Die Börse : Wenn es nicht reicht

Von Moritz Döbler

In diesen Tagen gibt es wohl niemanden in Berlin, der von dem Geschehen an den Börsen so unmittelbar betroffen ist wie er. Und doch konnte Bill Gates lächeln, als er Klaus Wowereit gestern die Hand schüttelte. Der Besucher hatte zwar kurz zuvor binnen Minuten gut eine Milliarde Dollar verloren. Aber es hätte teurer werden können. Die einzigartig deutliche Zinssenkung der US- Notenbank verhinderte Schlimmeres.

Das Widersinnige ist: Die wenigen Menschen, die in diesen schwarzen Tagen viel von ihrem eigenen Geld abschreiben müssen, können noch lächeln. Sie bleiben reich. So war es schon immer. Und all die anderen haben Angst. Denn in der komplexen, globalen, permanenten, teuflischen Wette auf die Zukunft sind die meisten Menschen nur Zuschauer – sie besitzen keine Aktien und schon gar nicht in nennenswerter Stückzahl, fürchten aber ums Ersparte auf dem Konto, das Riester-Guthaben, ihre Arbeit, die Ausbildung der Kinder. Alles steht auf dem Spiel, scheint es.

Und so ist es auch: Alles steht auf dem Spiel. Dass ein Wirtschaftsminister, eine Kanzlerin auf Zuversicht machen – geschenkt. Das ist ihr Job, was könnten sie auch sonst tun. Zuschauer, auch sie. Wobei man sich schon fragt, ob auf die Finanzkrise in Deutschland angemessen reagiert wird. Die staatlichen und halbstaatlichen Banken IKB, SachsenLB und WestLB verzocken sich, und der Politik fällt kaum etwas ein, außer viel Steuergeld hinterherzuwerfen. Dass die WestLB mit zwei Milliarden Euro gestützt wird, obwohl ihr Geschäftsmodell überholt ist und es eigentlich zu viele Landesbanken gibt, bleibt aberwitzig.

Aber zurück zur großen weiten Welt. Selbst ein US-Präsident kann den Umschwung nicht aufhalten. Das Konjunkturprogramm von George W. Bush ist noch nicht einmal Gesetz geworden, doch die Finanzmärkte haben die 150 Milliarden Dollar schon vergessen. Zu wenig, zu spät, um den Aufschwung zu retten. Abschwung, Rezession, Krise: Das bleibt, allen Beschwichtigungen zum Trotz, das realistische Szenario. Es ist tiefe Skepsis in die globalen Finanzmärkte eingezogen. Überraschend ist nicht, dass sie kam, sondern dass sie so spät kam. Weil nichts hilft, dreht Amerika nun panisch an der Zinsschraube. Das Geld soll billig sein, die Wirtschaft soll brummen, das Volk soll kaufen.

Die beängstigende Nachricht des Tages allerdings ist, dass auch die radikale Senkung des amerikanisches Leitzinses die Aktienmärkte nicht beruhigt hat. Es hat nicht gereicht, die Kurse drehten trotzdem ins Minus und erholten sich kaum. Schon wird die nächste Zinssenkung gefordert, auf drei Prozent. Die US-Wirtschaft soll mit Macht gestützt werden – am Ende aber könnte sich zeigen, dass da nur noch eine Fassade steht, weil Staat und Bürger längst pleite sind.

Dass China und Indien die führenden Volkswirtschaften der Welt waren, ist menschheitsgeschichtlich nicht so lange her. Im Jahr 1870 stellten sie knapp ein Drittel der globalen Wirtschaftsleistung. Offensichtlich ist die Welt wieder an einem Wendepunkt angekommen. Die Schwellenländer sind auf dem Vormarsch, und die industrielle Fertigung von Massenprodukten verliert in voll entwickelten Volkswirtschaften an Bedeutung. Nokia ist nur ein Beispiel dafür – mit dem Ende des Bochumer Werks verschwindet die Fertigung von Mobiltelefonen vollständig aus Deutschland.

Das wäre nicht fatal, wenn es dabei bliebe. Doch die heutigen Billiglohnländer begnügen sich auf Dauer nicht damit, die verlängerte Werkbank der deutschen Industrie zu sein. Der Volkswagen dieses Jahrhunderts kommt nicht aus Wolfsburg, so viel ist sicher. Was aber kommt dann aus Deutschland? Welche Innovation hat dieses Hochlohnland der Welt voraus? Welches Produkt, das sich nicht binnen ein paar Jahren kopieren lässt? Mit Dienstleistungen allein wird es nicht gehen. Es mag sein, dass Deutschland in der neuen Welt seinen Platz findet, aber sicher ist das nicht. Nicht die geplatzten Hypothekenkredite in den USA, die Finanzkrise der Banken, der Kursrutsch an den Börsen sind die ultimative Herausforderung, sondern die sich verändernde Arbeitsteilung in der globalisierten Welt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben