Zeitung Heute : Die Bürde des Ortes

„Achtung!“, „Legt an!“: Nach aberwitzigem Streit dreht Tom Cruise nun doch im Berliner Bendlerblock. Und verletzt ein Prinzip

Jan Schulz-Ojala

Nein, nicht Tom Cruise. Stattdessen die Komparsen. Zum Beispiel die zehn, die Erschießungspeloton proben, unterm Stahlhelm und in feldgrauen Wehrmachtsuniformen, nur die Gewehre, die fehlen noch. In einer Reihe stehen sie vor dem Sandhaufen, noch kein Tom Cruise in Sicht, der da später als Stauffenberg sterben soll, und reißen, zwischen „Achtung!“ und „Legt an!“, den linken Arm nach vorn. Und noch einmal das Ganze: Ein Ruck geht durch die Reihe, und wieder fliegen, in schon fast perfekter Choreografie, die Arme nach vorn. Seltsam waffenlose Exekution: nahezu anstrengungsfreie Gymnastik, und nachher – „Feuer!“ – nicht viel mehr als ein Fingerschnipsen.

Es ist früher Freitagabend, 63 Jahre, zwei Monate und ein Tag danach. Und doch, in dieser freundlich frühherbstlichen Nacht werden Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Mitverschworenen des 20. Juli 1944, General Friedrich Olbricht, Oberst Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim und Oberleutnant Werner von Haeften noch einmal erschossen. Fürs Kino. Die Dreharbeiten an Bryan Singers 80-Millionen-Dollar-Produktion „Valkyrie“, die mittlerweile den Arbeitstitel „Rubicon“ trägt und vielleicht bald ganz anders heißen wird, gehen in ihre zehnte Woche; erst jetzt aber sind sie, nach der schwierigen Eroberung des historischen Orts, in ihr Herz vorgedrungen – das einstige Oberkommando des Heeres im Berliner Bendlerblock. Genauer: in den von fünf hohen, kriegsverschonten Stockwerken umbauten Hof, in dem in jener Nacht, Feuer und Feuer und Feuer und Feuer, der späte, verzweifelte Staatsstreich der konservativen, überwiegend adligen Militärs beendet wurde.

Der Drehort: eine Festung. Die Stauffenbergstraße: schon früh abgesperrt vor jener Nacht zum Sonnabend, in der die Filmhelden sterben. Der Blick durch die vergitterte, tiefe Toreinfahrt in den Hof: durch Bauzäune mit weißer Plastikfolie versperrt. Closed Set. Seit Tagen hat der filmindustrielle Komplex eine Nachrichtensperre verhängt, auch die deutsche Presseabteilung versteht sich überwiegend als Informationsabschirmdienst. Der Ehrenhof der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, dessen „Würde des Ortes“ seit bald zwei Monaten im politischen Raum beschworen wird: Für ein langes Wochenende hat er sich in den Filmset einer amerikanischen Großproduktion verwandelt. Eine Kulisse. Nur ist sie nicht aus Pappe und Sperrholz. Die Steinwände atmen die reale Geschichte.

Übers Jahr ist der Hof ein gepflasterter Platz mit acht Linden. Ein paar Meter hinter der Toreinfahrt trifft man auf „Schwellen zum Widerstand“, dahinter eine Jünglingsstatue und eine Bodentafel mit der Inschrift „Ihr trugt die Schande nicht. Ihr wehrtet euch. Ihr gabt das große, ewig wache Zeichen der Umkehr, opfernd euer heißes Leben für Freiheit und Ehre“ – der Text stammt von dem Kunsthistoriker Edwin Redslob, einem der drei Mitgründer dieser Zeitung. An der Hauswand links der Kranz aus wetterbeständigem Buchsbaum, darüber die Inschrift mit fünf Namen: Hier ist auch Generaloberst Ludwig Beck genannt, er wurde schon vorher in den Büros im zweiten Stockwerk erschossen.

Die Würde dieses Ortes ist sein innewohnender, von der Fantasie der Besucher gefüllter Schrecken. Historienfilmsets aber wollen nicht würdig, sondern müssen möglichst echt sein, mit allen Tricks und mit allen Schikanen. Also ist der Hof durch eine riesige weiße Leinwand zweigeteilt – ein screen, der die erst im Frieden gewachsenen Linden verdeckt und auf den später digital der historische Hintergrund einkopiert wird. Die Redslob-Tafel und ein großer Teil des Geländes: durch den Rollrasen jenes Ovalrondells verdeckt, das den Hof schmückte – und in jenen Tagen durch den Sandhaufen für einen neuen Luftschutzbunkergraben verunstaltet war. Und am Freitagabend, bevor aus dem gegenüberliegenden Maritim-Hotel schlaksige Zivilkomparsen Karabiner nachliefern, fährt ein Modell jenes Militärlasters vor, in dessen Licht die Exekutionen vollstreckt und auf dessen Ladefläche die Leichen aufgeladen wurden.

