Zeitung Heute : Die Bremsspuren der Natur Wie zwei grüne Minister eine Katastrophe besichtigen

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Von Hans Monath, Dessau

Auf dem kahlen Betonhof hinter dem Dessauer Polizeipräsidium, wo in einem weißen Kreis ein „H“ den Hubschrauberlandeplatz markiert, gibt es erst einmal eine handfeste Überraschung: Eigentlich warten der christdemokratische Innenminister Sachsen-Anhalts, die regionalen Spitzenbeamten und die vielen Polizisten auf den Umweltminister und den Außenminister aus Berlin, die sich über das Hochwasser informieren wollen. Da plötzlich kommt eine blonde Frau über die Betonplatten und geht zielstrebig auf Klaus Jeziorsky zu. „Herr Minister, ich würde Sie gern begleiten“, sagt Cornelia Pieper, Generalsekretärin der FDP und Bürgerin Sachsen-Anhalts.

Gerade hat in der wartenden Runde noch einer räsonniert, dass ja nun auch Wahlkampf sei und dass Jürgen Trittin und Joschka Fischer vielleicht auch deshalb sich so sehr für die Wassermassen interessieren. Der Magdeburger Innenminister, der gerade aus Bitterfeld gekommen war, wo das Wasser die Chemieanlagen bedroht, hatte offensichtlich andere Sorgen. „Ja, das ist ja auch noch“, sagt er. „Aber schauen wir erst mal, dass wir alles tun, damit wir das in den Griff bekommen.“

Deshalb sitzt dann auch bald die FDP-Generalsekretärin mit Joschka Fischer und Jürgen Trittin im blauen Kastenwagen des Technischen Hilfswerks, der zuerst an einer improvisierten Sandsackstation Halt macht. Der ganze Pulk aus Politikern, Sicherheitsbeamten und Referenten springt aus den Fahrzeugen und steuert auf eine alte Landebahn zu, wo Freiwillige und Bundeswehrsoldaten Sandsäcke abfüllen. Nicht alle scheinen erfreut über den hohen Besuch: „Die sollen mal lieber ein paar Säcke füllen“, rüpelt ein Junge mit Springerstiefeln.

Aber die wichtigen Botschaften sind ohnehin nicht für die Helfer, sondern für die Medien bestimmt. Der Umweltminister wiederholt vor einer Kamera gerade seinen Appell für mehr Klimaschutz. Seine Generation werde sich wohl mit der Tatsache von häufigen Hochwassern abfinden müssen, sagt Jürgen Trittin: „Wenn Sie aber wollen, dass Ihre Kinder nicht mehr damit leben, dann müssen Sie heute handeln.“

Weiter geht es zur Berufsfeuerwehr, wo die Regierungsvertreter schlechte Nachrichten erfahren: Die Fachleute prognostizieren, dass der Pegel diesmal den des Jahrhunderthochwassers aus dem Jahr 1954 übertreffen wird. Der Außenminister hört mit ernstem Gesicht zu und debattiert dann strömungstechnische Details von Flussläufen. Während Trittin im dunklen Anzug gekommen ist, machen Fischers Bluejeans und Windjacke deutlich, dass der Vizekanzler nicht in diplomatischer Mission unterwegs ist. Der Spitzenkandidat der Grünen hat eigens seine Wahlkampftournee unterbrochen.

Leicht ist es nicht, als Vertreter einer ökologischen Regierungspartei den richtigen Ton zu treffen, wenn mitten in der heißen Phase des Wahlkampfs eine Katastrophe das Land heimsucht. Jede neue Pegelmeldung müssen die Gäste aus Berlin als Bestätigung der eigenen Politik verstehen – der Klimapolitik wie auch des Widerstands der Grünen gegen den Ausbau von Flüssen zu schnurgeraden, betonierten Wasserautobahnen. Angesichts von Dutzenden Toten in Mitteleuropa aber zeigen weder Fischer noch Trittin Triumphgefühle. Dass sie in den Wassermassen, an deren Rand sie gerade stehen, den Beweis für die Richtigkeit ihrer Politik sehen, machen sie freilich deutlich. „Die Natur hat lange Bremswege“, sagt Fischer. Im Streit über Klimawandel sei nun klar, „dass wir nicht über Theorie sprechen, sondern das ist Realität“.

Einen Umweltvertreter hat das Erscheinen der FDP-Generalsekretärin im Katastrophen-Tross denn doch sehr verärgert. Ein „Unding“ sei es, dass sich „Frau Pieper jetzt in Szene setzt“, schimpft Ernst Paul Dörfler, der Sprecher des BUND-Elbeprojektes. Im Landtagswahlkampf im Frühling habe sich die Liberale schließlich vehement für den Ausbau von Elbe und Saale eingesetzt, und auch noch die Bürgerinitiativen beschimpft, die für den Rückbau oder für den Erhalt des natürlichen Flussbettes kämpften. Cornelia Pieper indes, die nicht wissen konnte, dass der BUND-Aktivist gerade so schlecht über sie geredet hat, tritt nach dem Ausflug auf die Fußgängerbrücke auf den Flussfreund zu und sagt, man müsste sich doch mal treffen. Dörfler ist zunächst ganz verstört. Aber dann entschließt er sich, seine Argumente vorzutragen.

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