Zeitung Heute : Die Bildstörung

Ein Mann will einen Film drehen, den Holocaust neu erzählen, mit jungen Berlinern und einer KZ-Überlebenden in Theresienstadt. Das Fernsehen gibt dafür kein Geld: „auserzählt“, „abgelehnt“. Da riskiert der Mann etwas.

Drehtag.
Drehtag.

Der Mann, der es seit kurzem schriftlich hat, von gestern zu sein, vermochte tatsächlich eines nicht vorherzusehen: dass Begleitumstände der Essensaufnahme dermaßen bedeutsam werden könnten. Er schaut gerade zum wiederholten Mal einer ernsthaften Diskussion darüber zu. Hotelrestaurant oder Pizzeria? Vorbestellen oder nicht? Wenn ja, für wann? Und was eigentlich?

Douglas Wolfsperger steht an diesem Maimittag einer Gruppe Heranwachsender gegenüber. Sie lassen einander ausreden, jeder Einwand wird ernst genommen. Abgewogen, verworfen, bejaht. Die schlechten Erfahrungen vom Vortag werden thematisiert, nächster Einwand. Es hört nicht auf. Es findet sogar Eingang in das Tagebuch, das die jungen Menschen führen. Einer schreibt: „Wir sitzen in der Sonne und suchen uns aus, was wir heute zum Mittag essen. Denn gestern gab es für alle Veganer und Vegis als Hauptgang nur einen Eisbecher voll Schnipselgemüse.“

Sind Penne Arrabbiata mit Fleisch? Sind da Milchprodukte drin? Wolfsperger atmet tief ein. Er macht, als auch er nach seiner Meinung gefragt wird, eine Pause vor der Antwort. Er steht in diesem Moment vor den Jungen wie ein entferntes Gewitter vor einer Stadt. Das Gewitter will nicht näher kommen, noch nicht einmal der Donner ist zu hören. Nur die Luft kühlt ein wenig ab. „Also“, sagt er leise und macht wieder eine Pause. Und auf einmal erinnern sich alle. Douglas Wolfsperger will hier eigentlich einen Film drehen.

Er hat Bilder im Kopf, Kamerablenden, Sonnenstände. Behördentermine, Akkukapazitäten, Haupt- und Ersatzschauplätze. Eine unübersichtliche Verhältnisgleichung mit lauter Variablen. Ändert sich nur eine davon, ändern sich alle anderen gleich mit. Bei jeder unerwartet heranwehenden Wolke muss Wolfsperger neu anfangen zu rechnen.

Weil sein Film ein Dokumentarfilm werden soll, kann sich Wolfsperger noch nicht einmal an einer Handlung festhalten, einem Drehbuch, das der Arbeit hier ein Gerüst gibt. Stattdessen hat er etliche, mehr oder weniger wahrscheinliche und sich wiederum gegenseitig beeinflussende Handlungsvermutungen, je nachdem, was vor der Kamera so alles passieren könnte. Wolfsperger bringt es nicht fertig, auch noch die mit Essensgesprächen vergehende Zeit in seine Kalkulation aufzunehmen.

Er will einen Film drehen. Keine Kochsendung aufzeichnen.

Ein Film, keine Kochshow. Auch Wolfspergers größtes, jede berufsübliche Unrast überlagerndes Problem ist damit hinreichend beschrieben. Die Fernsehsender, die nach seinem Dafürhalten infrage kämen, die gebührenfinanzierten, wollen seinen Film nicht. „Vielen Dank für den Projektvorschlag“, schrieben sie ihm, „trotzdem können wir Ihnen leider keine positive Nachricht geben. In Anbetracht unserer begrenzten Kapazitäten stehen uns nur wenige Sendeplätze zur Verfügung, die bereits verplant sind.“ „Leider nicht“, schrieben Fernsehredakteure und Filmfinanzierungsanstalten, „auserzählt“, „abgelehnt“, aufgrund des „bereits oft behandelten Themas“ sei „nur schwer eine ausreichend große Zielgruppe“ zu erreichen.

Das schon oft behandelte Thema steht in Wolfspergers Angebotsschreiben. Ein Wort, zweimal hingeschrieben, auf Zeile 26 und 46. Es heißt Holocaust.

