Zeitung Heute : Die Choreografie der Krieger

Auf dem Republikanerparteitag erinnern sie an die Toten des 11. 9. Alte Gefühle werden wach – das soll Bush im Wahlkampf helfen

Malte Lehming[New York]

Ein Chor tritt auf. Er singt Soldatenlieder. Die Marines werden gepriesen, das Vaterland, die Freiheit, der Mut. Das gefällt den rund 10 000 Delegierten. Einige von ihnen summen mit. „We support our troops“, haben sie auf Schilder gemalt. John Kerry, der Herausforderer der Demokraten, mag mit seiner Vietnamvergangenheit protzen, denken sich die Republikaner. Doch die liegt 35 Jahre zurück. Wir dagegen halten immer zu unserer Armee, in guten wie in schlechten Zeiten, auch heute, im Irak.

Plötzlich Aufruhr. Der Feind hat es bis in den siebten Stock des durch etliche Einlasskontrollen gesicherten Madison Square Garden geschafft. Unglaublich! Im Eingang zu Tor 77, Tower D, steht Michael Moore, der Filmemacher. Dort ist die Pressetribüne. Moore hat einen blauen Overall an und die rote Basecap auf dem Kopf.

Sicherheitsbeamte umringen ihn. Offenbar hat er eine Akkreditierung. Immer mehr Kameras schwenken von der Bühne auf die Szene. Die Sicherheitskräfte telefonieren hektisch mit dem „command center“. Medienvertreter eilen herbei. Sie werden abgedrängt. Das steigert ihr Interesse.

Es ist 21 Uhr 30, Montagabend. In wenigen Minuten soll John McCain auftreten. Die Rede des populären Senators aus Arizona soll den ersten Höhepunkt des Parteitags markieren. Was tun? Die Bühne ist leer. Ein Video mit Präsident George W. Bush und Ehefrau Laura wird ausgestrahlt. Moore darf sich setzen. Aber sein Platz wird abgeschirmt. In den Reihen vor ihm postieren sich Parteiaktivisten, die Schilder hoch halten, um den Kameras die Sicht zu versperren. Ein junger Mann drängelt nach vorn. William Sage ist 17 Jahre alt und Gründer der Organisation „Republican Youth for Truth“. All seine Daten hat er auf eine Visitenkarte geschrieben, die er irgendwie an Moore weiterleiten will. Den verachtet er zwar politisch, bewundert ihn aber für seine genial-demagogische Art. „Alle meine Freunde rennen in den Fahrenheit-Film“, sagt er. Besonders unter Jugendlichen hat Bush in Umfragen verloren.

Dann beginnt McCain. Einen spontanen Seitenhieb auf den „hinterhältigen Filmemacher“ kann er sich nicht verkneifen. Die Halle tobt. Ein gellendes Pfeifkonzert hebt an. Moore bleibt regungslos sitzen. Er weiß: Ein Stück des Auftaktabends hat er den Konservativen vermiest. Sie mögen sich nach New York getraut haben, in die Hochburg der Demokraten. Er indes hat es in den Parteitag geschafft – umgeben von Tausenden von Menschen, auf deren Hass-Skala er wohl nur von Osama bin Laden übertroffen wird.

Ansonsten stimmt die Choreografie. Zufälle sind ausgeschlossen, Überraschungen unwahrscheinlich. Sämtliche Signale, die von hier aus in diesen Tagen bis in den hintersten Winkel Amerikas ausgesandt werden, sind Teile eines detailliert ausgetüftelten Drehbuchs. Jedes Wort, das fällt, wurde auf seine Konnotationen geprüft. In Boston, bei den Demokraten, sprach man über Abu Ghraib, Arbeitslosigkeit, Halliburton, das hohe Defizit. In New York dagegen hört man viel über Saddam Hussein, Nine-Eleven, Freiheit, Heldentum, den Wirtschaftsaufschwung. Politik ist Betonungssache.

