Zeitung Heute : Die Botschaft vom Rande der Stadt

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Von Kerstin Decker

Hinter dem Maschendrahtzaun stehen zwei rostige Fahnenmasten. Sicher wehten hier mal die DDR-Fahne und die rote Fahne. Jetzt ist nur eine Flagge da. Sie faltet sich vor Trägheit um den Mast und gibt nichts preis, schon gar nicht ihr Wappen. Aber an der Zauntür steht es doch: „Botschaft der Mongolei“. Eins ist klar, Shawne Borer-Fielding, Gattin des ehemaligen Schweizer Botschafters, hätte hier nicht gewohnt. Dabei ist die Mongolei viel größer als die Schweiz. Und ihre Berge sind viel höher. Die Botschaft der Schweiz steht direkt neben dem Bundeskanzleramt. Die Botschaft der Mongolei aber steht am Rande von Prenzlauer Berg, wo die Kneipen „Bornholmer Hütte“ und „Bayernmichel“ heißen. Und nebenan ist der Plusmarkt.

Die Diplomatie ist zurückgekehrt nach Berlin. Botschafter residieren. Stararchitekten bauen ihnen Häuser, eins schöner als das andere. Darum wollen kluge Kinder immer Botschafter werden. Oder noch besser: Kulturattaché. Der Historiker und Salon-Veteran Nicolaus Sombart sagt, die Botschaften waren schon früher besonders wichtig für Berlin, weil es fast ohne Adel auskommen musste. Die Botschaften brachten ersatzweise den Glanz nach Berlin. Also sind Botschafter die unmittelbaren Nachfahren des Adels. Aber wie soll man in diesem Würfel aus Beton mit DDR-Dederongardinen und schmiedeeisernen Gittern vor den Fenstern angemessen glänzen? Wie soll man hier eine Botschaftsparty geben? Es gibt Länder, die müssen die Stararchitekten vergessen haben.

Birvaa Mandakhbileg öffnet die Tür mit einem Lächeln wie eine Entschuldigung. Sein Blick fällt in einen Blumenkübel aus Beton, in dem früher mal Blumen gewesen sein müssen. Der Botschafter der Mongolei ist nicht da, Birvaa Mandakhbileg ist sein dritter Sekretär. Er bittet zu einem lila 70er-Jahre-Kunstledersofa im Hausflur. Der diplomatische Laie denkt, ein Botschafter verbringt seine Tage damit, Empfänge zu geben und auf andere Empfänge zu gehen. Den ganzen Tag Champagner. Aber das stimmt nicht. Morgens liest ein Botschafter zuerst die Korrespondenz aus seiner Heimat, danach informiert er sich über die neuesten Zustände in seinem Gastland und dann beginnt er, Kontakte herzustellen. Das macht er bis zum Abend. Manchmal hat er ein Arbeitsessen, die Empfänge beginnen meist erst am Nachmittag oder noch später. Die Mongolei würde gern viel mehr Personen einladen, „denen die Mongolei am Herzen liegt“. Aber wohin?

DJ Bobo am Botschaftseingang

Eigentlich wollte die Mongolei längst nicht mehr hier sondern schon in Pankow-Niederschönhausen sein. Dort, wo zu DDR-Zeiten Ägypten und China residierten. Nun ist Kasachstan allein da, und die Mongolei kann nicht hinterher. „Unsere Baufirma ist in Schwierigkeiten!“, sagt der dritte Sekretär im grauen Maßanzug und versteckt hinter einem diplomatischen Lächeln, wer in noch größeren Schwierigkeiten ist: die Mongolei selbst. Nie hätten wir gedacht, dass die Krise der deutschen Bauwirtschaft solche Fernwirkungen haben kann. Die Botschaft hatte zwar schon bezahlt, aber dann ging die sächsische Baufirma pleite und baute nicht fertig. Jetzt kostet die Restaurierung der Pankower Villen noch mehr. Geld, das im Staatshaushalt der Mongolei nicht vorgesehen ist. Darum ist der Botschafter auch gerade in Ulan-Bator. Und Birvaa Mandakhbileg muss auf unabsehbare Zeit in der Nachbarschaft von „Bayernmichel“ und „Bornholmer Hütte“ ausharren. Ein mongolischer Junge läuft in einer Art Widerlegung des Diplomatenschritts – zwei Stufen auf einmal – die Botschafts-Treppen hoch. Bestimmt hat er das Plakat von DJ Bobo am Botschaftseingang aufgehängt.

