Zeitung Heute : Die Bürgerwehr

Detektive am Lützowplatz: Niemand genießt bei den Deutschen mehr Vertrauen als die Stiftung Warentest. Jetzt wird sie 40

Nadja Klinger

Einst hat Peter Birkholz alle Urlaubstage am Stück genommen. Sechs Wochen blieb sein Büro zu. Die Sonne kam durchs Fenster und wanderte über das Papier, das herumlag. Sie war der einzige Eindringling, den Birkholz dulden konnte. Seine Arbeit war ziemlich geheim. Obwohl er nicht Detektiv, sondern Maschinenbauingenieur war. Obwohl es Ende der 70er Jahre war und nicht so viel auf dem Spiel stand wie heute.

Sechs Wochen reichten, um von Europa nach Amerika zu segeln. Birkholz hatte Passatwind im Rücken und Freunde an Bord, denen er vertraute. Absolut nicht vertrauenswürdig war der Atlantik. Seine Wellen waren gefräßige Riesenmäuler. Der Atlantik war das Größte, womit es Birkholz je aufgenommen hat. Er ist ein Seebär. Ohne Freunde an Bord hätte er mental nicht durchgehalten. Die Empfindsamkeit eines Seebären ist speziell. Er sichert sich gern ab. Er weiß: Schnappt eine Welle zu, geht es nicht nur ihm, sondern allen an den Kragen.

Zehn Jahre vor der Reise hatte Peter Birkholz eine Stellenanzeige der Stiftung Warentest gelesen. Anstatt sich zu bewerben, ist er hingegangen. Das Vorstandsbüro stand offen. Er brauche einen Termin, um einzutreten, sagte die Sekretärin. Er war aber schon drin. Sah sich um wie einer, der anheuerte. War bereit, die Herausforderung anzunehmen, unerschrocken, wie den Atlantik. „Wir passen zusammen“, sagte der Vorstandschef. Der Seebär wurde Projektleiter für Warentests.

Am 4. Dezember 1964 beschloss der Deutsche Bundestag die Gründung der Stiftung Warentest. Sie war umstritten. Die Wirtschaft hätte das Herstellen von Qualitätsware gern lediglich als Ehrensache angesehen. Aber das Parlament sagte, die Verbraucher fühlten sich immer weniger in der Lage, das Warenangebot zu beurteilen. Und es bestimmte, dass die Tests objektiv, neutral sein und von Sachkundigen erledigt werden sollten.

Als Starthilfe bekam die Stiftung Warentest 400000 Mark vom Bund. Fortan sollte sie vom Verkauf ihrer Publikationen leben. In der Satzung wurde ein Anzeigenverbot verankert. Das hat dazu geführt, dass die Stiftung mit ihren Zeitschriften „Test“ und „Finanztest“, mit Sonderheften, Büchern und dem Online-Portal bis heute nicht überleben kann. 2003 hat der Bund 6,5 Millionen Euro zugeschossen.

Gleichwohl hat die Unabhängigkeit von Handel und Industrie die Stiftung werden lassen, was sie heute ist: geachtet und gefürchtet. In 4000 Tests hat sie etwa 72000 Waren und 1200 Dienstleistungen geprüft. Sie macht Produkte zum Verkaufsschlager – und drängt sie vom Markt. Sie macht vor nichts Halt. Popkonzerte, Comics und Schreckschusswaffen werden ebenso geprüft wie Grabpflege, Schlankheitsfarmen, Partnervermittlungen oder Kinderpatenschaften in der Dritten Welt.

Oft haben Beurteilungen zu Klagen geführt, und die Stiftung war vor Gericht. Meist hat sie Recht erhalten, zuweilen kam es zum Vergleich, nie musste sie Schadenersatz zahlen. In Umfragen der Meinungsforscher ist sie weit vorn, wenn nicht auf dem ersten Platz derer, zu denen Deutsche Vertrauen haben.

Seit Peter Birkholz anheuerte, ist die Stiftung Warentest beträchtlich gewachsen. Einst gab es 80, heute arbeiten 276 Kollegen im Haus am Berliner Lützowplatz. Zu wenige, um Betreiber für eine Kantine zu finden, zu viele, um beim Betriebsausflug jeden mit Namen zu grüßen. Keiner braucht um seinen Arbeitsplatz zu fürchten. Die Stiftung ist ein sicheres Schiff. Wenn sie schön wachsam ist. So wie es Peter Birkholz war. Er hat den sicheren Seeweg nach Amerika gewählt. Den kürzesten zeigt er lediglich auf der Weltkarte im Büro. Der Finger rutscht westwärts, bleibt plötzlich mitten im Ozean stehen. „Hier ist die Titanic gesunken“, sagt er.