In der Halle sitzt die Hardcorefraktion. Zwei Drittel der Aktivisten bezeichnen sich als konservativ, ein Drittel nennt sich moderat. Den Irakkrieg unterstützen 96 Prozent von ihnen, nur sieben Prozent meinen, es sei wichtig für die USA, internationale Probleme im Rahmen der Vereinten Nationen zu lösen, drei Prozent sind für die Homoehe. Die meisten Delegierten sind weiß (85 Prozent) und reich – 27 Prozent sagen, sie seien Millionäre. Viele Cowboyhüte sind zu sehen. Wer hier punkten will, muss markig auftreten.

Die Strategie ist klar. Ausgeheckt hat sie Karl Rove, Bushs Chefplaner. Zunächst wird die Erinnerung an den 11.September 2001 wiederbelebt. Deshalb wurde New York gewählt. In tausend Facetten wird das Drama rekapituliert. Das Grauen, die Wut, die nationale Einigkeit. Keiner eignet sich besser dafür als Rudolph Giuliani, der Ex-Bürgermeister. Er schildert erneut jene Sekunden, wie er mit ansah, wie sich ein verzweifelter Mensch aus dem brennenden Turm des World Trade Center stürzte. Die alten Gefühle werden wach.

Dann wird, gewissermaßen im selben Atemzug, der Irakkrieg als Teil des globalen Kampfes gegen den internationalen Terrorismus gewürdigt. Die unterschwellige Botschaft lautet: Wer gegen den Irakkrieg ist, verrät die Opfer der Terroranschläge. Die Inszenierung mag platt klingen und könnte trotzdem wirksam sein.

Einen Vorgeschmack auf die Rhetorik gibt Giuliani. Mehr als drei Jahrzehnte lang, sagt er, hätten die Terroristen über die freie Welt triumphiert. Die Ursünde sei 1972 in der Bundesrepublik begangen worden. Die drei überlebenden Verantwortlichen für das Olympiamassaker seien anschließend frei gepresst worden. „Die deutsche Regierung ließ sie laufen.“ Buhrufe ertönen. Die Linie des Nachgebens und der Kompromisse habe sich bis zum 11.September 2001 fortgesetzt. „Jassir Arafat wurde sogar der Nobelpreis verliehen.“ Wieder Buhrufe. Erst Bush habe sich der Eskalation der terroristischen Gewalt offensiv entgegengestemmt.

Auch die Geschichte wird bemüht. Giuliani scheut sich nicht, Bush in eine Reihe mit Winston Churchill und Ronald Reagan zu stellen. Der britische Premier habe frühzeitig die Gefahr erkannt, die von Hitler ausging. Reagan wiederum nannte die Sowjetunion das „Reich des Bösen“, während der Rest der Welt bereit war, den Kommunismus als Tatsache zu akzeptieren. Ebenso klarsichtig, visionär und realistisch sei Bush, ruft Giuliani. „Ihm gebührt schon jetzt ein Platz in den Geschichtsbüchern.“

Das wird den Delegierten und den Zuschauern im Land immer wieder eingebläut: Bush ist ein starker Mann. Er hat Prinzipien. Er schielt nicht auf Umfragen, sondern tut, was notwendig ist. Beliebt macht man sich damit nicht. Aber gerade seine Unbeliebtheit adelt ihn.

Amerika ist auch heute im Krieg. „Wir müssen kämpfen, wir müssen“, ruft McCain. Er und Giuliani gelten in ihrer Partei als moderat. Doch über die Themen, bei denen sie von der herrschenden Linie abweichen – Abtreibung, Waffenkontrolle, Rechte von Homosexuellen, Haushaltsdisziplin –, dürfen sie nicht reden. Ihre Aufgabe ist es, gerade weil sie ein moderates Image haben, die Sicherheitspolitik von Bush zu loben. Beide gelten als charakterstark und unabhängig. Das verleiht ihrem Urteil, etwa über den Irakkrieg, besonderes Gewicht.

