Zeitung Heute : Die brauchen Energie

Der Fußballverein von Cottbus steigt wohl aus der Ersten Liga ab, und einem Dichter verschlägt es die Sprache

Benedikt Voigt[Cottbus]

Der Dichter gab vor knapp zwei Wochen auf. Damals reimte er: „So geht’s nun zu Ende im höchsten Geviert/zu saft- und zu kraftlos wurde beschworen/der Nimbus von denen die Auserkoren/die nimmer und niemals werd’n guillotiniert.“ Zu jenem Zeitpunkt war in ihm bereits die Erkenntnis gereift, dass der Niedergang in Cottbus nicht mehr aufzuhalten ist. Der Dichter sagt: „Wir hätten Kaluzny nicht abgeben dürfen.“

Vielleicht sollte man das erklären. Radoslaw Kaluzny ist ein Fußballprofi, der mittlerweile bei Bayer Leverkusen spielt, und mit „Wir“ bezeichnet der Dichter Gottfried Blumenstein den FC Energie Cottbus. Über diesen Fußballklub verfasst der Hobbydichter seit drei Jahren in der „Lausitzer Rundschau“ nach jedem Spiel ein Gedicht. 98 Werke sammelten sich auf diese Weise an. Über das 1:1 gegen Mönchengladbach schrieb er: „Solch Unentschieden ist gleich verlieren/vom Selbstwertgefühl in elender Runde/zeugt nichts mehr und gibt es keine Kunde/Stattdessen wir unsere Seele traktieren“. Reime wie diese verhalfen dem 51-Jährigen zu lokaler Bekanntheit, zeitweise trug sie sogar ein Schauspieler im MDR-Kulturradio vor. Nun aber steht das Objekt seiner Poesie vor dem Abstieg, heute könnte sich Energie Cottbus aus der Ersten Bundesliga verabschieden. Der Hobbydichter, der hauptberuflich sein Geld als Theater- und Musikkritiker verdient, will Zweitligaspiele nicht in Reime gießen. „Mir ist das Dichten in dieser Saison immer schwerer gefallen – wegen der vielen Niederlagen“, sagt Blumenstein. Fußballer würden sagen: Er hat ein Motivationsproblem.

Der Dichter verweigert den Abstieg, die Region kann das nicht. Sie ist schon unten. 11185 Arbeitslose meldet die Stadt Cottbus im März, 19,1 Prozent. „Die Arbeitslosigkeit wird auf einem hohen Niveau bleiben“, sagt Roland Neumann von der Informationsabteilung des Arbeitsamtes Cottbus. Die Lausitz erlebt einen schwierigen Strukturwandel: Weg von Kohle, Chemie und Textilien, hin zu Handel und Handwerk. Trotzdem sind der Energieversorger Vattenfall und das Chemiewerk BASF-Schwarzheide immer noch die größten Arbeitgeber der Region. Abgesehen von ein paar Stellen in der Gastronomie wirkte sich der Aufstieg von Energie Cottbus in die Erste Bundesliga nicht nennenswert auf den Arbeitsmarkt aus. „Der war vorher schlecht und ist es immer noch“, sagt Neumann. Auch die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch. Weshalb es ins Bild passt, dass das Arbeitsamt in Cottbus gegenüber der Paul-Werner-Gesamtschule liegt. So brauchen manche Jugendliche nach dem Schulabschluss lediglich die Straßenseite zu wechseln.