Diese Szenen, den Wiederholungsthrill der Geschichte am historischen Ort, haben die deutschen Behörden lange und kategorisch nicht gewollt. Nach widersprüchlichen Einwänden und Aktionen, die selbst zurückhaltende amerikanische Beobachter bald als „politisch schizophren“ bezeichneten, sind sie allerdings umgefallen wie die Zinnsoldaten. Schon Ende Juni wurde die Linie des Verteidigungsministers nach einer Woche heftiger Glaubenskämpfe geräumt: Die Mitgliedschaft Tom Cruises bei der Religion (amerikanische Lesart) alias Sekte (deutsche Lesart) Scientology, deren Anhängerzahl in 50 Jahren weltweit kaum über die Sechsstelligkeit hinausgewachsen ist, erwies sich als nicht stichhaltig genug, seiner Produktionsfirma einen Film über den deutschen Widerstandshelden Stauffenberg zu verwehren.

Bereits eine Woche später wurde, vom Finanzminister als Hausherr, die Würde des Ortes als Hindernis ins Feld geführt – ein Einwand, dem sich auch Kulturstaatsminister Neumann anschloss, nicht ohne der Produktion flugs 4,8 Millionen Euro aus dem neuen Deutschen Filmförderfonds zur Verfügung zu stellen. Dies immerhin vernünftig: Aus dem Staatsfonds, der zunächst drei Jahre lang je 60 Millionen Euro als Subventionsspritze für vor allem größere Kinoprojekte in Deutschland vorsieht, fließt ein bis zu Sechsfaches in die deutsche Wirtschaft zurück.

Der Gegner United Artists, geleitet von Stauffenberg-Darsteller Tom Cruise und Paula Wagner, pokerte hoch – und gewann. So wurde in den knapp zwei Monaten Ungewissheit, bis die deutsche Ablehnungsfront vergangene Woche fiel, keinerlei Kulisse des Bendlerblocks im koproduzierenden Studio Babelsberg gebaut. Stattdessen schrieb Drehbuchautor Christopher McQuarrie, der nach seinem Oscar-Triumph als 27-Jähriger mit Bryan Singers „Die üblichen Verdächtigen“ (1995) nicht gerade heftig von sich reden machte, einen sehr geschickten Brief an die beteiligten Minister, um ausdrücklich für den Bendlerblock als Drehort zu werben.

Darin preist er vor allem eine geplante Eröffnungsszene mit Aufnahmen des heutigen Ehrenhofs mit Statue und Tafel, die das demokratische Deutschland würdigen soll. Und denkt gleich PR-technisch für die Deutschen mit: Der Film dürfte doch Millionen Menschen gerade neugierig auf den Originalschauplatz und die Gedenkstätte machen. Solcher Suggestion mochten sich denn auch die Adressaten nicht mehr entziehen – auch wenn derlei Dokumentaraufnahmen bei Großfilmproduktionen in der Regel locker und unaufwendig von der second unit, einem Nebenteam, erledigt werden.

Nur: Wird die Würde eines historischen Gedenkortes nicht gerade dadurch verletzt, dass man im zwangsläufigen Riesenbrimborium eines Filmsets, und sei es mit den besten Absichten, den realen Tod von Menschen mit mehr oder minder beschränkten schauspielerischen Mitteln nachstellt? Danach mochte in der Eile kaum mehr jemand fragen – zumal die Donnerworte des Oscar-Preisträgers Florian Henckel von Donnersmarck und des „FAZ“-Herausgebers Frank Schirrmacher keineswegs verhallt waren. Eindringlich waren sie dem Hollywood-Werk über den „Übermenschen Stauffenberg“ beigesprungen, das mehr für das deutsche Ansehen tue als „zehn Fußball-Weltmeisterschaften zusammen“ und zudem das deutsche Renommee gar „auf Jahrzehnte“ präge.

