Zeitung Heute : Die CDU - zurück ins Leben

ROBERT BIRNBAUM

Das Stück, das die CDU in Erfurt zwei Tage lang gegeben hat, wirkte auf den ersten Blick enttäuschend: Ein wenig konkretes Programm wird verabschiedet, der neue Parteichef Wolfgang Schäuble hält eine Rede, die nur pflichtgemäß beklatscht wird, keine Spur von Begeisterung oder lebendiger Diskussion, stattdessen eine inszenierte Talkshow mit Generalsekretärin Angela Merkel als Talkmasterin - ein echter Quotenkiller.Das Publikum im Saal aber, die Repräsentanten der Partei, fand den Parteitag gut.Und dafür gab es gute Gründe.

Bekanntlich hat die CDU am 27.September eine schwere Wahlniederlage einstecken müssen.Sie hat die personellen Konsequenzen gezogen und eine Übergangsmannschaft um Schäuble herum ins Amt gesetzt.Jetzt in Erfurt ist der Prozeß der Aufarbeitung der Wahlkatastrophe zu Ende gegangen.Und dieser Prozeß hat sich in genau jenen Grenzen gehalten, in denen ihn Schäuble immer halten wollte: keine Abrechnung mit dem Vergangenen, kein Scherbengericht über die Protagonisten der Niederlage, zu denen er ja selbst zählt.

So gesehen hat der Erfurter Parteitag seinen Zweck erfüllt.Die Delegierten fahren mit dem Gefühl nach Hause, daß die Partei die Lage im Griff hat.Die Aufarbeitung der Niederlage hat zwar inhaltlich kaum stattgefunden, ist aber trotzdem formal abgeschlossen.Wer jetzt aus der Partei heraus noch fordern wollte, die CDU müsse sich als Lehre aus dem Wahldebakel völlig neu positionieren, müßte sich entgegenhalten lassen: Hättest Du doch in Erfurt den Mund aufgemacht! Insofern ist der Untertitel der programmatischen Leitsätze von Erfurt - "Aufbruch 99" - sogar berechtigt: Von hier aus geht es nur noch nach vorne.

Aber wo ist vorne? Oder, um es mit der Lieblingsformel des Adenauer-Hauses zu sagen: Wo ist für die CDU "mitten im Leben"? Die Erfurter Leitsätze geben nur spärlich Auskunft.Das ist kein Zufall.Der Grund ist der gleiche, aus dem heraus in Erfurt echte Debatten und echter Streit unterblieben sind.Es liegt nicht etwa daran, daß kein Reformbedarf gesehen würde.Doch noch traut sich niemand, das allzu laut zu sagen.Denn über den Inhalt ist man schnell bei der weiteren Frage, wer diese Inhalte verkörpern und ihnen Glaubwürdigkeit verleihen soll.



Über Personen will aber im Moment niemand reden, weil das in der Konsequenz auf die Frage nach dem Kanzlerkandidaten für 2002 hinausläuft.Schäuble selbst ist das nicht; er verhält sich wie ein geschäftsführender Vorsitzender auf Zeit.Die Jungen Wilden sind in drei Jahren immer noch zu jung und obendrein untereinander alles andere als einig.Keiner von ihnen hat ein Interesse daran, jetzt schon vorzupreschen.Volker Rühe schließlich, dem der Parteitag viel Beifall auf Vorschuß gegeben hat, kann den Wählern in Schleswig-Holstein nicht gut sagen, er wolle gar nicht nach Kiel, sondern nach Berlin.Auch er taugt vorerst nicht als Leitfigur einer neuen CDU.

Nur einer kann derzeit ganz unbefangen seinen Anspruch darauf anmelden, die Union nach seinen Vorstellungen zu formen: Edmund Stoiber.Der CSU-Chef hat diese Chance in Erfurt weidlich genutzt.Er hat der CDU unter dem Jubel der Delegierten mit einer volksnahen Rede gezeigt, was "mitten im Leben" heißen könnte.Damit ist die Kanzlerkandidatenfrage längst nicht entschieden.Doch Stoiber hat der CDU ihr Dilemma vorgeführt: Solange sie ihre wichtigste Personalfrage im Ungefähren läßt, bleiben auch Ziel und Weg diffus.Ein bißchen Zeit hat die CDU sicherlich noch.Aber vielleicht weniger, als sie glaubt zu haben.

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