Zeitung Heute : Die Clintons und Nahost: Ein Paar übt den Spagat

Robert Rimscha

Die Veranstaltung hieß "Solidarität mit Israel". Hillary Clinton rief vom Podium in New York City: "Wir stehen unseren Freunden in Israel zur Seite!" Links neben ihr stand, mit betretener Miene, Ronald Lauder, der Vorsitzende der Konferenz der Chefs der wichtigsten jüdischen Organisationen der USA. Gerade hatte das Fernsehen Bilder der gelynchten israelischen Soldaten gezeigt, deren Körper aus dem Fenster einer Polizeistation in Ramallah geworfen werden.

"Arafat muss endlich seiner Verantwortung gerecht werden und das Signal zur Einstellung der Gewalt geben. Die Verantwortung für diese Barbarei liegt bei ihm", verkündete die Kandidatin für den US-Senat. Rechts neben der First Lady stand Juli Tamir, Israels Einwanderungsministerin.

Während Hillary den Schulterschluss mit Israel probte, eilte ihr Gatte, seines Zeichens Präsident der USA, von New York nach Washington. Vier Mal rief er seinen Amtskollegen Mubarak in Kairo an. Drei Mal Arafat. Und Barak. Und König Abdullah von Jordanien. Dann trat Bill Clinton im spätsommerlich warmen Rosengarten vor die Weltpresse, verurteilte die Gewalt und sagte: "Die Alternative zum Friedensprozess ist nichts Hypothetisches mehr, sie ist vielmehr eine Realität, die sich vor unseren Augen entfaltet."

Was Bill Clinton nicht tat, war, einseitig Arafat zum Zurückpfeifen seiner Straßenkämpfer und Steinewerfer aufzurufen. Auf diese Nuance ist die geheiligte Rolle der USA als "ehrlicher Makler" zusammengeschrumpft. Mücken tanzten um Clintons Gesicht, als er seinen überparteilichen Appell in Richtung Naher Osten aussandte. Sein Ton und seine Mimik ließen erkennen, was seine Berater so formulierten: Einen "herben Doppelschlag" habe der Präsident mit der Attacke auf die USS Cole und dem Beinahe-Krieg auf der Westbank und in Gaza einstecken müssen. "Einen der enttäuschendsten Tage seiner Amtszeit" diagnostizierte jemand.

Dabei hätte doch alles so schön sein können. Immerhin war der 12. Oktober der Tag nach seinem 25. Hochzeitstag gewesen. Er war nicht im Weißen Haus aufgewacht, sondern im ersten Eigenheim der Eheleute im Städtchen Chappaqua, Landkreis Westchester, Bundesstaat New York. Geplant war "quality time" für die Eheleute, besinnliche Zweisamkeit, Entspannung, Flug nach Washington, eine Runde Golf, dann zwei Wahlkampfveranstaltungen mit Großspendern der Demokratischen Partei.

Daraus wurde nichts. Weltpolitik und Krisenmanagement hatten Clinton in Beschlag genommen. Amerika richtete sein Augenmerk, vielleicht zum letzten Male, auf sein Weißes Haus. Dorthin musste sich auch Al Gore bemühen, der Vize und Wunschnachfolger, der an einer Sitzung des nationalen Sicherheitsrates teilzunehmen und dafür zwei Wahlkampfauftritte zu streichen hatte.

Gore, sein Rivale Bush, Hillary, deren Opponent Rick Lazio - sie sagen alle dasselbe: Arafat ist schuld; Amerika handelte falsch, als es darauf verzichtete, sein Veto gegen die jüngste Israel-kritische UN-Resolution einzulegen. Gore und Hillary müssen, so will es die Wahlkampflogik, zuweilen von der Regierungslinie abweichen. Gore tat dies bei Elian Gonzalez; Hillary hat das erprobt, als sie für die Verlegung der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem eintrat.

Unisono fordern alle Kandidaten das eine, die Regierung tut das andere. Zu den Kandidaten gehören auch, auf Bundesebene, George W. Bush und, im Bundesstaat New York, Rick Lazio. Bush und Lazio sind in ihren Einschätzungen und Appellen zu Nahost nicht von Gore und Hillary zu unterscheiden.

Ist dies nun ein Israel-politischer Familienkrach im Hause Clinton? Eher beidseits anerkannte Notwendigkeit. Wahlkämpfer rügen Arafat; Würdenträger wollen ihre Überparteilichkeit retten. Richard Holbrooke, der US-Botschafter bei den UN, der sich bei der Israel-Abstimmung lediglich der Stimme enthalten hatte, drückt es so aus: Die Resolution, die die exzessive Gewaltanwendung der Barak-Regierung kritisiert, sei eine "extreme Geschmacklosigkeit". Beim Regieren reicht schlechter Geschmack offensichtlich nicht als Begründung für harte Vetos. Wahlkämpfer sehen dies anders.

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