Mag sein, Birvaa Mandakhbileg ist nicht ganz unschuldig daran, dass die Mongolei ausgerechnet eine sächsische Baufirma genommen hat. Die Mongolei unterstützt den Aufschwung Ost. Die Rest-Solidarität einstiger Bruderländer? Denn irgendwie kommt Birvaa Mandakhbileg schließlich selber aus Sachsen. Mit 18 Jahren stand der Abiturient aus Ulan-Bator plötzlich mitten in Leipzig, um hier Jura zu studieren. Er hat also wirklich Recht studiert in einem „Unrechtsstaat“, wie oft gesagt wird? Der dritte Sekretär der Botschaft der Mongolei mustert argwöhnisch die Vertreterin der Hauptstadt-Zeitung. Dass diese Deutschen immer so prinzipiell sein müssen! Auch die Mongolei hat schließlich ihre Montagsdemonstrationen gemacht, vielleicht waren es auch Dienstags- oder Mittwochsdemonstrationen, auch die Mongolei hat im Frühjahr 1990 ihre Kommunisten gestürzt und besitzt seitdem eine demokratische Verfassung.

Direkt nach dem Vorbild des deutschen Grundgesetzes. Denn die Mongolei nahm sich schon immer viel lieber Deutschland zum Vorbild als die Nachbarn Russland oder China. In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts schickte sie ihre Studenten nach Deutschland. Es gibt eine Art mongolische SPD, eine Art mongolische CDU, und die reformierten Kommunisten gibt es auch noch. Seit 2000 sind sie wieder an der Macht, und niemand, sagt der dritte Sekretär, hat Probleme damit. Ja, Birvaa Mandakhbileg kam sehr gut zurecht mit seinem Leipziger Abschluss in der Mongolei. Aber nach 1990 ging er doch noch mal zurück nach Deutschland, diesmal nach Heidelberg. Er promovierte: „Der Rechtsschutz durch richterliche Reichsbehörden als Vorstufe der Verwaltungsgerichtsbarkeit“. Aber braucht man in der Mongolei, wo nicht mal so viele Menschen leben wie in Berlin und die Kühe eindeutig in der Überzahl sind, wirklich solche Untersuchungen? Die Miene des dritten Sekretärs der Botschaft der Mongolei in der Bundesrepublik erfriert zu einem Ausdruck diplomatischer Strenge, und man weiß es wieder: Die Diplomaten sind wirklich die Erben des Adels. Wahrung von Form, Protokoll, Würde und Rang – das alles liegt in ihren Händen. Und sei man auch der Repräsentant eines Nomadenvolks.

Nomadenvolk hin, Nomadenvolk her – Birvaa Mandakhbileg spricht nun über die Zeit, da China noch ein ziemlich unbedeutender Teil der Mongolei war. Gerade ist man dabei, die alte Hauptstadt von Dschingis Khan wieder auszugraben. Und wer darf mitmachen? Nur Deutschland, sagt der dritte Sekretär. Die einzige Direktflugverbindung von Ulan Bator nach Europa geht nach Berlin.

Nein, es scheint nicht bloß Höflichkeit für das Gastgeberland zu sein: Nichts ist wichtiger als die deutsch-mongolische Zusammenarbeit, höchstens die japanisch-mongolische Zusammenarbeit. Und wenn die Mongolei jetzt noch garantiert BSE-freies Fleisch nach Europa liefern dürfte, wäre die Welt vom Standpunkt der Mongolei aus gesehen beinahe in Ordnung. Nur, dass die Mongolen, obwohl sie so wenige sind, bei der Ankunft in Tegel strenger kontrolliert werden als die Chinesen, das ärgert Birvaa Mandakhbileg jedesmal wieder. Als ob die Mongolen nicht genauso gute Preußen wären wie die Deutschen und nicht schon in Ulan-Bator jeden strengstens überprüften, der losfliegt. Im Jahre 2004 wird die Ausstellung „Dschingis Khans Erben“ mit den mongolisch-deutschen Ausgrabungen in Bonn eröffnet. Bis dahin, da ist der dritte Sekretär sicher, wird auch seine Botschaft umgezogen sein. Die mongolische Fahne vor der Tür flattert im Wind. Die letzten Kunden verlassen den Plus-Markt. In der „Bornholmer Hütte“ um die Ecke ist „Dämmerschoppen“-Zeit.

