SED in den Kram passte. Deren linke Nachfolger von der PDS nennt Gitta Schüßler heute verächtlich Zecken. „Beschissen haben sie uns, die da oben.“ Mit allen Linken ist sie seitdem fertig.

Als 1985 das zweite Kind unterwegs war, baute sich Gitta Schüßler ihre eigene Welt auf. Ein Haus in netter Nachbarschaft, das Viehzeug, im Frühjahr ’90 kam das dritte Kind, noch eine Tochter, zur Welt. Wesentliche Erinnerung an das Wendejahr: „Wo, um Himmels willen, kommt plötzlich das ganze Papier für die Werbung her?“ Einen Schock, nennt sie diese Zeit im Rückblick. Urlaub macht sie seither lieber zu Hause, mal in Tschechien bei Freunden, auch in Ungarn waren sie schon. Weiter weg zieht es sie nicht. „Was soll ich da?“

Auch der Westen, die Marktwirtschaft, hat Gitta Schüßler inzwischen gelehrt, ihre kleine Welt zu verteidigen. Um sie herum, im Chemnitzer Land, regiert seit langem die Arbeitslosigkeit. Und deren Druck auf den Lebensmut der Menschen spürt auch sie, obwohl ihr Mann seinen Monteursjob in all den Jahren niemals verloren hat. Aber aufgeben, „Tabletten nehmen wie die anderen Frauen?“ – das war kein Ausweg für die arbeitslose Buchhändlerin.

Als die Kinder größer sind, schult Schüßler zur Bürokauffrau um, findet einen Job in einem kleinen Handwerksbetrieb. Doch auch das nicht lange: Ihr Chef heiratet, lässt seine Frau die Buchhaltung machen. Wieder steht sie im Arbeitsamt. Sie macht im Nachbarort einen Laden auf, verkauft Räucherkerzchen und Heilsteine, „esoterisches Zeug“, wie sie sagt. Aber die Zeiten, in denen die Sachsen Lebenshilfe in indischem Weihrauch suchen, sind Ende der 90er längst vorbei. Schüßler kann die Ladenmiete nicht aufbringen, zieht mit ihren Waren von nun an auf Märkten herum. „Das Leben ist grausam“, sagt sie. Führt es aber direkt in die Rechtsradikalität?

Für die Landtagsabgeordnete Gitta Schüßler existiert nichts Radikales, nichts Demokratiegefährdendes in ihrer Welt. „Aus der Mitte der Bevölkerung“ komme man, sagt sie, bekenne sich zum Grundgesetz: „Sehe ich wie eine aus, die den Nationalsozialismus zurückhaben will oder den Holocaust verleugnet?“ Und wirklich: Bis zum dritten Satz würde ihr vielleicht mancher Demokrat in deutschen Parlamenten folgen. Wenn sie über Europa spricht etwa, darüber, dass „uns die Bürokraten in Brüssel das Geld übermäßig aus der Tasche ziehen“. Oder das mit den Ausländern: Seit es in Limbach-Oberfrohna ein Umsiedlerheim für Russlanddeutsche aus Kasachstan gibt, ärgert sich Schüßler bei den Elternabenden in der Schule ihrer jüngsten Tochter. „Die kommen hierher, sprechen kein Deutsch, lernen nichts im Unterricht und werden wohl ewig von unseren Steuern leben.“ Nationalstolz müssten die Deutschen endlich entwickeln, fasst Schüßler zusammen. In Limbach-Oberfrohna fuhr die örtliche NPD-Gliederung letztes Jahr mit diesem Satz dreimal mehr Stimmen als die FDP ein und sitzt jetzt im Stadtrat.

„Ausländer raus“ also? Streichen wir ihren Kindern als Erstes das Kindergeld, Frau Abgeordnete? Schon hier wird Gitta Schüßler schmallippiger, Nachfragen lösen Unsicherheit aus. „Natürlich“ könne man nicht alle Ausländer des Landes verweisen, sagt sie schließlich. „So ist das ja auch gar nicht gemeint.“ Eine „stark verkürzte Plakatformulierung“, nennt sie das. Es gehe ihr doch „eigentlich“ darum, dass auch die Ausländer arbeiten. „Und die Kinder muss man doch integrieren, damit sie was lernen.“ Steht hier eine Abgeordnete, die am Ende dafür sorgen will, dass sich sächsische Kommunen stärker um den Deutschunterricht in ihren Schulen kümmern? Gitta Schüßler muss ein paar Minuten nachdenken über so eine Schlussfolgerung, grinst dann kopfschüttelnd und sagt: „Das wäre wohl mit der NPD nicht zu machen.“ Da ist sie wieder, die Begrenztheit ihrer Welt.

