Zeitung Heute : „Die Bundeswehr braucht Quereinsteiger“

Wehrexperte Groß wünscht sich Fachkräfte aus der Wirtschaft und kritisiert die sinkende Zahl von Offizieren mit Studium

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Herr Oberstleutnant Groß, wie jedes Jahr hat der Wehrbeauftragte seinen Jahresbericht vorgelegt. Ein bloßes Ritual?

Es ist zu begrüßen, dass wir einen solchen Bericht haben, der die Anliegen unserer Soldaten öffentlich macht. Aber man fragt sich schon, ob hinter dieser Auflistung von Einzelfällen nicht auch strukturelle Defizite stehen, die zu wenig beachtet werden. Aus meiner Sicht wird das traditionelle Prinzip der Inneren Führung bei der Bundeswehr mittlerweile vernachlässigt.

Was hat das für Folgen?

Das durch General Graf von Baudissin eingeführte Prinzip sieht ja eine demokratische Führung der Soldaten vor, die Armee soll kein Staat im Staate sein. Der Wehrbeauftragte formuliert es so: Innere Führung bedeutet die Übernahme von gesellschaftlichen Werten in die Streitkräfte. Doch nicht jeder in der Bundeswehr hat das gleiche Verständnis von Innerer Führung. Manche sehen sie nur noch als Motivationskonzept oder eine Art Führungsphilosophie. Wenn sich das durchsetzt, entfernt sich die Bundeswehr immer weiter von der Gesellschaft.

Die Wehrpflicht gilt als Garant dafür, dass alle Schichten der Gesellschaft in den Streitkräften vertreten sind.

Wir haben zwar formal noch eine Wehrpflicht, aber de facto längst nicht mehr. Wer mit der Bundeswehr nichts anfangen kann, bleibt daheim. So bleibt das kritische Potenzial weg. Dabei brauchen wir gerade für die zunehmenden Auslandseinsätze den kritischen Soldaten. Das Leitbild für die Ausbildung darf nicht nur der auf militärische Effektivität ausgerichtete Kämpfer sein. Heute ist er in Einsätzen gefordert, in denen er soziale Kompetenz und politisches Urteilsvermögen braucht.

Ist die Bundeswehr für besser Ausgebildete nicht mehr attraktiv?

Ursprünglich sollte jeder Bundeswehroffizier eine universitäre Ausbildung haben. Davon sind wir heute weit entfernt. Ein besonders drastisches Beispiel war der vorige Abschlussjahrgang bei der Luftwaffe, bei dem nur noch ein Drittel der Absolventen einen Hochschulabschluss hatte. Das ist zwar nicht repräsentativ, zeigt jedoch den Trend richtig an. Karrieren bei der Bundeswehr sind heute mehr denn je von der Beurteilung durch den Vorgesetzten abhängig. Aber eine gute Beurteilung kann einen Universitätsabschluss nicht ersetzen. Eine Entintellektualisierung kann sich die Bundeswehr nicht leisten.

Wie kann man Hochqualifizierte für die Streitkräfte gewinnen?

Die Bundeswehr muss den Anreiz bieten, zivil geprägte, lebenserfahrene Männer und Frauen in die Bundeswehr einsteigen zu lassen. Quereinsteiger aus der Wirtschaft könnten die Bundeswehr bereichern. Sie sind kritischer und weniger formbar als ein 18-jähriger Rekrut und bringen noch berufliche Qualifikationen mit, die die Bundeswehr dringend braucht. Nur so kann die Bundeswehr repräsentativ bleiben.

Im Vergleich zu anderen Ländern wird oft kritisiert, die Ausrüstung der Bundeswehr sei zum Teil veraltet. Gilt das auch für die Ausbildung?

Das kann man so nicht sagen, die Innere Führung ist ja nicht durchweg gescheitert. Im Vergleich zu den Armeen anderer Staaten schneidet die Bundeswehr bei der Ausbildung nicht schlecht ab. Doch das sollte man nicht zum Maßstab nehmen. Vor allem sehe ich eine Gefahr, wenn man versucht, auf Grund der internationalen Einsätze alle möglichen Bereiche zu harmonisieren, dass unsere Standards gesenkt werden. Es ist immer das leichteste, sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen. Deutschland sollte vielmehr bei unseren Partnern in Europa für das Prinzip der Inneren Führung werben.

Oberstleutnant i.G. Jürgen Groß ist Mitglied der Kommission für Europäische Sicherheit und die Zukunft der Bundeswehr, die die Bundeswehrreform seit fünf Jahren analysiert.

Das Gespräch führte Alexander Visser

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