Zeitung Heute : Die Bombe tickt nicht mehr Pigotts „Kleiner genialerWeinführer 2009“

So schreibt nur einer über Wein: „Eine geile Schwarzwälder-Kirschtorten-Note springt aus dem Glas wie der Super-Held eines Comics.“ Stuart Pigott gibt zwar längst nicht mehr in jeder Weinbeschreibung so viel Stoff, bleibt aber als Kämpfer gegen die weltweit übliche Weindünkelei eine Klasse für sich. Sein „Kleiner genialer Weinführer", das handlichste und erfolgreichste Werk des in Berlin lebenden britischen Autors, ist jetzt in der Ausgabe 2009 erschienen – und auch das ist wieder etwas eigenartig. Denn Pigott nutzt diese alljährliche Aktualisierung kaum, um auf die Eigenheiten der Jahrgänge einzugehen, was beispielsweise angesichts der sehr ungewöhnlich ausgefallenen deutschen Weißweine des Jahrgangs 2006 nicht unproblematisch ist.Es geht ihm viel mehr ausschließlich darum, immer wieder neue Winzer und neue Weine vorzustellen.

Die lockere Gliederung macht das leicht: Trockene Rotweine, süße Rotweine, trockene Roséweine, trockene Weißweine, Schaumweine, das ist im Prinzip alles, und das führt dazu, dass auf Breuer Bragato folgt und auf Michlits Don Diego de Miranda. Nichts für Experten, die ganz automatisch erwarten, dass nach Rheingau Rheinhessen kommt wie eine Weinkönigin nach der anderen, nichts für Statustrinker, die beim Gedanken an Weine von Aldi oder Rossmann am liebsten tot umfallen würden.

„Bei Wein gibt es keine Relation zwischen Preis und Qualität" lautet eine der plakativsten Pigott-Provokationen, nun ja, das klingt gut, wird aber doch stark in Frage gestellt durch die Tatsache, dass der Autor selbst in seinen Bewertungen eine solche Relation durchaus konsequent bestätigt. Sein Punktesystem ist allerdings nichts für Freaks, die Parkers 100-Punkte-Skala am liebsten noch durch halbe Punkte differenzieren würden, es reicht von einem Pigott-P für solide Alltagsweine bis zu fünf P für Weltklasse, dazu noch fünf mit Ausrufungszeichen für „nicht zu übertreffen“. Das Bömbchen für „gefährlich schlechte Weine" steht zwar noch in der Legende, doch ein dazu passendes Getränk ist Pigott offenbar nicht mehr ins Glas gekommen – mag sein, dass er langsam milder wird.

Neu ist diesmal eine Reihe von Auszeichnungen: Der „kleine geniale Weinpreis 2009" beispielsweise geht an die Moselwinzer Martin und Susanne Müllen. Bezugsquellen, wertende Anmerkungen zu Rebsorten, eine paar Tipps zu Gläsern - fertig. Eines der nützlichsten Bücher für Leute, die Wein nicht studieren, sondern mit Genuss trinken wollen. Leute, (Scherz, 9,90 Euro). bm

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