Zeitung Heute : Die Brennnessel mit drei „n“ wird immer beliebter

Der Tagesspiegel

Von Uwe Schlicht

Die Bayern stehen in dem Ruf, konservativ zu sein. Aber nachdem der damalige Schul- und Wissenschaftsminister Hans Zehetmair eine übertriebene Eindeutschung von Fremdwörtern noch vor Beginn der Reform im Jahr 1995 abgewehrt hatte, stand er danach zur neuen Rechtschreibung. Er ließ die Briefe von Reformgegnern auf Fehler durchsehen: Siehe da, viele Kritiker beherrschten die alte Rechtschreibung nicht, die sie so vehement verteidigten.

Die heutige Schulministerin Monika Hohlmeier hat mit der Rechtscheibreform nur positive Erfahrungen gemacht. Von den Schulen bekommt sie keine negative Rückmeldung mehr. Die Lehrer seien zufrieden, die Schüler ohnehin, besonders die jungen, die von Anfang an die neuen Schreibweisen gelernt haben. Von ihren eigenen Kindern berichtet sie, dass diese ohne Probleme Karl-May-Bücher in der alten Rechtschreibung lesen, aber in der neuen Rechtschreibung so sicher sind, dass sie die Unterschiede erkennen und in den Diktaten sehr gute Noten nach Hause bringen.

Chaos vermeiden

Soll man jetzt wieder die Schüler verunsichern, nur weil nach einigen Zeitungsberichten angeblich die Experten der zwischenstaatlichen Kommission für die deutsche Rechtschreibung so viele Mängel festgestellt hätten, dass eine Reform der Reform geboten sei? Ministerin Hohlmeier sagt entschieden Nein. Das Chaos, das dann bei den Schülern angerichtet würde, wäre gar nicht abzuschätzen. Schließlich sind die Schulanfänger, die teilweise schon seit 1996 und spätestens seit 1998 in der neuen Rechtschreibung unterrichtet wurden, inzwischen in die Mittelstufe aufgerückt.

Frau Hohlmeiers Erfahrungen decken sich mit den umfangreichen Erhebungen, die die zwischenstaatliche Kommission für die deutsche Rechtschreibung bei Schulen, Verlegern, Zeitungen, in Auslandsschulen, Behörden und bei der Wirtschaft gemacht hat. Die zwischenstaatliche Kommission für die deutsche Rechtschreibung ist mit zwölf Sprachexperten besetzt, je drei aus Österreich und der Schweiz und sechs aus Deutschland – ihr Vorsitzender ist Professor Gerhard Augst aus Deutschland. Die Kommission hat ihren Bericht von den Amtschefs der Kultusministerkonferenz abgesegnen lassen und an die Bildungsministerien in Österreich, der Schweiz und Liechtenstein weitergeleitet. Nach deren Zustimmung wird der vertrauliche Bericht verö ffentlicht.

Die zwischenstaatliche Kommission hat den Auftrag, regelmäßig über die Erfahrungen mit der Rechtschreibreform zu berichten. Sie legt jetzt den dritten Bericht vor. Im Jahr 2003 soll ein weiterer folgen, damit die Verantwortlichen rechtzeitig vor dem Ende der Übergangsperiode im Juli 2005 wissen, wie die Lage ist. Die Kommission hält es für notwendig, inhaltlich strittige Fragen weiterhin genau zu diskutieren. Sie gibt zu bedenken, dass es in vielen Details keinen Königsweg gibt, sondern nur ein Abwägen des Für und Wider. Die Kommission will allen Versuchen widerstehen, die neuen Regelungen durch zusätzliche Regeln oder Ausnahmen „wieder schwieriger werden zu lassen“. Statt dessen ist größere Einfachheit das Ziel.

Diesem Votum hat sich der bundesdeutsche Beirat angeschlossen: Es sollten lediglich die vorhandenen Regeln präzisiert werden, und zwar ausschließlich auf der Basis des amtlichen Werks. „Eine Reform der Reform ist weder sachlich begründet noch aus der Sicht der Schreibenden sinnvoll.“

Am schwierigsten ist das Schreibverhalten von Privatpersonen zu beurteilen. Hier stützen sich die Experten vor allem auf Erfahrungen, die in Schulungskursen mit der neuen Rechtschreibung gewonnen wurden. Die Umstellung war von Verunsicherungen begleitet: So glauben viele, dass das „ß“ ganz abgeschafft worden war oder alle Fremdwö rter nur noch in deutscher Fassung geschrieben werden sollten.