Der 23-jährige Raik Malcherek ist seit drei Monaten arbeitslos. Vor fünf Jahren hat der Klempner seine Heimatstadt verlassen, um in Hamburg zu arbeiten. Nach seiner Entlassung ist er zu den Eltern zurückgekehrt. Nun sitzt er im Erdgeschoss des Arbeitsamtes. Per Internet bewirbt er sich als Haustechniker bei einem Fitness-Studio. In München. „Ich bin noch jung, da ist man flexibel.“ In Hamburg sah sich Raik Malcherek jedes Spiel der Cottbuser im Fernsehen an, manchmal besuchte er auch Auswärtsspiele, „Cottbus ist erst durch den Fußball in Deutschland bekannt geworden.“ Er hatte Bekannte aus Hamburg, die nicht wussten, wo Cottbus liegt, bis der Hamburger Fußballklub FC St. Pauli irgendwann gegen Energie Cottbus spielte. Eines Tages musste er sich über die Unwissenheit eines Fernsehkommentators ärgern. „Der Ball fliegt jetzt noch zehn Kilometer weiter bis nach Polen“, sagte der Sprecher nach einem Schuss, der im Cottbuser Stadion der Freundschaft weit über das Tor ging. „Das war wie ein Faustschlag ins Gesicht“, sagt Raik Malcherek, „wir sind keine Grenzstadt – bis Polen sind es noch 40 oder 50 Kilometer.“

Der FC Energie hat die Lausitz erst auf die gesamtdeutsche Landkarte gehoben. „Er hat das Image verbessert“, sagt Dichter Gottfried Blumenstein. Umso tragischer käme nun der Abstieg. „Dem Land Brandenburg klebt das Pech am Fuß“, sagt er. Teure Vorzeigeunternehmen wie der Lausitzring, der Cargolifter oder die Chipfabrik in Frankfurt/Oder haben die Hoffnungen der Menschen nicht erfüllt. Nun wird wohl künftig auch der Stolz der Region, der FC Energie Cottbus, nicht mehr für Erstklassigkeit stehen.

Trotzdem reagieren die Cottbuser gelassen. Sie hatten ja fast eine ganze Saison Zeit, sich mit dem Abstieg anzufreunden. Seit Dezember gehört der letzte Platz der Bundesliga Energie Cottbus. Bei der jüngsten Mitgliederversammlung stand ein älterer Herr auf und sagte: „Ich möchte mich für die drei Jahre in der Ersten Liga bedanken.“ Wären nicht die beiden ersten Jahre gewesen, in denen die Mannschaft von Trainer Eduard Geyer die Klasse unter großem Jubel erhalten konnte, hätte sich schon früher die Erkenntnis durchgesetzt, dass die höchste Spielklasse eine Nummer zu groß ist. So aber wurden Erwartungen geweckt, die in diesem Jahr unerfüllt bleiben.

Auch bei Hartmut Jende. „Räumungsverkauf“ leuchtet in neongelben Buchstaben auf der Fensterscheibe des Energie-Fanshops, der dem 59-Jährigen gehört. „Wir haben den Laden dicht gemacht, weil zu wenig Kundschaft kam. Das hat mit dem Abstieg des Vereins nichts zu tun.“ Der Besitzer des Fanshops in der Straße der Jugend steht an einem Rundtisch in seiner Fleischerei, an seinem weißen Kittel klebt in Hüfthöhe noch ein Fetzen rohes Fleisch. „Ich bin ein Frontprodukt“, sagt er ungefragt, „geboren in Schlesien 1944.“ Er gehört zur lokalen Prominenz und er bezeichnet sich selbst nicht als Metzger, sondern als „Caterer“. Neben der Profimannschaft versorgt er auch das Stadion der Freundschaft und die Stadthalle mit Essen. Bei Energie sitzt er im Verwaltungsrat. „Ich bin der Erfinder der Energie-Wurst“, sagt er nicht ohne Stolz, „die hat nur zehn Prozent Fett.“ Hartmut Jende hatte für seine Tochter nach dem Aufstieg einen Kaffeeshop mit Devotionalienhandel eröffnet. Doch das Geschäft funktionierte nicht. „In Cottbus geht alles zäh, was man neu macht“, sagt Jende, „hier gehen die Uhren anders.“

Aus einer anderen Zeit scheint auch der Lastwagen der Bundeswehr zu stammen, der auf der Straße der Jugend an einer roten Ampel hält. Auf seiner Stoßstange klebt ein Aufkleber, der nach dem Aufstieg in ganz Brandenburg verteilt wurde. „Wir spielen in der Ersten Liga“, ist darauf zu lesen.

Gedruckt hat ihn der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg. Den gibt es seit zwei Tagen auch nicht mehr.

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