Zeitung Heute : Die Blähätter besingen

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Nicola Kuhn

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Es weihnachtet sehr.“ Ein wunderbarer Satz, der mir früher gar nicht in den Sinn gekommen wäre, gehört er doch eher in das letzte, ach was, vorletzte Jahrhundert mit seinen silberhellen Glöckchen und den Rauschgoldengeln. Nun ist er schon drei Wochen vor dem eigentlichen Termin für mich von größter Aktualität. Kein Tag vergeht, an dem ich nicht unverdrossen und aus voller Kehle „Morgen, Kinder, wird’s was geben“ oder „X-mal werden wir noch wach“ schmettere.

Jan und Josefine wissen das zu würdigen, ja, sie bestellen sogar ausdrücklich bestimmte Weihnachtslieder, die sie aus der Kita kennen, „Tannebaum“ oder „Nickelaus“ zum Beispiel. Ich bin dann immer ganz gerührt, wenn die beiden voller Inbrunst in den Zeilenschluss mit „Blähätter“ einfallen.

Das erinnert mich an die Adventskonzerte, die ich als Kind miterleben durfte. An einem der Adventssonntage zog meine ganze Familie mit Instrumenten bewaffnet zu Freunden meiner Eltern, die auch schon ihre Geigen und Gitarren stimmten, um dann gemeinsam zu musizieren und zu singen. Zwischendurch verdrückten wir jede Menge Kekse und Christstollen, und alle hatten einen großen Spaß dabei. Trotzdem hätte ich mir kaum vorstellen können, so etwas selbst einmal zu organisieren. Seit ich Mutter bin, entdecke ich die ein oder andere Eigenart meiner Eltern an mir selbst, und da ist es nicht so erstaunlich, dass wir nun unsere Freunde zum Adventslieder-Singen eingeladen haben.

Was der Bundespräsident kann, können wir schließlich schon lange – einen Rias-Kammerchor brauchen wir dazu überhaupt nicht. Unser Begleitorchester bestand aus Ziehharmonika, Gitarre, einer aus der tiefen Schublade hervorgeholten Flöte und einer Reihe Perkussionsinstrumenten aus der Küche. Zwei Stunden haben wir von uns selbst ganz hingerissen gesungen: „Vom Himmel hoch“ und „Schneeglöckchen“, „Tochter Zion“ und „Maria durch den Dornwald ging“. Der eigentlich Hit war am Ende aber „Laterne, Laterne“, das Lied, das wenige Wochen zuvor beim Martinsfest zum Ohrwurm geworden war. Sämtliche Kita-Kinder gaben noch einmal alles.

Stolz waren wir schon auf unsere Kinder, wenn wir das Lied auch nicht aus voller Begeisterung mitsingen konnten. Wir waren einfach noch ganz erleichtert, Sankt Martin hinter uns gebracht zu haben: erst das Lampionfest von Jan, am nächsten Tag das von Josefine und dann der große Umzug am Viktoria-Luise-Platz. Schon da habe ich gewusst, dass fortan der Jahreszyklus nicht mehr so unbemerkt an uns vorüberzieht wie früher. Allein die Witterung wird anders spürbar, wenn plötzlich Strumpfhosen, Stiefelchen – und das im Doppel – anzuziehen sind, Papier-Taschentücher in Mengen ins Haus geschafft werden wie bei anderen Leuten Getränkekästen. „Es weihnachtet sehr“ – der wunderbare Satz bekommt einen völlig neuen Sinn, wenn auch Rauschgoldengel und silberhelle Glöckchen dabei keine so große Rolle spielen.

Als Liederbuch für die Weihnachtszeit empfiehlt sich „O du fröhliche!“, erschienen im Hamburger Oetinger Verlag , 12,90 Euro.

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