Ihr höchstes Gut, die Glaubwürdigkeit, kann die Stiftung Warentest in null Komma nichts verlieren. Ein Fehler genügt. Er müsste kaum größer sein als kürzlich, da sich die Tester bei 62 Tarifen der Riesterrenten verrechnet haben. Die Bewertungen wurden zurückgezogen. Die paar hunderttausend Euro, die das kostete, wurden verschmerzt. Das geflickte Leck im Schiffsbauch jedoch bleibt sichtbar.

Eigentlich sind es Fehler anderer, die Stiftung Warentest berühmt gemacht haben. 1989 prüfte sie 39 Mittelmeerfähren auf Sicherheit. Knapp die Hälfte war „mangelhaft“ und „sehr mangelhaft“. 1995 fand man Fäkalkeime in Frisch- und Tiefkühlfisch. Seitdem lagern sie in Supermärkten anders. Vor vier Jahren wurde mehr gentechnisch veränderter Mais und Soja in Lebensmitteln entdeckt als gesetzlich zugelassen. Viele Testprodukte verschwanden aus den Regalen. 2003 korrigierte die Deutsche Bahn ihr unübersichtliches Preissystem. Das war spektakulär, weil mitnichten auf Protest aus der Bevölkerung, jedoch auf die Kritik der Stiftung reagiert worden war.

Oft schaltet diese noch während der Tets die Gewerbeaufsicht ein. Auch hilft sie, Fehler an Produkten zu korrigieren. Was getestet wurde, überprüft sie später oft noch mal, um zu sehen, ob Unternehmen reagieren. Wie Ordnungshüter schippern die vom Staat gesponserten Warentester durch die bundesdeutsche Wirklichkeit. Obwohl auf ihrem Schiff Bedingungen herrschen, von denen viele Menschen nur träumen, betrachten die meisten sie eher wie eine Bürgerwehr. Nach dem Mauerfall haben Ossis ihr die Türen eingerannt.

Wilma Meister hat das Besondere schon als Kind gespürt. „In Testsendungen im Fernsehen herrschte ein anderer Ton als sonst im Programm“, sagt sie. Man sprach da irgendwie in ihrem Namen. Sie hat Anglistik studiert, arbeitet seit 15 Jahren im Leserservice am Lützowplatz, nicht in ihrem Beruf: „Ich wollte die Sache unterstützen.“ Seit 1997 ist die Stiftung online, Anfragen per Mail kommen ununterbrochen. Wilma Meister unterstützt die Sache, indem sie den ganzen Tag unter Deck am Bildschirm hängt. „Wir sind das Flaggschiff der Verbraucherszene“, sagt sie.

Sollten sie mal nicht mehr Flaggschiff sein, können sie gleich im Hafen anlegen. Es gibt viele selbst ernannte Tester im Land. Es pfeift ein harter Wind. Produkte werden schnell unmodern, Verschleiß ist akzeptiert. Einst hat Stiftung Warentest ein halbes, Dreivierteljahr lang getestet, heute muss sie in zwei, drei Monaten fertig werden. In Schnelltests prüft sie Aktionsware der Discounter.

1985 wurde Umweltverträglichkeit der Waren ins Prüfprogramm aufgenommen. Jetzt soll es auch um ethisch-soziale und ökologische Bedingungen gehen, unter denen sie hergestellt werden. Wo kommen die Rohstoffe her? Gibt es Sozialleistungen, Kindergärten, Unfallschutz, Arbeitsrechte, Mitbestimmung?, wurde 2004 erstmalig in drei Testprogrammen gefragt. Es ist ein Experiment und am Lützowplatz umstritten. Interessiert Ethik die Verbraucher? Stets wollte die Stiftung erzieherisch wirken. Aber auch sie benötigt, was das Fernsehen Quote nennt. Mut ist gut, solange die Quote stimmt.

Nun kommt auch noch Uschi Glas und klagt. Die Warentester haben Gesichtscreme, die sie vermarktet, für „mangelhaft“ erklärt, weil Probandinnen Pusteln und Pickel bekamen und vor Jucken den Versuch vorzeitig abbrachen. Der prominenten Klägerin geht es um viele Euro Schadenersatz, der Stiftung wieder mal um alles: um ihren guten Ruf.