Wenn sich die Wichtigkeit einer Botschaft aus ihrer Entfernung zum Bundeskanzleramt bestimmen lässt, dann bauten die USA gerade richtig. Direkt am Pariser Platz. Und Großbritannien liegt gleich dahinter. Die Schweiz bildet in jeder Hinsicht eine Ausnahme, was man schon an Berliner Stadtführern bemerkt, die die Lage des Bundeskanzleramts so erklären: Hier sehen Sie die Schweizer Botschaft und daneben ist das Bundeskanzleramt! Es gibt aber einen Konkurrenzstandort. „Wir sind ganz einfach zu finden, gleich neben dem Schloss Bellevue“, sagt die Mitarbeiterin der Botschaft von Nicaragua am Telefon. Joachim-Karnatz-Allee 45.

Fahnenmasten im Wohnzimmer

Frank. Metzger. Haschke. Ganz normale n auf einem ganz normalen Klingelschild eines ganz normalen Wohnhauses. Und dann: 2. OG „Embassy of Nicaragua“. 3. OG „Embassy of Panama“. Am Eingang fordert die verantwortliche „Siedlungsgesellschaft“ alle Bewohner der Joachim-Karnatz-Allee 45 auf, den Müll entsprechend einzusortieren und weist darauf hin, dass sich Sondersäuberungen auf die Betriebskostenabrechnungen auswirken. Die Fahrstuhltür öffnet sich. Die Botschaft von Panama verlässt mit drei Mülltüten in der Hand den Aufzug. Im zweiten Stock empfängt die Botschafterin von Nicaragua, Suyapa Indiana Padilla Tercero. Ein Wohnzimmer? Nur dass da niemand Fahnenmasten aufstellen würde. Suyapa Indiana Padilla Tercero lächelt ermutigend und distanziert zugleich über ihren großen Schreibtisch hinweg. Das ist kein Wohnzimmer-Lächeln, das ist ein Repräsentations-Lächeln. Und wir ahnen: Was ein Wohnzimmer ist, entscheidet niemals das Zimmer. Suyapa Indiana Padilla Tercero zur Seite sitzt eine junge schöne Frau im schulterfreien schwarzen Kleid. Das ist die Gesandte Karla Luzette Beteta Brenes. Nicaragua hat eine Frauenbotschaft! Und da hält man die Mittelamerikaner immer für machohaft.

Eigentlich wollten die mittelamerikanischen Länder sich alle zusammen ein Diplomatenhaus in Berlin bauen, gerade so wie die „Nordischen Botschaften“ am Tiergarten. „Aber“, sagt Suyapa Indiana Padilla Tercero mit unerschütterlicher Würde, und die goldenen Knöpfe leuchten an ihrem rosa Kostüm, „Nicaragua ist ein sehr kleines Land.“ El Salvador, Guatemala, Costa Rica, Honduras und Panama müssen sich etwas Ähnliches gesagt haben. Und warum selber bauen, wenn man auch so zusammenziehen kann? Also gingen sie alle in die Joachim-Karnatz-Allee oder in eine Strasse nebenan.

Eigentlich sollten hier Bundestagsabgeordnete einziehen, aber denen war es vielleicht nicht groß genug. Die Räume durfte sich jede Botschaft selbst einteilen. Darum ist es bei Nicaragua auch ein ziemlich großes Wohnzimmer geworden. Nun gut, wenn die Botschafterin aus dem Fenster blickt, sieht sie nicht so sehr die Spree als vielmehr die Rückwand der Kita „Spreekids“, aber wen stört das? Deutschland ist nach den USA das zweitwichtigste Land für Nicaragua, nicht nur weil es hilft, den großen Nicaragua-See wieder sauber zu kriegen.

Suyapa Indiana Padilla Tercero ist Romanistin. Und eine eigene Schule für Sekretärinnen hat sie auch gegründet in Nicaragua. Als die Sandinisten noch regierten, zog Tercero sich ganz in ihre Sekretärinnen-Schule zurück. Romanistin sein unter den Sandinisten? Bei dem Wort „Sandinisten“ gräbt sich jedesmal eine tiefe Falte zwischen die Augenbrauen der Botschafterin. Sie ist eine leidenschaftliche Vertreterin des neuen, demokratischen Nicaragua. So kam sie 1990 nach Pankow in Ostberlin, als die Sandinisten gerade weg waren. Dass die DDR auch gleich weg sein würde, ahnte sie. Damals war die heutige Botschafterin Gesandte, wie jetzt die junge Frau im schwarzen Kleid neben ihr.

