Zeitung Heute : Die billigen, althergebrachten Mittel werden noch immer gebraucht

Laufen ausgerechnet die schärfsten Waffen der modernen Medizin Gefahr, stumpf und wirkungslos zu werden? Das gefürchtete Schlagwort heißt seit Jahren "Resistenz". Solche Widerstandsfähigkeit ist dabei einerseits höchst begrüßenswert: Wenn unser Organismus sie gegenüber Krankheitserregern beweist. Nur an den Krankheitskeimen selbst, die sich im Gegenzug wappnen, seit ihnen mit den Mitteln der Chemie der Kampf angesagt worden ist, gilt sie zu Recht als gefährliche Eigenschaft. Denn sie führt zum Beispiel dazu, daß einzelne Antibiotika oder sogar ganze Medikamentenfamilien den modifizierten Bakterien nichts mehr anhaben können. So machen inzwischen mehrfach resistente Tuberkulose-Erregerstämme die eigentlich besiegt geglaubte Infektionskrankheit zur neuen Bedrohung.Wer den Wettlauf gegen die Erreger gewinnen will, muß ihre Methoden studieren. Antibiotika wirken, indem sie Bakterien entweder abtöten oder an der Vermehrung hindern. Die Bakterien ihrerseits haben verschiedene Möglichkeiten, sich dem Zugriff der für sie lebensbedrohlichen Substanzen zu entwinden. Gegen Penicillin etwa, das Bakterien zum Absterben bringt, indem es deren Zellwandsynthese stört, haben einige von ihnen schon länger ein Gegenmittel gefunden: Sie bilden Penicillinase, einen Eiweißstoff, mit dem sie Penicillin abbauen können.Im Prinzip werden die Mikroorganismen sich auch im nächsten Jahrtausend der gleichen drei bewährten Tricks bedienen, um ungeschoren davonzukommen - da ist Helmut Hahn, Leiter der Abteilung Medizinische Mikrobiologie und Infektionsimmunologie am Benjamin-Franklin-Klinikum, sich sicher: Sie legen den verabreichten Stoff durch Enzyme lahm, sie machen die Klappe zu und verweigern den Zutritt zu ihrem Inneren, oder sie verändern die Zielmoleküle und damit das Schloß, in das der Wirkstoff als Schlüssel eigentlich passen sollte. Und Angriff ist dagegen keineswegs die beste Verteidigung: Je mehr Antibiotika eingesetzt werden, desto größer notgedrungen der Erfindungsreichtum der reaktionsschnellen Kleinstlebewesen.Ungeahnte Kreativitätsschübe verschaffte ihnen in den letzten Jahren etwa die verbreitete Unsitte, antibiotische Substanzen bei Erkältungskrankheiten einzusetzen. Husten, Schnupfen und Heiserkeit sind dabei in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle durch Viren verursacht, gegen die Antibiotika nichts ausrichten können. Die Folge: Der Infekt nimmt seinen "natürlichen" Verlauf und dauert, wie man im Volksmund sagt, statt einer Woche acht Tage. Während die körpereigene Abwehr sich mit den Viren (und die Gesundheitspolitik sich mit den Kosten des deplazierten Medikamenteneinsatzes) herumschlägt, machen aber auch an der Infektion unbeteiligte Bakterien sich an die Arbeit. Sie "lernen" die Sprache des Medikaments und treffen für spätere direkte Konfrontationen ihre Vorkehrungen.Gelegenheit zu solchen Lernprozesse, die ihre Position im Wettlauf stärken, bietet sich den Bakterien auch durch den Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft. Von der Resistenz-Problematik besonders betroffen sind Länder, in denen Antibiotika großzügig eingesetzt werden und sogar rezeptfrei zu haben sind. Und immer trifft es letztlich jene Patienten am härtesten, deren Immunsystem durch schwere Grunderkrankungen bereits geschwächt ist oder deren Immunantwort medikamentös unterdrückt wird, so daß allgegenwärtige und an sich harmlose Keime ihnen zum Verhängnis werden können. Besonders gefährlich ist es für diese Patientengruppe, wenn wirkungsvolle und für sie wichtige "Reserveantibiotika", gegen die es noch keine Resistenzen gibt, routinemäßig eingesetzt werden. Nur der gezielte und zurückhaltende Einsatz der Substanzen kann die Waffen scharf halten, so warnen Experten seit Jahrzehnten.Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen werden wir es jedoch weiter mit resistenten Bakterien zu tun haben. Was tun? "In der Forschung dreht es sich immer wieder um die Erfindung neuer Moleküle, die sich gegenüber diesen Mechanismen anders verhalten" konstatiert Hahn nüchtern. Wettlauf verpflichtet. Was wir im Kampf gegen Infektionskrankheiten ganz dringend brauchen, sind außerdem mehr Mittel, die wirklich gegen Viren helfen. Weitere zwei Forderungen stellt Hahn auf, die auch nach der Jahrtausendwende Gültigkeit behalten dürften: Erstens eine solide Impfpolitik. Denn Impfungen machen so manchen Arzneimitteleinsatz gegen Bakterien und Viren überflüssig; "sorgfältig kontrollierte Schutzimpfungen sind auch in einer Demokratie durchführbar", wie der Spezialist für Infektionskrankheiten betont. Zweitens gut ausgebildete Ärzte, die nicht vorschnell zu den "Panzerschrankantibiotika" greifen. Denn "mit billigen, althergebrachten Mitteln können wir auch in Zukunft weit kommen".

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