Selbst in den gut gelaunten Projektbesprechungen sitzt der Fall Uschi Glas mit am Konferenztisch. Gründlich wie stets werden Testvorhaben besprochen, zahlreiche Unterschriften besiegeln die gemeinsame Sache. Eine Projektleiterin aber erklärt lieber dreimal, wie sie einen Test durchziehen will. Mehrfach bestätigt die Runde, dass ihre Idee gut ist. „Sicher ist sicher“, sagt die Frau. „Gerade unter den gegebenen Umständen.“

„Immer können Fehler passieren“, sagt Peter Birkholz. Früher gab es kaum bewährte Prüfmethoden, da musste er sich Tests ausdenken. Die Veröffentlichung der Ergebnisse hat er allein verantwortet. Er hat ein mehrjähriges Klageverfahren ausgestanden, weil seine Sicherheitsforderung für Komposthäcksler über der DIN-Norm für Hersteller lag. Der Bundesgerichtshof hat ihm Recht gegeben. Heute gibt es die Verifikationsabteilung, die prüft die Testergebnisse noch mal, ehe sie das Haus verlassen. Gibt es trotzdem ein Problem, fühlen sich alle Kollegen mit verantwortlich. Was bleibt ihnen anderes übrig. Sie hätten vorher Einspruch erheben können.

Selbst Solidarität ist bei der Stiftung Warentest durchorganisiert. Birkholz tanzt aus der Reihe, wenn er nach 34 Jahren Stiftung aus dem Gesichtscreme-Fall für sich Schlüsse zieht. „Wie kann ich Testergebnisse noch unangreifbarer machen?“, fragt er. „Sollte ich mehr Probanden, mehr Analysen einbeziehen?“ Die Tests kosten so schon Unmengen von Geld.

Birgit Rehlender wüsste nichts, was bei der Creme falsch gelaufen ist. Sie ist Projektleiterin für Lebensmitteltests und halb so lange wie Birkholz bei der Stiftung. Sie hat eine Kämpferbiografie. Im Apfelsaft hat sie Schimmelpilze, im Orangensaft Zucker, biosynthetisches Aroma in der Schorle, Antibiotika in Hähnchenfleisch und Schwermetalle im Fisch gefunden. Als gelernte Lebensmittelchemikerin könnte sie keinen schöneren Job haben. Sie sucht nach immer neuen Wegen, um ein Produkt zu prüfen, und man lässt sie diese Wege gehen. Es ist ein Abenteuer. „Wie Detektivspielen“, sagt sie. Anstandslos identifiziert sie sich mit der Stiftung: „Ich würde mich jederzeit und in jedem Fall vor sie stellen.“

Immer wieder versuchen Journalisten der Stiftung nachzuweisen, dass sie nicht unabhängig ist. Der Pförtner hinterm Empfangstresen am Lützowplatz steckt diesen Journalisten ein Kärtchen an. Man sieht, dass sie fremd sind, wenn sie durch die Flure laufen. Die Türen stehen ihnen offen. Auch ist die emsige Pressesprecherin bei Interviews nicht dabei. Es sei denn, sie merkt im Vorfeld, dass Frager besonders hartnäckig sind. Dann setzt sie sich dazu, wenn einer der Kollegen antwortet. Sie fühlen sich zwar alle sicher auf dem Schiff, aber sie sind auch von dieser Welt.

Seit einigen Jahren, seit ein Bundesministerium den Namen trägt, ist der Verbraucherschutz in Deutschland politisch aufgewertet. Der Stiftung Warentest müsste das gut tun. Kürzlich hat sie zum parlamentarischen Abend geladen und ihre ethisch-sozialen Prüfkriterien vorgestellt. Abgeordnete von CDU und CSU seien dagegen gewesen, erzählen die Tester, Renate Künast absolut dafür. „Selbst wenn sie’s nicht wäre, würden wir’s durchziehen“, sagt die Pressesprecherin.

Seit sie bei der Stiftung ist, pralle Werbung total an ihr ab, sagt Wilma Meister vom Leserservice. Peter Birkholz sagt: „Es ist vielleicht keine humanitäre Angelegenheit, aber wir bewahren Menschen davor, ihr Geld falsch auszugeben.“ Gerade hat er Blumenerde getestet. Birgit Rehlender hat im Frühjahr Alcopops überprüft. Das Ergebnis war kaum raus, da stellte sie fest, dass sich das Verbraucherschutzministerium auch schon mit dem Problem befasste, um Jugendliche zu schützen. Das war genau das, worauf Rehlender mit ihrem Test hinauswollte. Eigentlich. Ein Flaggschiff ist kein Flaggschiff, wenn jemand vorneweg schwimmt.

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