Zeitung Heute : Die Bodenprobe

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Von Jana Simon

Eigentlich wollte sie Pilotin werden. Selbst fliegen, selbst bestimmen. Der Wunsch scheiterte an ihrer Körpergröße. Birgit Drossard ist 1 Meter 63, zwei Zentimeter zu klein. Im Notfall würden ihre Füßen ins Leere tasten, das Seitenleitwerkpedal nicht erreichen. Wie ist das, wenn man einen Traum begräbt? Drossard schüttelt den Kopf, abwehrend, mit Dingen, die vorüber sind, beschäftigt sie sich nicht gern. „Das ist abgehakt.“ Sie sitzt in einem dunklen Raum über der Abfertigungshalle am Flughafen Tempelhof - keine Fenster, beigefarbene Auslegware, Radarschirme, über ihrem Kopf spannt ein Headset. Sie spricht englische Wörter in das Mikrofon, vor ihr schimmern die Umrisse Deutschlands grünlich, Drossard überwacht heute den Himmel des Nordens, Mecklenburg Vorpommern. Auf dem Bildschirm bewegen sich sechs weiße Punkte. Flugzeuge. Es ist Mittagszeit, nicht viel los. Birgit Drossard hat den Job am Boden genommen, für sie die zweite Wahl. Auch wenn sie das nie so sagen würde, es klingt zu hart. Sie ist jetzt Fluglotsin.

Sie startet nicht, landet nicht, sie ist nicht die Herrin der Maschine, sondern Birgit Drossard managt den Himmel. Sie lenkt aus der Ferne, entscheidet, wann ein Flugzeug sinken darf, wann steigen und wann es lieber ausweichen sollte. Die Piloten müssen auf ihre Anweisungen hören, sie sogar noch einmal wiederholen. „Wenn ich was sage, dann machen die das auch“, sagt sie. Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: „Das ist ein gutes Gefühl.“ In ihrer Stimme liegt Genugtuung. Birgit Drossard ist 25, hat blonde Haare, die ihr bis zum Kinn reichen. Sie trägt hohe Schuhe und eine weiße Bluse. Wenn sie sich vorbeugt, entblößt sie ein Tattoo auf ihrem Rücken. Fluglotsen haben den Ruf, ständig kurz vor dem Herzinfarkt zu stehen, Druck und Verantwortung würden sie fertig machen. Deshalb werden sie schon mit 55 Jahren pensioniert. Untersuchungen sagen, sie sterben früher, sind gestresst, und es ist unmöglich, mit ihnen zusammenzuleben, weil sie auch nach Schichtende die Flugzeuge nicht aus ihrem Kopf bannen können. Birgit Drossard hat einen Freund, er arbeitet wie sie am Boden, aber nicht als Lotse. Sie sagt, ihre Beziehung funktioniere normal und wenn sie Kinder bekäme, könnte sie Teilzeit arbeiten. Es klingt sehr bestimmt, so, als habe sie diese Sätze schon oft wiederholt. Birgit Drossard gibt die Vorzeigefluglotsin, die alle Vorurteile töten soll.

Der weiße Punkt vor ihr auf dem Bildschirm bewegt sich von Stockholm nach Nizza auf 34 000 Fuß, darunter auf 33 000 Fuß bewegt sich ein anderer Punkt von Göteborg nach München. 10 000 Fuß Mindestabstand vertikal sind vorgeschrieben, seitlich soll er neun bis zehn Kilometer groß sein. Wenn sich die Punkte kritisch nahe kämen, würden sie sich rot färben. Es passiert fast nie, im letzten Jahr zehn Mal.

Militärflieger in Not

Aber über dem Bodensee trafen sie sich unheilvoll. Und wahrscheinlich ist daran ein überforderter Fluglotse Schuld. Das sind die Augenblicke, in denen der Himmel zur Hölle wird. Wie geht eine junge Frau mit dieser Verantwortung um, sieht sie hinter den Punkten die Flugzeuge mit den Menschen darin? „Wenn ich Angst hätte, könnte ich den Job nicht machen“ sagt Birgit Drossard. Die Antwort kommt schnell, sie klingt eingeübt. Vielleicht muss sie sich schützen, vielleicht ist es gesünder, sich nicht zu viel vorzustellen.

Einmal hat sie eine „kritische Situation“ erlebt. Ein Militärflieger startete von Rostock, der Pilot sollte die Triebwerke testen und flog mit Überschallgeschwindigkeit. Irgendwann meldete er Drossard über Funk, dass eine Leuchtdiode in seinem Cockpit aufblinke, es betreffe ein überlebenswichtiges System. In diesem Moment kann sie als Fluglotsin nicht viel helfen, sie ist zu weit weg, machtlos, kann nur den Luftraum um ihn herum freihalten. Wie sie sich dabei gefühlt hat, sagt sie nicht. Der Pilot landete später sicher. Es stellte sich heraus, das es nur ein Wackelkontakt gewesen war. Glück gehabt. Ihr Nachbar vor dem Bildschirm sagt: „Wenn man eine Minute für den Schreck abzieht, bleiben immer noch 15 Sekunden, um etwas zu tun.“

