Zeitung Heute : Die Chinesen sind da

Präsident Hu Jintao besucht die USA – die Wirtschaftskraft seines Landes wird bewundert und gefürchtet

Bernd Hops

US-Präsident George W. Bush hat sich gestern mit Chinas Staatschef Hu Jintao getroffen. Die USA fürchten die Wirtschaftsmacht der Asiaten. Bedroht Chinas Wachstum tatsächlich die Weltwirtschaft?


Die USA fühlen sich von China bedroht. Sie fürchten die wachsende Wirtschaftskraft der Chinesen, und sie fürchten das Heer von mehr als 100 Millionen Fabrikarbeitern, das den US-Markt mit günstigen Produkten überschwemmt. Wenn China so weitermacht, wird das Land spätestens 2010 Exportweltmeister sein, prognostiziert die Welthandelsorganisation (WTO). Heute ist Deutschland noch auf Platz eins.

Er sei sich der Probleme bewusst, die Chinas Exportüberschuss für andere Länder darstelle, sagte Präsident Hu Jintao vor dem Treffen mit seinem Amtskollegen George W. Bush. Aber Hu benannte auch die Vorteile: Die westlichen Firmen können günstig in China fertigen lassen und die Verbraucher so billiger einkaufen. Die US-Regierung sieht das anders: Durch die Billigeinfuhren gingen Arbeitsplätze bei heimischen Herstellern verloren. So liefern die Chinesen sechsmal so viel in die USA, wie sie von dort beziehen. Weil also die Einfuhren deutlich größer sind als die Ausfuhren liegt das amerikanische Handelsbilanzdefizit bei mehr als 200 Milliarden Dollar (165 Milliarden Euro).

Viel Kritik muss China für seine Währungspolitik einstecken. Auf die ist Präsident Bush dann auch gleich zu Beginn des Treffens zu sprechen gekommen: Er werde China weiter drängen, seine Währung dem Markt anzupassen, sagte er. Der Yuan ist nicht frei handelbar. Der Kurs darf sich nur in einer bestimmten Bandbreite bewegen und wird durch Dollarkäufe der chinesischen Notenbank niedrig gehalten. Mittlerweile hat China so Devisenreserven im Wert von 850 Milliarden Dollar angehäuft, so viel wie kein anderes Land auf der Welt. Washington fordert daher von Peking eine Aufwertung des Yuan. Es gibt sogar Stimmen in den USA, die sagen, Chinas Währung gegenüber dem Dollar sei um 40 Prozent unterbewertet. Sie wollen Strafzölle einführen bis China handelt und den unfairen Preisvorteil für seine Waren beseitigt.

Doch mit Strafmaßnahmen würden die USA eines der wichtigsten Zugpferde der Weltkonjunktur treffen und die wesentliche Stütze für eine ganze Reihe von asiatischen Ländern. Seit Anfang der 80er Jahre – mit Beginn weitreichender Reformen – wächst die chinesische Wirtschaft jedes Jahr um knapp unter und teilweise sogar mehr als zehn Prozent. Insgesamt bedeutet das: Das Bruttoinlandsprodukt legte nach Berechnung der OECD, in der die wichtigsten Industrieländer zusammengefasst sind, seit 1980 um rund 870 Prozent zu. Die USA erreichten in der gleichen Zeit ein Plus von 118 Prozent, Deutschland von 56 Prozent.

Das, was heute kritisiert wird – nämlich eine weitgehende Kontrolle der Finanzströme –, hatte China auch davor bewahrt, in die asiatische Wirtschaftskrise Ende der 90er Jahre hineingezogen zu werden. So wurde China zum stabilisierenden Element in der Region. Japan zum Beispiel verdankt einen Großteil seiner wirtschaftlichen Erholung der chinesischen Nachfrage. Überhaupt hat sich ein Teil des asiatischen Exports in andere Regionen der Welt nur auf China verlagert. Verkaufte Taiwan seine Produkte bisher direkt, werden jetzt die Einzelteile Richtung Festland transportiert, dort noch günstiger zusammengebaut und dann exportiert. Während also die Exportüberschüsse Chinas Richtung USA wachsen, hat das Land mit anderen asiatischen Staaten ein Handelsbilanzdefizit. Außerdem ist China trotz des rasanten Wachstums noch immer ein Entwicklungsland. Kaufkraftbereinigt, also unter Beachtung des unterschiedlichen Preisniveaus, liegt das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Deutschland zum Beispiel bei rund 27 600 Dollar, in China aber lediglich bei 5000 Dollar.

Trotzdem stellt das chinesische Wachstum ein Problem für die Weltwirtschaft dar – zum einen wegen der Bevölkerungszahl von rund 1,3 Milliarden Chinesen. Zum anderen kann das enorme Handelsdefizit der USA nicht auf ewig in die Zukunft fortgeschrieben werden. Das gilt aber auch für den amerikanischen Warenaustausch mit anderen Ländern. China steht nur für ein Viertel des Gesamtdefizits. Hier ist die US-Regierung also genauso gefragt wie die chinesische.

Peking weiß wiederum, dass es den Yuan nicht sehr viel länger so stark drücken kann wie derzeit. Eine sofortige Freigabe des Kurses könnte allerdings den Wirtschaftsaufschwung massiv treffen. Die chinesische Regierung wird deshalb die Politik der kleinen Schritte weitergehen – trotz aller Kritik der Europäer und der USA.

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