Dass man in Dresden nicht ungestraft applaudieren kann, wenn der eigene Fraktionschef im Landtag steht und die Zerstörung der sächsischen Hauptstadt am Ende des Zweiten Weltkriegs zum „Bomben-Holocaust“ erklärt, hat Schüßler gemerkt. „Haufenweise aufgeregte“ Anrufe hat sie danach bekommen, von Bekannten, und von Nachbarn auch. Ganz abgesehen von den Reaktionen der Hausbesitzer, die sie schon länger vergeblich bittet, ihr Räume für ein Bürgerbüro zu vermieten. 14 Absagen, weil niemand eine NPD-Frau im Haus haben will. Einige haben sofort aufgelegt, als sie sich zu erkennen gab. „Beruhigt“ hat Schüßler die aufgebrachten Anrufer nach dem Eklat vor drei Wochen im Landtag, von denen wohl einige erst jetzt gemerkt haben, wem sie da ihre Stimme gegeben haben. Beruhigt hat Schüßler sie mit der ihr eigenen Sicht der Dinge: „Ich sehe das von der Seite aller Opfer des Krieges, deren Tod gleichermaßen schlimm war.“ Über die systematische Vernichtung von Millionen durch das Naziregime will sie nicht weiter sprechen. „Furchtbar“ sei das alles. Und Schluss.

Aber muss sich eine NPD-Abgeordnete in Dresden nicht für das Programm ihrer Partei verantworten können, muss sie nicht für die Fraktion geradestehen und am Rednerpult Position beziehen? Seit Gitta Schüßler vor vier Monaten einen Hausausweis für den Landtag bekam, ist ihr politischer Wirkungskreis nicht viel größer als ein Aktendeckel. Mit zwei anderen teilt sie ein zwei mal vier Meter großes Büro, ihr Stuhl steht gleich hinter der Tür neben dem Drucker, einen eigenen Schreibtisch hat sie nicht. Die Renovierung der Büros schleppe sich hin, bedauert Schüßler und verweist darauf, dass sie dann, wenn sie umgezogen ist, mit ihrem Referenten über Anträge im Gesundheits- und Familienausschuss, in dem sie sitzt, nachdenken will. Niederfrohna, einer 2600 Einwohner zählenden Gemeinde, hat man mitgeteilt, dass auch hier die örtliche Grundschule schließt, weil nur 15 Schüler in die erste Klasse kommen. 16 wäre die Untergrenze gewesen. Gegen so was will sich Schüßler stark machen. Wie, das weiß sie noch nicht. Und überhaupt, das mit den Anträgen sei doch ohnehin „alles sinnlos“, weil jeder ihrer Anträge „sofort abgewimmelt wird, nur weil NPD draufsteht“.

Im Landtag das Wort ergreifen? Sie wird das nicht tun. „Das können andere besser“, sagt sie, und meint die Fraktionsspitze um Holger Apfel. Deren Kompetenz bezweifelt Schüßler nicht. Schweigen, das ist ihre Art, sich mit rechter Gewalt und Volksverhetzung auseinander zu setzen. Und unterordnen.

Weiß Gitta Schüßler eigentlich, was sie sagt? Wenn es zum Beispiel um die Kinder geht, die sie in Kategorien einteilen will, in gute, deutsche, die Kindergeld bekommen, und minderwertige, denen sie es verwehrt. Hilfe suchend blickt sich die Abgeordnete zu ihrem Referenten um. Den hat die Fraktion zur theoretischen und moralischen Unterstützung der sächsischen Mandatsträger aus Gießen geholt. Und er weiß selbstverständlich genau, was Frau Schüßler auf eine solche Frage zu antworten hat: „Das Deutsche, dass definieren wir nach dem Geburtsprinzip.“

Nimmt Schüßler eigentlich wahr, was in ihrem Namen in Sachsen und anderswo getrieben wird? Spricht man sie auf Hetzparolen an, auf Schläger, wirr Nationales, wehrt sie reflexartig ab. Die Presse sei schuld, und selbstverständlich auch all die anderen Parteien in ihrer „rechten Hysterie“. Grenze man im Landtag etwa PDS-Abgeordnete aus, wenn „deren Irokesen“ in Chemnitz junge NPD-Mitglieder bei ihrer „Anti-Hartz-Mahnwache“ mit Megafonen „niederschreien“? Heute hat Frau Schüßler ihre warmen Schuhe angezogen, wird am Abend am Chemnitzer Rathaus nach dem Rechten sehen, „Erwachsene flößen vielleicht Respekt ein“, sagt sie. Es hört sich an, als ginge es um mütterlichen Schutz für eine harmlose Jugendgruppe, die sich gegen alles Unsoziale wenden will. Krakeelende Neonazis kommen bei Gitta Schüßler nicht vor.

Noch nicht. Aber es schwant ihr, dass es Grenzen gibt, die sie irgendwann nicht mehr ignorieren kann. Fragen, auf die sie Antworten nicht schuldig bleiben kann. Als sie unlängst den ersten Krach mit ihrer Schwiegermutter hatte, weil die PDS-Anhängerin ist, konnten sich die beiden Frauen gerade noch mal verständigen. Man vereinbarte, die Politik aus der Familie in Zukunft herauszuhalten.

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