Immer zwei Fluglotsen sitzen vor dem Radar, und wenn einer zur Toilette muss, notieren sie das auf einem Block. Auffällig ist, dass nur wenige Frauen im Raum sind. 20 Prozent. Und es gibt natürlich viele Sprüche zu diesem Thema, Birgit Drossard kennt sie alle: „Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass Frauen Fluglotsen würden, wäre der Himmel rosarot“ oder „Wie sollen Frauen Flugzeuge dirigieren, wenn sie noch nicht einmal einparken können“. Sie lacht. Auch wenn sie sie nicht lustig fände, würde sie das wahrscheinlich nie zugeben. Es muss alles gut sein. Nur einmal wirkt Birgit Drossard ein bisschen beleidigt. Manche Leute stellen sich unter Fluglotsen Menschen auf dem Rollfeld vor, die mit Kellen winken. „Einweiser“, nennt Drossard sie, es klingt nicht gut. Die können nicht so viel wie sie. Nicht ihre Liga.

Als Kind muss die Familie Birgit Drossard jeden Sonntag zum Bahnhof begleiten, Züge anschauen. Als Teenager bevorzugt sie dann die Flughäfen der Umgebung von Aachen, wo sie aufgewachsen ist. Bewegung scheint sie zu faszinieren. Und Technik. Immer, wenn ihre Eltern ein neues Gerät anschaffen, Fernseher oder Videorekorder, überlassen sie sie ihrer Tochter Birgit, sie richtet sie ein und programmiert sie richtig. Ihre Schwester beobachtet sie dabei ungläubig und ohne Verständnis. Sie hat Deutsch als Leistungsfach gewählt, Birgit Drossard Mathe. Zwei Welten.

Nachdem klar ist, dass Birgit Drossard nie Pilotin werden kann, nimmt sie ein Freund mit in den Tower. Er ist Fluglotse, sie ist beeindruckt von dieser Welt und wechselt die Seiten. Vom Himmel zur Erde. Vorher muss sie einen Test bestehen, in Mathe, und dann wird geprüft, ob sie mehrere Sachen gleichzeitig machen kann, sehen, hören, sprechen, reagieren, und ob sie den Druck, die Verantwortung aushält. Viele fallen durch, Birgit Drossard schafft es. Seit dreieinhalb Jahren arbeitet sie in Tempelhof, immer vier Tage Schicht, dann zwei Tage Pause. Um die 5000 Euro verdient sie im Monat. Zu Hause versucht sie, die Flugzeuge, Piloten, weiße und rote Punkte zu vergessen, sie erkennt keine Maschine am Ton und abonniert auch keine Flieger-Zeitschriften. Ein kleiner Fehler von ihr könnte den Tod vieler bedeuten, es ist besser, nicht daran zu denken. Wie entspannt sie sich? „Ich mache viel Sport“, sagt sie. Nur ein paar kleine Worte haben es aus dem Beruf in ihr Privatleben geschafft. Manchmal sagt sie zu ihren Freund: „stand by“, wenn er kurz warten soll, oder sie sagt „tri“ statt „three“, weil sie das immer so aussprechen, damit jeder Pilot es versteht.

Jetons im Spielkasino

Birgit Drossard redet wieder in ihr Mikrofon, „Hallo“ und „Auf Wiedersehen“, kann sie auf schwedisch, finnisch, norwegisch, dänisch, auf englisch sowieso. Manchmal erkennt sie ein Pilot auch an der Stimme, weil es nicht so viele Frauen in diesem Job gibt. Viel unterhalten dürfen sie sich nicht miteinander, Privates ist über Funk verboten, die Frequenz muss für Notfälle freigehalten werden.

Drossard ordnet schwere Kärtchen vor sich ein. Sie sehen ein bisschen aus wie Jetons im Spielcasino. Auf ihnen stehen die Flugnummer, wohin die Maschine fliegt und woher sie kommt, wie schnell sie ist, wie hoch. Wenn sie aus Drossards Luftraum verschwindet, nimmt sie das Kärtchen wieder weg. Über mehreren solcher Kärtchen liegt ein größeres, auf dem ein eigenartiges Wort wie „Renki“ notiert ist. So heißt ein bestimmtes Luftkreuz. Birgit Drossard muss aufpassen, dass sich nicht zwei Flugzeuge dort zur selben Zeit auf derselben Höhe treffen. Wenn viel Verkehr ist, ist es nicht einfach, den Überblick zu behalten, mehr als 40 bis 45 Flugzeuge darf ein Lotse sowieso nicht in einer Stunde überwachen. Mittags ist nicht viel los, aber abends und morgens. 1600 Flüge kontrollieren sie allein von Tempelhof an einem Tag. Und es werden immer mehr. Obwohl viele Menschen nach dem 11. September Flugzeuge fürchten, und es ohnehin viele gibt, die sich in ihnen nicht besonders wohl fühlen. Man hört auch, dass manche Lotsen Flugangst hätten. Birgit Drossard zieht die Mundwinkel nach unten, schüttelt den Kopf, mitleidig. Sie sieht aus, als habe sie für diese armen Geschöpfe wenig Verständnis. Sie fliegt noch immer gern, sitzt zwar hinten und nicht im Cockpit, ist nicht Pilotin, aber sie ist Himmelexpertin. Immerhin.

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