Zeitung Heute : „Die chinesische Meinung über Frau Merkel hat sehr gelitten“

Kanzlerin Angela Merkel beginnt heute ihre dritte Chinareise. Am Freitag wird sie Vertreter der Zivilgesellschaft treffen, darunter der bekannte Autor Li Er. Herr Li, worüber wollen Sie mit Frau Merkel sprechen?

Man hat uns gesagt, dass sie sich für den Reformprozess, Menschenrechte, Religion und das Leben auf dem Land interessiert. Wir werden uns aber kurz fassen müssen, der Termin dauert nur eine Stunde.

Dann also schnell: Was sollte eine deutsche Kanzlerin über China verstehen?

Dass sich in China in den letzten Jahrzehnten alles, aber auch absolut alles geändert hat. Bis auf eines: den Namen der Kommunistischen Partei. Im Ausland denken viele Menschen, die Chinesen seien gegen die Partei und wünschten sich Demokratie. Aber das stimmt nicht. Von den 1,3 Milliarden Menschen steht mindestens eine Milliarde hinter der Führung. Natürlich schimpfen viele über sie, gerade die Bauern, aber in ihrem Innern ist die Partei ihre Stütze. Deswegen hat die Regierung auch keine Angst vor Kritik aus dem Westen.

Mit dieser Ansicht wird Frau Merkel, die selbst in einem kommunistischen Land aufgewachsen ist und China immer wieder kritisiert, Probleme haben.

Ostdeutschland und China lassen sich kaum vergleichen. Man muss anerkennen, dass Chinas Regierung sich ehrliche Mühe gibt, den Lebensstandard für alle zu verbessern. Täte sie das nicht, würde sie die Macht auch sehr schnell verlieren.

Wollen die Chinesen nicht selbst über ihr Schicksal entscheiden?

Natürlich, aber das hat für Chinesen nichts mit Demokratie zu tun. Die allermeisten sehen darin einfach ein amerikanisches Konzept und können sich nicht vorstellen, dass es eine Form von Demokratie geben könnte, die für China geeignet wäre.

Dabei gibt es seit über zehn Jahren freie Wahlen von Dorfbürgermeistern, worauf die Partei stets hinweist. Findet da nicht allmählich ein Lernprozess statt?

Formal mag das nach Demokratie aussehen, inhaltlich hat das wenig damit zu tun. Dorfbürgermeister haben wenig zu sagen. Echte Entscheidungsträger werden in China nie durch Wahlen bestimmt, wenn es so weit käme, müssten ja alle Beamten um ihren Job fürchten.

Die Dorfdemokratie ist also reine Show?

Nein, das war schon ernst gemeint. Aber die Kreuzung aus westlichem Demokratiesystem und chinesischer Realität hat ein groteskes Ergebnis zustande gebracht. Chinesische Bauern haben andere Sorgen als die Wahl ihres Bürgermeisters. Sie wollen satt werden und ihr Leben ein wenig verbessern. Deswegen machen die Kandidaten oft mit Geschenkpaketen Wahlkampf, voll mit Nudeln, Waschpulver oder Seife. Für Bauern ist Geld sexy, nicht Demokratie. Es ist schon seltsam: Einerseits sagt die Regierung, China sei für allgemeine Wahlen noch nicht bereit, weil dem Volk das nötige kulturelle und intellektuelle Niveau fehle, aber dann lässt sie ausgerechnet auf dem Land wählen, wo das Bildungsniveau am niedrigsten ist. Die Regierung weiß natürlich, dass die Bauern in ihrem Dorf bleiben und sich nicht mit den Nachbarorten zusammenschließen können. In den Städten hätte das eine andere Dimension.

Wahrscheinlich wird die Kanzlerin hier zum nächsten Thema weiterhetzen müssen. Was sagen Sie, wenn Frau Merkel nach der Menschenrechtslage fragt?

Das ist eher eine Frage für die Juristen in unserer Runde. Sie werden ihr sicherlich sagen, dass die Situation sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr verbessert hat. Die Regierung übt weniger Kontrolle über das Leben der Menschen aus, und selbst wo sie das will, fällt es ihr zunehmend schwer. Auch die Medien haben heute mehr Spielraum. Der Milchpulverskandal ist zum Beispiel durch das Internet bekannt geworden. Das geht alles in die richtige Richtung, aber gerade die Intellektuellen wünschen sich natürlich, dass es schneller ginge.

Fühlen sich die Intellektuellen wenigstens gestärkt, wenn ausländische Politiker China kritisieren und aussprechen, was in China nicht gesagt werden darf?

Da kennen die Politiker China schlecht. Die Identifikation mit dem Staat ist sehr groß, auch bei den Gebildeten und Intellektuellen. Chinesen neigen dazu, sich lieber moralisch über andere zu erheben, als über die tatsächlichen Probleme nachzudenken. Das ist für Ausländer schwer zu begreifen.

Hat Frau Merkel den deutsch-chinesischen Beziehungen also geschadet, indem sie den Dalai Lama empfing und nicht zu den Olympischen Spielen kam?

Die Meinung der Chinesen über Frau Merkel hat sehr gelitten. Aber wirklichen Schaden nimmt das Verhältnis dadurch nicht. Dafür ist China viel zu pragmatisch. Es gibt eine Woche Streit, und dann sucht jeder wieder seinen wirtschaftlichen Profit.

Li Er (42) gehört zu den prominentesten Vertretern der chinesischen Gegenwartsliteratur. In seinen tragikomischen Erzählungen beschreibt er, wie im modernen China alte Wahrheiten auf neue Realitäten prallen. Er gilt als vielversprechender Kandidat für den Literaturnobelpreis. Lis Roman „Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt“erschien 2007 auf Deutsch.

Mit Li Er sprach Bernhard Bartsch.

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