27 ist Karla Luzette Beteta Brenes, sieht mindestens so gut aus wie Shawne Borer-Fielding, die mal „Miss Texas“ wurde und ist nicht etwa Frau eines Botschafters sondern fast selber einer. Vizekonsul in Houston hätte sie vor zwei Jahren auch werden können, aber wozu ist sie in den deutschsprachigen Kindergarten von Managua gegangen? Außerdem sei eine Gesandte doch viel mehr als eine Vizekonsulin, sagt Karla Luzette Beteta Brenes.

Offene Türen, blaue Auslegeware, mittlerer Ikea-Charme und überall Pflanzen. Eine Frauen-Botschaft. Und eine Kunst-Botschaft! Der Vater der Gesandten Brenes ist ein bedeutender Maler in Nicaragua. Die Botschafterin und Romanistin Suyapa Indiana Padilla Tercero findet es schon lange veränderungswürdig, dass die Dichter der Sandinisten – Ernesto Cardenal – hier noch immer bekannter sind als Terceros eigene Lieblingsdichter. Sie sucht gerade einen deutschen Verlag für ihren Lieblingsmodernisten Rubén Dario. Und auch die Sekretärin – eine Österreicherin, die mal einen Italiener heiratete, um mit ihm in Argentinien zu leben – malt und schreibt Novellen.

Expedition zum Auswärtigen Amt

Turm mit Villa dran, wilhelminisches Patt zwischen Haus und Ritterburg mit der rumänischen Fahne davor. Aber es sieht sie ja niemand. Kein Passant, kein Auto. Die Matterhornstrasse gehört den Singvögeln. Wenn sich die Wichtigkeit einer Botschaft wirklich nach ihrer Entfernung zum Bundeskanzleramt bemisst, dann sieht es schlimm aus für Rumänien. Vom Schlachtensee ist es zwar nicht mehr ganz so weit ins Berliner Zentrum wie von Bonn aus, aber bestimmt hat Rumänien die dezentralste Botschaft Berlins.

Zwei Monitore im Vorraum, ansonsten stört nichts den Wilhelminismus. Alles hier ist schwer: die Samtvorhänge, der Riesenkronleuchter, die Ölbilder. An der eigenen Schwere aus der Zeit gefallen. Wahrscheinlich werden hier sogar die Menschen schwer. Der Botschafter weiß auch nicht, ob die Landschaftsbilder nun eher eine deutsche oder eher eine transsylvanische Düsternis darstellen. Es ist ihm auch egal.

Adrian Vierita ist erst seit fünf Monaten hier und will gleich wieder weg. Nicht weg aus Berlin, aber weg aus der Villa. „Wissen Sie“, sagt Rumäniens Botschafter in Deutschland, „von hier aus ist alles ein bisschen weit.“ Wenn Vierita von seinen Fahrten nach Mitte spricht, klingt es wie ein Expeditionsbericht. 20 Kilometer bis zum Auswärtigen Amt, und das bei dem bemerkenswerten Stand der rumänisch-deutschen Beziehungen! Wie viele rumänische Politiker allein in diesem Jahr hier waren – sogar der Präsident, der Außen- und der Verteidigungsminister. Vielleicht hat er Angst, dass die Politiker glauben, er lebe hier im Exil. Die Vögel lärmen im Garten. Rumänien war das erste Ostblockland nach der Sowjetunion, das diplomatische Beziehungen zur Bundesrepublik hatte. Damals, 1967, kaufte Rumänien die Villa.

Der amerikanische Botschafter!, ruft ein Mitarbeiter an der Tür. Der rumänische Botschafter steht auf, um mit dem US-Botschafter zu telefonieren. Überhaupt gehören Amerika und Rumänien bald irgendwie zusammen. Rumänien baut seine neue Botschaft nämlich gleich neben der der USA in Mitte. Bis die neue der USA dann fertig ist, und die USA umziehen. Adrian Vierita blickt geradeaus durch das Ölbild mit der transsylvanischen oder deutschen Düsternis hindurch. Er, Amerikas Nachbar!

Und Mercedes lässt jetzt seine Getriebe in Rumänien herstellen, sagt der Botschafter. Mercedes-Getriebe aus Rumänien, bedeutet das nicht Vertrauen in sein Land? Und er, Vierita, kann es befördern. Bald ist Richtfest in der Dorotheenstrasse.

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