Das Getöse zum Gedenken: Wenig passt es zu jener Atmosphäre, die den Alltag solcher Orte bestimmt. Einen Alltag der Einkehr übrigens, den sie anderswo energisch zu bewahren wissen. So durfte Volker Schlöndorff vor knapp vier Jahren für sein Drama „Der neunte Tag“ um den internierten Priester Henri Kremer nicht im KZ Dachau drehen – und ließ den Set in Polen nachbauen. Auch Robert Thalheim bekam für „Am Ende kommen Touristen“, der zurzeit im Kino läuft, keine Drehgenehmigung in der Gedenkstätte Auschwitz, obwohl sein Film nicht historisch nachstellt, sondern die Arbeit eines Zivildienstleistenden in der heutigen Gedenkstätte nachzeichnet. Und selbst Steven Spielberg war 1993 für „Schindlers Liste“ auf den Kulissenbau angewiesen. Das Veto der Gedenkstättenbetreiber war unisono: Der zwingende – und zwingend den Ort verändernde – Aufwand für jeden Dreh steht im Widerspruch zur Kernaufgabe des Orts, die Erinnerung an seine historische Funktion zu bewahren.

Berlin allerdings hat sich einen Sündenfall geleistet: Jo Baiers Fernsehspielfilm „Stauffenberg“ von 2004. Aus ihm können die Amerikaner um Tom Cruise nicht nur lernen, wie man es besser nicht macht – im ersten Drittel langatmig, durchweg wenig analytisch und bei der Personenführung relativ wahllos fokussiert; er diente ihnen vor allem als willkommener Hebel, die Drehgenehmigung nun auch für „Valkyrie“ zu fordern. Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, sieht jenes Film-Abenteuer heute mit gemischten Gefühlen. Der Film habe damals zwar „vielen Menschen Stauffenberg nahegebracht“, aber, so fragt er mit Blick auf die Erschießungen vor dem Sandhaufen: „War es wirklich notwendig, diese Szene an diesem Ort zu drehen?“

Dieser Tage ist Tuchel, zusammen mit seinem streitbaren wissenschaftlichen Leiter Peter Steinbach, eine Art embedded scientist – die Gedenkstätte, zu gleichen Teilen vom Land Berlin und aus dem Haus des Kulturstaatsministers finanziert, muss die Dreharbeiten trotz grundsätzlicher Einwände hinnehmen. Da mag es ein ambivalenter Trost sein, dass der Alltag des Ehrenhofes ohnehin nicht allein dem Gedenken gewidmet ist. So streben täglich zahlreiche der rund 350 Beschäftigten des zum Landwehrkanal gelegenen Berliner Dienstsitzes des Verteidigungsministeriums durch den Ehrenhof zur Kantine im rückwärtig gelegenen Gebäudeteil. Und zur hofseitigen Nordostecke des Areals gehen gar die Fenster und Balkons von fünf Mietwohnungen – ihr Pflanzenschmuck allerdings ist nun für die Dreharbeiten verschwunden.

Auch sonst sind die Mietparteien, womöglich eine Folge „vertraglicher Vereinbarungen“ mit der Produktionsfirma, dieses Wochenende außer Haus. Aber seit dem Jo-Baier-Film, sagt eine Mieterin und Mutter zweier Kinder, sei man ohnehin entsprechend traumatisiert. „Die ganze Nacht lang“ sei damals auf dem Ehrenhof herumgeschossen worden.

Die Schreckenswürde des Ortes: In diesen Tagen und Nächten hat sie sich ins Innere des Hauses zurückgezogen. Zum Beispiel in den Raum 14 der Dauerausstellung, gegenüber dem Arbeitszimmer Stauffenbergs: In einem Winkel dieses prachtvollen Besprechungsraums zwischen historischem Parkett und Stuck, zwischen hohen gläsernen Flügeltüren und hohen Sprossenfenstern, hat Generaloberst Ludwig Beck darum gebeten, sich wenigstens selbst erschießen zu dürfen. Er war mit seinen 63 Jahren der weitaus Älteste der Gruppe, er schoss zweimal, er verletzte sich, und es gelang ihm doch nicht, sich zu töten. Später erledigte das jemand auf anderweitigen Befehl, und Becks blutverschmierte Leiche wurde jenes Treppenhaus hinuntergezerrt, das heute jeder der 90 000 jährlichen Gedenkstättenbesucher nimmt. Aber es ist dieser Winkel vor der abgerundeten, holzverschalten Wand mit der unendlich abgeschabten Scheuerleiste: Hier steht der Besucher und muss es gar nicht ganz genau wissen. Er stellt sich vor, wie es gewesen ist.

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