Zeitung Heute : Die Bischöfe und der Ablass

Am Dienstag muss Kardinal Sterzinsky seinen Ruf retten

Martin Gehlen

Seine Stimme bebt jetzt: „Was ich heute hier erlebe, hat in Berlin noch kein Bischof erlebt“, sagt er. Von seinem Thron aus mustert er das Kirchenrund der Hedwigskathedrale. Vor ihm in den Bänken sitzen 60 Frauen und Männer, zusammen mit ihren Pfarrern und Familien – alle gekommen, weil sie sich taufen lassen wollen. Die Kirche hallt wider von Kindergeschrei – und so viele erwachsene Neuchristen dazu – das hat es in Berlin noch nie gegeben. Der Druck, der in den letzten Wochen auf Kardinal Georg Sterzinsky lastete, scheint an diesem Samstagnachmittag wie weggeblasen. Die Menschen erzählen ihm, wie sie zum Glauben gefunden haben – der eine durch Freunde, andere durch einen Schicksalsschlag und wieder andere durch die Geburt ihres Kindes. „Sie werden als Mitglieder der Kirche manche Enttäuschung erleben“, gibt er ihnen mit auf den Weg, bevor er jedem die Hand auflegt. Und bisweilen werden sie zu sich sagen, „das hätte ich von der Kirche nicht gedacht.“

Das allerdings denken heute viele im Erzbistum Berlin. Noch nie hat sich eine Diözese in ein solches Finanzdesaster hineinmanövriert wie Berlin unter der Regie von Kardinal Sterzinsky. Noch nie mussten die anderen Bistümer in einem solchen Ausmaß finanziell zur Hilfe kommen. Auf 148 Millionen Euro beläuft sich mittlerweile die Schuldenlast.

Montagmittag wird sich der ostdeutsche Oberhirte auf den Weg nach Bayern, nach Freising, machen, wo die Bischofskonferenz tagt. In den sechs Fahrtstunden auf der Rückbank seines BMW wird er noch einmal die Akten lesen, um sich auf einen der schwierigsten Tage seines Lebens vorzubereiten. Am Dienstag muss er die Karten auf den Tisch legen. Dann wird sich zeigen, ob die anderen Bischöfe dem Sanierungsplan und Sterzinsky selbst noch trauen.

Denn die Frage nach seiner persönlichen Verantwortung wird immer lauter gestellt. Den pauschalen Verweis des Kardinals auf die diversen Gremien des Ordinariates empfinden nicht nur seine Pfarrer und Gemeindemitglieder, sondern auch viele seiner Bischofskollegen inzwischen als Zumutung. Jetzt müsse endlich Tacheles geredet werden, hallt es zum Beispiel aus Köln herüber, wo Sterzinskys Intimfeind Joachim Meisner das Zepter führt. Mit heiligem Zorn schleuderte dessen Bistumszeitung dem Berliner Würdenträger in den purpurroten Zahlen einen Bibelvers entgegen: „Er hat uns ja verkauft und sogar unser Geld aufgezehrt.“

Ein guter Finanzmann und glatter Kirchendiplomat war Kardinal Sterzinsky nie. Er versteht sich als oberster Seelsorger, als erster Pfarrer seines Bistums – ein ehrlicher und kantiger, bisweilen jähzorniger Mann mit weichem Herz. Nein sagen fällt ihm schwer. „Ich kann mich immer nur mit Mühe überwinden, einen notwendigen Streit auszuhalten“, sagt er über sich. Er sei konfliktscheu und leide unter Auseinandersetzungen, bekennt er. Und darum hat Sterzinsky trotz der gewaltigen finanziellen Probleme immer wieder nachgegeben und bereits gestrichene Stellen doch noch genehmigt. Er sah den Einzelfall und wollte ihm gerecht werden. Doch das Wohl des Ganzen ist ihm dabei aus den Augen geraten.

Wenn es aber um das Schicksal von gesellschaftlich Benachteiligten geht, hat er mehr Konflikte riskiert als die meisten anderen seiner Kollegen. Das Verhalten der Unionsparteien beim neuen Ausländergesetz nannte er „eine Schande“. Er hielt ihnen vor, ihre Ausländerpolitik sei nicht gerecht und nicht christlich. Das Problem der so genannten illegalen Zuwanderer prangerte er an und forderte von der Politik Antworten. Gemeinden, die von der Abschiebung bedrohten Flüchtlingen „Kirchenasyl“ gewähren, sicherte er seine ausdrückliche Unterstützung zu.

Georg Sterzinsky ist selbst ein Flüchtling. Er stammt aus dem Osten, aus Warlack in Ostpreußen. Er habe keine leichte Kindheit gehabt, sagte er einmal bei einem Gespräch mit Schülern. Als er drei Jahre alt war, begann der Zweite Weltkrieg. Die Eltern verschlug es mit ihren sechs Kindern nach Thüringen. Seine Mutter starb, als er elf war. Hunger und Armut hat er erlebt „bis in die Jugendjahre“. In Erfurt wurde er am 29. Juni 1960 zum Priester geweiht.

Eine spektakuläre Berufungsgeschichte erzählt er nicht. Wohl aber, wie Menschen mit selbstverständlichem, mit bodenständigem Glauben ihn geprägt haben: der Vater, die frommen Geschichten, die seine Großmutter erzählte, der Jesuitenpater, bei dem er ministrierte. Und der den Jungen mochte, einfach so, ohne Bedingung, auch dann, wenn er mal wieder ausrastete. Bis heute hat der Kardinal diese Ausbrüche von Jähzorn, aber er kann auch über sich lachen. Zunächst war er Kaplan im thüringischen Eisenach, dann Pfarrer in Jena und seit 1981 Verwaltungschef im Bistum Erfurt. Seit dem 9. September 1989 steht er an der Spitze der Berliner Katholiken.

„Wir werden mit ihnen beten und für sie beten“, sagt er am Ende des Gottesdienstes in der Hedwigskathedrale zu den 60 Neuchristen. Draußen herrscht schon Dämmerung, als Georg Sterzinsky alle Familien noch zu einer Feier ins benachbarte BernhardLichtenberg-Haus einlädt. Dort wohnt er. Als die letzten Gäste schließlich nach Hause gehen, ist es spät am Abend. Und Sterzinsky wieder allein.

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