Gerade bei den Trainingskursen in der neuen Rechtschreibung zeigt es sich, dass viele die alte Rechtschreibung größtenteils unbewusst beherrschten, „so dass sie die teilweise vorhandene Unlogik oder Überspitztheit der alten Regeln gar nicht kannten.“ Die meisten Profis beherrschen die alte Rechtschreibung gut, können die einzelnen Schreibweisen aber „nicht begründen“. Das Sprachgefühl steuert da vieles – besonders die Kommasetzung, die Groß- und Kleinschreibung, die Getrennt- und Zusammenschreibung. Das sind ohnehin die schwierigsten Bereiche. Weil das neue Erscheinungsbild nicht dem Gewohnten entspricht, wenn Brennnessel mit dreimal „n“ geschrieben wird, meinen etliche, wie sieht denn das aus? Die gewohnte Rechtschreibung war für sie das Gute, Wahre und Schöne, die neue das Schlechte.

Dabei benutzen die neuen Rechtschreibregeln weitgehend die Terminologie, die dem Schulwissen in einer 10. Klasse entspricht. Aber die meisten Kursteilnehmer, darunter viele Akademiker „verfügen nicht über dieses Wissen“. Das hat die zwischenstaatliche Kommission ermittelt.

Übung hilft

Mit der vertieften Übung nahm jedoch die Zustimmung zu: So wird bei der Großschreibung die Verbindung mit Präpositionen begrüßt: Beispiel „in Bezug“. Oder die substantivistische Schreibweise von Tageszeiten nach den Adverbien: heute Abend. Auch die Großschreibung von Adjektiven in festen Wortverbindungen hat sich durchgesetzt: im Großen und Ganzen, auf dem Trockenen sitzen. Die Substantivierung von Adjektiven wie „der Erste“ wird ebenso begrüßt wie die Schreibweise bei Superlativen: aufs Schönste. Zustimmung fand auch die Neuerung, Personennamen, die mit „sch“ oder „isch“ enden, klein zu schreiben: humboldtsche Reformen. Die neue Trennung nach Silben wird ebenfalls akzeptiert: ges-tern statt ge-stern.

Zustimmung finden auch Regelungen für die Getrenntschreibung von Substantiv und Verb: Rad fahren. Oder bei der Verbindung von Verb und Verb in Infinitivform getrennt zu schreiben: spazieren gehen.

Am Ende dieser Kurse hätten die Teilnehmer den Umfang der Neuregelung als klein und überschaubar eingestuft. Die neuen Regeln leuchteten in den meisten Fällen ein. Manche erschienen ihnen noch zu kompliziert. Bei der Groß- und Kleinschreibung ging es manchem nicht weit genug. Die alte Forderung nach gemäßigter Kleinschreibung kommt erneut hoch, aber diese radikale Änderung war schon in den Vorphasen der Reform von deutscher Seite abgelehnt worden.

Keine gemäßigte Kleinschreibung

Auch von den Auslandsschulen wird die gemäßigte Kleinschreibung nach englischem Vorbild befürwortet. An den Auslandsschulen hat die neue Rechtschreibung zunächst zwar zu Verunsicherung geführt, dann aber setzte sich die Erkenntnis durch, dass sie dem Lernen „keine besonderen Schwierigkeiten bereitet, ja dass sie in manchen Bereichen das Schreiben und Lesenlernen erleichtert“. Anders sehen das die Literaturwissenschaftler – sie stehen der neuen Rechtschreibung weitgehend kritisch gegenüber. Aber es habe sich herausgestellt, sagen die Experten der zwischenstaatlichen Kommission, dass das Wissen der Literaturwissenschaftler über „Einzelheiten der Neuregelung der deutschen Rechtschreibung meist sehr gering ist“. Die Behauptung der Rechtschreibgegner, die neue Schreibweise schade der deutschen Sprache im Ausland, „lässt sich nicht belegen“.

Wie soll es weitergehen? Die Kultusminister werden sich aus der Rechtschreibung weitgehend heraushalten und die Klärung umstrittener Schreibweisen den Experten überlassen. Eine Intervention in Einzelfragen ist nicht mehr zu erwarten.

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