Der Mann von gestern atmet ein und macht eine Kunstpause, die Luft kühlt ab, „also“, sagt er. Zur gleichen Zeit, im Fernsehen, informiert das „ARD-Buffet“ über die sachgerechte Zubereitung von Hähnchenkeulen. „Also“, sagt Wolfsperger, „ich fänd’ es gut, wenn wir jetzt mal anfangen könnten.“

Douglas Wolfsperger, 54 Jahre alt, geht eine Wette ein. Nach den Absagen der Fernsehsender hofft er voll und ganz auf die Kinos, obwohl er auch von der dafür zuständigen Finanzierungsanstalt kein Geld bekommen hat. Geld hat er nur vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, einen 15 000-Euro-Vorschuss, verbunden mit der Auflage, dass am Ende tatsächlich ein Film entstanden und irgendwo vorgeführt worden sein muss, sonst geht das Geld zurück. Er hat einen schwarzen Reisebus zum Berliner Kurfürstendamm 153 bestellt. Er hat einen Kameramann, einen Toningenieur, einen Technik-Assistenten und einen Filmset-Fotografen hineingesetzt, dazu die Jugendtheatergruppe der dort ansässigen Schaubühne sowie die 82 Jahre alte Jüdin Greta Klingsberg aus Jerusalem und ist mit ihnen allen nach Terezín gefahren. Terezín, Tschechische Republik. Als der Ort unter deutscher Besatzung Theresienstadt hieß, war er ein Konzentrationslager. Der ganze Ort.

Das ist Wolfspergers Versuchsanordnung. Vier Drehtage lang will er sehen, ob die alte Frau, die einst dieses Konzentrationslager und danach auch Auschwitz überlebt hat, und die jungen Menschen etwas miteinander anfangen können. Und falls ja, was.

Er will also genau jener Frage nachgehen, die die Fernsehsender für sich schon beantwortet haben. Ist heute noch irgendjemand in der Lage, den alten Geschichten zuzuhören?

Die Gruppe setzt sich in Bewegung. Wolfsperger, schwarze Hose, schwarze Jacke, schwarze Locken, führt sie an. Ein großer schwarzer Mann mit nervösen Augen geht her vor einer Traube junger Leute, die alte Frau Klingsberg stets in der Mitte, von außen ist sie kaum zu sehen, sie ist klein. Ihr Lachen zeigt an, dass sie da ist.

Erkennst du etwas wieder, Greta?

„Ha, wie soll ich mich denn auskennen hier auf der Straße? Wir wurden doch nicht rausgelassen.“

Aber empfindest du was, irgendein Gefühl von damals?

„Das ist eine völlig andere Stadt heute. Schau, die Bäume sind grün, die Sonne scheint, keine Enge, kein Gestank, keine Angst hier.“

Kannst du dich noch erinnern, wie es gerochen hat?

Klingsberg ist auf eine aufreizende Art unkonziliant. Ihre Antworten umgehen die in den Fragen bekundeten Erwartungen, sie geben stattdessen Zusatzauskünfte, die immer wieder die nächste Frage in Gang setzen. Sie weiß nicht alles, sie erinnert sich nicht an alles. „Ich kann es nicht erfinden, mein Leben“, sagt sie, „ich kann es nur erzählen.“ Und irgendwann verstehen alle. Greta Klingsberg ist keine Informationstafel. Sie ist ein Mensch. Das ist der Moment, in dem Wolfsperger die Kamera einschalten lässt.

Seine hastenden Augen werden ruhig. Sie schauen auf einen Monitor, verfolgen gespannt die Szene, die sich gerade vor dem Objektiv abspielt. Die Begegnung dieser Herangewachsenen mit einer Frau, die dem deutschen Judenmord entkommen ist. Wolfsperger filmt eine letzte Gelegenheit. Eine Art historischen Moment. Daheim, im Zweiten Deutschen Fernsehen, wird in der „Küchenschlacht“ gerade ein Blumenkohlsalat zubereitet.

