Zeitung Heute : Die Bundeswehr verlässt Kundus

Übergabe an afghanische Sicherheitskräfte / De Maizière: Deutsche Soldaten mussten hier kämpfen lernen.

Stabswechsel. Die Bundeswehr hat ihr Feldlager in Kundus am Sonntag den afghanischen Sicherheitskräften übergeben. Zur feierlichen Zeremonie mit Afghanistans Innen- und stellvertretendem Verteidigungsminister waren auch Außenminister Guido Westerwelle und Verteidigungsminister Thomas de Maizière an den Hindukusch gereist. Foto: Fabrizio Bensch/AFP
Stabswechsel. Die Bundeswehr hat ihr Feldlager in Kundus am Sonntag den afghanischen Sicherheitskräften übergeben. Zur feierlichen...Foto: AFP

Berlin - Zehn Jahre nach Beginn ihres Einsatzes im nordafghanischen Kundus hat die Bundeswehr das dortige Feldlager an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben. Bei der Zeremonie am Sonntagmorgen bezeichnete Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) Kundus als den Ort, an dem die Bundeswehr „lernen musste zu kämpfen“. Dies sei eine Zäsur gewesen, welche die „Akzeptanz und Wertschätzung der Gesellschaft für die Soldaten“ erhöht habe.

Das Feldlager, das deutsche Truppen im Oktober 2003 von den USA übernommen hatten, wird künftig von der afghanischen Nationalarmee und der Polizei genutzt. De Maizière, der von Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) begleitet wurde, zeigte sich überzeugt, „dass die afghanische Seite die Sicherheit in einem angemessenen Niveau sichern“ könne. Er fügte aber hinzu: „Eine Sicherheit, so wie wir sie bei uns gewohnt sind, wird es wohl in Afghanistan nie geben.“

Nach de Maizières Einschätzung wurde die Bundeswehr von Kundus geprägt wie von kaum einem anderen Ort. Seit Beginn des Einsatzes vor zehn Jahren seien in Kundus mehr als 20 000 deutsche Soldaten stationiert gewesen, sagte der Minister. „Hier wurde aufgebaut und gekämpft, geweint und getröstet, getötet und gefallen.“ Kundus werde für immer „Teil unseres gemeinsamen Gedächtnisses bleiben“. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums starben im Raum Kundus insgesamt 25 Bundeswehr-Soldaten.

Die Übergabe des Stützpunktes an die Afghanen ist ein Schritt auf dem Weg zum vollständigen Abzug aller Kampfeinheiten der internationalen Schutztruppe Isaf, der bis Ende 2014 abgeschlossen werden soll. Auch danach sind aber noch internationale Ausbildungs- und Unterstützungsmissionen vorgesehen, an denen sich Deutschland beteiligen will.

Westerwelle versicherte, Deutschland werde sein ziviles Engagement „für eine gute Zukunft Afghanistans“ fortsetzen. Grundsätzlich sieht Westerwelle aber die Führung in Kabul in der Pflicht. Schließlich könnten auch die besten Sicherheitskräfte „nicht das ersetzen, was in der Politik nicht geleistet wird: der Prozess der Aussöhnung und der Reintegration, des inneren Friedens in Afghanistan“. Im Interview mit dem ZDF-„heute-journal“ sagte Westerwelle: „Richtig ist, dass wir noch längst nicht da sind, wo wir vor einigen Jahren hinwollten.“

Thomas Ruttig von der unabhängigen Forschungsgruppe Afghanistan Analysts Network (AAN) hält den Rückzug der deutschen Truppen vom Hindukusch für verfrüht. Das Gewaltniveau am Hindukusch sei nach wie vor hoch. „Der Krieg im Land wurde seit 2001 nicht eingedämmt, sondern hat sich ausgeweitet“, sagte Ruttig dem Tagesspiegel. „Afghanistan ist von Stabilität und Frieden weit entfernt.“ mit AFP

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