Bush hatte „die Wahl zwischen Krieg und einer immer größeren Bedrohung“, sagt McCain. Vor harten Entscheidungen habe er sich nicht gedrückt. Garniert wird die Ansprache mit einer gehörigen Portion Patriotismus. „Wir sind Amerikaner zuerst, Amerikaner zuletzt und Amerikaner für immer“, ruft McCain. Auch ihr 93 Seiten umfassendes Parteiprogramm, das die Republikaner an diesem Tag verabschieden, trägt durchweg konservative Züge. Es ist quasi identisch mit der Politik der Bush-Regierung. Die Hälfte des Platzes ist der nationalen Sicherheit gewidmet. Das Konzept präventiver Kriege sei richtig, heißt es. Mit Terroristen dürfe nie verhandelt werden. „Keine Therapie und kein Druck wird sie von ihrem mörderischen Weg abbringen.“ Die Moderatenfraktion kommt in New York zwar ausgiebig zu Wort, hat aber nichts zu sagen. Als Zeichen ihrer Niedergeschlagenheit hat sie am Montag in der „New York Times“ eine Anzeige geschaltet. Fast flehentlich bittet sie ihre Partei: „Come back to the mainstream“.

Doch auch das wird den Moderaten wenig nützen. Beide politischen Lager haben sich in Amerika polarisiert. Je heftiger die Linken über die Rechten herziehen, desto enger schließen die sich zusammen. Und andersherum. Für innerparteiliche Abweichler, unterschiedliche Auffassungen oder gar Kontroversen ist kein Platz. Querdenker werden auf Linie gebracht oder mundtot gemacht.

Manche halten sich freiwillig im Zaum. McCain ist auch Vorsitzender des „International Republican Institute“ (IRI), das sich die weltweite Ausbreitung von Freiheit und Demokratie zum Ziel gesetzt hat. Darin arbeiten Moderate, wie Senator Chuck Hagel und Ex-Sicherheitsberater Brent Scowcroft, mit Konservativen, wie Jeane Kirkpatrick, ehemals US-Vertreterin bei den Vereinten Nationen, eng zusammen. Das IRI hatte am Montag zu einem Empfang in den sechsten Stock von „Time Warner“ gebeten. Anschließend nahm man auf blauen Stühlen in einem kleinen Kinosaal Platz. Dem obligatorischen Gebet, alle stehen auf, folgte der obligatorische Eid, rechte Hand auf linker Brust. Das ist in diesen Kreisen üblich.

Zweifel an der Richtigkeit des Irakkriegs kommen auch hier nicht auf. Nach dem Fall der Mauer habe der Westen, geblendet durch Euphorie, die Zeichen an der Wand nicht erkannt, sagt McCain. Diese Versäumnisse müssen heute, umso entschiedener, korrigiert werden. Bill Kristol stimmt zu. Er ist Herausgeber des einflussreichen neokonservativen Magazins „The Weekly Standard“. Trotz vieler Rückschläge sei die Entwicklung im Irak ermutigend, sagt er. Und Bush gebühre das Verdienst, die US-Truppen nicht aus wahltaktischen Gründen vorzeitig abzuziehen. Zum Schluss zitiert Kristol den Präsidenten mit einem Satz, der ungebrochenes Selbstbewusstsein zeigt. „Ich bin kein Historiker“, soll Bush jüngst gesagt haben, „sondern der Kerl, der Geschichte macht.“

Gegen Mitternacht verlassen die letzten Republikaner den Madison Square Garden. Sie sind zufrieden mit der kämpferischen Note, die angeschlagen wurde. Vom Hochhaus gegenüber leuchtet ihnen ein gigantisches „W“ entgegen, das Mittelinitial ihres Idols, drumherum ein Kreis. Man denkt sofort an die Fledermaus, die Batman zum Einsatz ruft. W will am Donnerstag reden. Bis dahin soll die Spannung auf dem Höhepunkt sein.

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