Selbstverständlich könnte Wolfspergers Film ein langweiliger, schlechter Film werden. Zu langweilig und zu schlecht für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Doch Wolfsperger hat Vorkehrungen getroffen, damit es möglichst nicht dazu kommt. Er hat zum Beispiel den Kameramann Igor Luther eingestellt, den Kameramann der „Blechtrommel“-Verfilmung. Ein extrem hellhöriger Toningenieur ist in Terezín dabei, und auch der junge Technik-Assistent hat schon Verdienste. Er war vor ein paar Monaten an einem aufsehenerregenden Putin-Porträtfilm beteiligt.

Und Wolfsperger selbst? Hat Dokumentarfilme gedreht, die Preise bekamen und von der Filmbewertungsstelle das Prädikat „besonders wertvoll“. Spielfilme, die Publikum hatten. Mit einem davon - und das stammt jetzt von ihm selbst, von seiner Webseite - „löste Wolfsperger eine der spannendsten Debatten der Popkultur aus“. Er hatte Verona Feldbusch eine Hauptrolle gegeben.

Nicht nur die spannendsten Kulturdebatten verglühen rasch. Auch die Birne eines Filmscheinwerfers brennt in diesem Moment durch. „Das war die letzte“, sagt der Tonmann.

„Stinkt hier“, sagt Klingsberg.

„Ich hab keine Nase“, sagt der Kameramann.

Klingsberg sagt: „Und ich hab eine lange.“

Die Filmleute überlegen, wo sie eine neue Lampe herbekommen. Gibt es Baumärkte in Tschechien? Klingsberg geht ein paar Schritte, macht Gymnastik. Die Theatergruppe führt ihr Tagebuch.

„Mal sehen, was die Reise noch bringt . . .zumindest Greta Klingsberg hat sie uns schon gebracht.“

„Die Stadt ist mir unheimlich, sie wirkt irgendwie nicht echt.“

„Nach Gesprächen mit Greta gehe ich mich alleine umsehen und verlaufe mich auf dem jüdischen Friedhof. . .Als ich näher rantrete, wird mir unwohl, mir ist, als ob ich auf jemanden hinauftrete, der sich nicht wehren kann.“

„Im Traum habe ich ein bedrohliches Tier erschlagen.“

Acht junge Leute, noch keine 20 oder etwas älter, die sich tastend durch diese Stadt bewegen. Sie sind ausgestattet mit unüblich fundierten Ortografiekenntnissen und – so wie Klingsberg – mit einer Vergangenheit. Es ging ihnen schon einmal schlechter als jetzt.

Sie haben Krankheiten, nahmen Drogen, benutzten von anderen gewiesene oder eigenmächtig eingeschlagene Irrwege durchs Leben. Bis sie irgendwann selbst oder aber das Jugendamt den ersten Schritt zu Besserung machten, und der hieß: nicht mehr bei ihren Eltern wohnen. Sie leben also in den sogenannten betreuten Wohnprojekten, und dies wiederum ist eine Art Voraussetzung, um beim Schaubühnen-Jugendtheater überhaupt mitmachen zu können.

Die Theaterpädagogin Uta Plate sagt es so: „Das sind Leute mit einem Riss in der Biografie. Mit ein bisschen mehr Gepäck auf den Schultern als andere.“ Sie hat die Gruppe vor 13 Jahren gegründet. Das heißt, sie hat die Berliner Wohnprojekte aufgesucht und überall folgende Nachricht hinterlassen: Wer Lust auf Theaterspielen hat, möge sich bei ihr melden. Vorher hat sie in einer Thüringer Haftanstalt Gefangenentheater gemacht. Sie als Resozialisierungsberserker zu bezeichnen ist nicht ganz falsch.

Plate ist mitgekommen nach Terezín. Es ist Nachmittag geworden, sie steht jetzt am Rand einer kleinen Bretterbühne und schaut auf die Früchte ihrer Arbeit. Ihre Gruppe spielt eine Szene aus dem Stück „Brundibár“. „Brundibár“ ist eine Kinderoper, die hier im KZ mehr als 50-mal aufgeführt worden ist. Genau hier, unterm Dach einer der alten Kasernen von Terezín. Anfangs, um dem Leben im Lager etwas entgegenzusetzen, später der Reichsöffentlichkeit präsentiert als Teil eines Nazifilms, der unter dem Namen „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ bekannt geworden ist. Greta Klingsberg spielte in der Oper eine Hauptrolle.

Es ist Wolfspergers Idee gewesen, die Schaubühnen-Gruppe das alte Theaterstück einstudieren zu lassen. Die Proben, die Begegnung hier in Terezín und später die Aufführungen daheim in Berlin, das ist alles auch ein wenig seine eigene Inszenierung. Plate indes hatte Zweifel. Zu schwer das alles, Gedenkveranstaltungsgefahr. Sie hat sich dann selber vom Gegenteil überzeugt, indem sie das Stück noch schwerer gemacht hat. Den jungen Leuten gab sie auf, sich zur Vorbereitung doch bitte mit ihrer Verwandtschaft zusammenzusetzen und sie auszufragen. Wo seid ihr gewesen damals? Was habt ihr gemacht? Was habt ihr gewusst? Die Gespräche sind Teil der Schaubühnen-Version der Oper geworden.

Plate schaut auf die Bühne und hört zu. „Na gut!“, hört sie, „Dann lasst uns doch gleich die Schuldfrage klären: War mein Uropa ein Nazi?“

„Naja, also bei mir alles tutti, meine Urgroßeltern leben in Sizilien und in Pakistan.“

„Fahr mal den Ton ab Robert!“ Vom Band kommt eine Großmutterstimme: „Meine Eltern hatten keine Beziehung zum Juden. Nee, hatten sie nicht. Nee.“

„Meine Großmutter hat früher viel über die Kriegszeit erzählt, zum Beispiel, wie sie als Kind zu ihren Nachbarn, die Juden waren, Essen gebracht hat, wenn die auf Reise gegangen sind. Wohin die gereist sind, wusste sie nicht. Die hat das gar nicht verstanden.“

„In meiner Familie gibt’s jetzt endlich auch Täter. Mein Urgroßvater aus Deutschland war in der NSDAP.“ Eine Hand hebt sich zum Hitlergruß.

Plates Stirn faltet sich. Sie ist unzufrieden. Die Texte klingen auswendig gelernt. Sie denkt an den Premierentermin des Theaterstücks, den 16. Juni, und daran, ob sich das bis dahin geändert haben wird. Im ZDF läuft zu dieser Zeit „Topfgeldjäger“, es geht darum, bei welcher Hitze Speck in der Pfanne zu braten ist.

Aus dem Rundfunkstaatsvertrag, Paragraf 11, „Auftrag“: „Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben . . . einen umfassenden Überblick über das . . . Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen zu geben . . . Ihre Angebote haben der Bildung, Information, Beratung und Unterhaltung zu dienen.“ Allein das ZDF hat dafür 1,8 Milliarden Euro pro Jahr zur Verfügung.

Die Kochsendungen zum Beispiel sind von allem ein bisschen. Sie informieren, bilden und beraten die Zuschauer: „Was ist denn eine Prise Salz?“ – „Ich nehm’, was bei mir zwischen meine beiden Finger passt, das ist bei mir ’ne Prise Salz.“ – „Das ist bei dir wirklich ’ne Prise Salz?“ Und zweifellos unterhalten sie auch: „Was hat dich zum Kochen gebracht?“ – „Na, der Hunger.“

Ihr „Überblick über das Geschehen“ allerdings ist so „umfassend“, als würde man das ganze schöne ZDF-Geld Wolfsperger geben, versehen mit dem Auftrag, jedes Jahr 120 000 Jugendtheatergruppen zusammen mit Greta Klingsberg nach Terezín reisen zu lassen und jeweils einen Film darüber zu machen. Das Geld würde reichen dafür. Man könnte damit aber auch mehr als 50 000 Lehrer einstellen.

Es ist dunkel geworden in Terezín. Der Drehtag geht zu Ende. Wolfsperger spricht mit dem Kameramann über Blickwinkel. Klingsberg macht Pilates. Plate denkt an die Premiere. Die Jungen schlafen. Lanz kocht.

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