Zeitung Heute : Die Clubnomaden

Das WMF macht aus seinen ständigen Ortswechseln eine Tugend: Mobilität ist für den Club der Garant für neue Ideen und neue Impulse

Henning Kraudzun

Mobilität – das passt in die heutige Zeit. Die Macher des WMF-Clubs haben das zu ihrer Geschäftsmaxime erklärt. Insgesamt sechs Mal ist der Tanztempel mit Technik und Personal umgezogen, jedes Mal entstand dabei etwas anderes. Zum Konzept gehörte es auch, die neue Adresse bis kurz vor der Eröffnung zu verheimlichen. In der gesamten Stadt brodelten dann kleine Gerüchteküchen. Wo sich der bekannte Club niederlässt, wollte schließlich jeder besser wissen. Die Gästekarawane, eine kreative und junge Ausgeh-Gesellschaft, zog immer mit.

Über den Club könnten bald Bücher geschrieben werden, in dem Maße beschäftigt er die Öffentlichkeit. Eine Ausstellung wurde ihm bereits gewidmet. Eine UDK-Studentin erforschte in ihrer Diplomarbeit „The Making of WMF“. Drei Jahre lang fotografierte sie Interieurs, interviewte das Personal und machte Videoaufnahmen. So wird ein Ort fürs Nachtleben geadelt. Tatsächlich gehört der WMF Club zu den beliebtesten in der Stadt, der von extrovertierten Yuppies und aufgedonnerten Teenager- Gruppen gleichermaßen bevölkert wird. Es ist das Image, das verbindet. Und es ist eine jahrelange Erfolgsgeschichte.

Doch wie ein Manager sieht der Club- Macher Gerriet Schulz nicht aus. Mit seinem blonden Strubbelkopf und dem lässigen Outfit unterscheidet er sich kaum von seinen Mitarbeitern, die ihn ständig irgend etwas fragen, als wir vor dem Café Moskau die Sonnenstrahlen genießen. Schulz ist noch fest mit der Subkultur verwurzelt und spielt nicht den großen Boss. Lieber vergrübelt er sich in neuen Ideen, die er mit befreundeten Künstlern verwirklicht. Bald will er auf seinem Nomadenmarsch durch Berlins Mitte am eigentlichen Ziel sein: Im Palast der Republik.

Begonnen hatte alles – wie so oft in der hauptstädtischen Clublandschaft – mit einer Hausbesetzung. Das WMF entstand in den Wirren der Nachwendezeit im geenterten Ex- Stammhaus der Württembergischen Metallwarenfabrik, wo Künstler und Musiker das leer stehende Gebäude für ihre Ateliers nutzten. Um den Umbau zu finanzieren, wurden im Keller Partys veranstaltet. Doch ein zweites Tacheles entstand an der Leipziger Straße nicht, die Besetzer mussten das Haus räumen.

Mit der zweiten Adresse setzte sich der Mythos fort. Auf dem Mauerstreifen am Potsdamer Platz gingen Schulz und seine Mitstreiter in den Untergrund und verrieten nur dem Bekanntenkreis das nächste Event. Bis sie der Illegalität überdrüssig waren. Zusammen mit zwei Partnern gründete Schulz eine GmbH und zog an den Hackeschen Markt. Hier wurde aus dem Abenteuer ein Unternehmen. Mit Relikten aus dem Palast der Republik setzte man inmitten des Galerieviertels den State of the Art. Das Geschäft florierte, bis das Gebäude abgerissen wurde und der nächste Umzug folgte. „Wir liefern die Blaupause für ein nomadisches Prinzip in der Clubkultur“, sagt Schulz. Wichtig sei schließlich die Marke, nur das Drumherum bleibt in stetiger Veränderung.

Dieses Prinzip kann allerdings nur dann funktionieren, wenn alle Vorgänge bis ins Detail eingespielt sind. Heute gerät die Teamarbeit zur Perfektion. „Die Abschieds- und Eröffnungspartys bringen auch eine unglaubliche Dramatik mit sich“, sagt Schulz. Die wiederum haucht dem Club immer wieder neues Leben ein.

Veränderung ist vonnöten, weil die Ansprüche steigen. Das Geschäft wird schwer kalkulierbar. An seinem sechsten Standort in der Ziegelstraße wurde das WMF sogar für tot erklärt: Große Tageszeitungen sagten mit der Krise der New Economy auch das Ende vieler Clubs voraus. Das WMF als „Schnittstelle von Party, Kunst und neuer Wirtschaft“, wie es damals hieß, sei dem Untergang geweiht. Die Feuilletonisten urteilten zu schnell. „In dieser Zeit hatten wir keine Kontrolle mehr darüber, was über uns geschrieben wird“, sagt Schulz. Man versuchte fortan, sich der schreibenden Zunft zu entziehen.

Kurz darauf hieß es, das WMF sei elitär und wolle nur noch ein ausgesuchtes Publikum anlocken. Wieder urteilten die Journalisten vorschnell. „Nach dem ganzen Rummel um uns hatten wir vom Medienhype genug“, erklärt Schulz. Zurückhaltende Werbung, Geheimhaltung und leise Organisationsarbeit – so lautete die neue Devise. Freilich wurde dadurch das großes Rätselraten in der Szene zusätzlich angeheizt. „Es war fast schon wie eine Soap“, sagt Schulz und schüttelt den Kopf.

Dabei sind nur temporäre Nutzungen für Veranstalter wie Gerriet Schulz finanzierbar. Seit zehn Jahren unterschreibt er ordentliche Mietverträge und muss die Behördenauflagen finanzieren. Hinzu kommen Gelder, um eine leer stehende Immobilien zu einem sehenswerten Dancefloor umzubauen. Deshalb ist ein Grundsatz des WMF, den Behörden nichts zu verheimlichen und Abmachungen einzuhalten. „Man muss sich auf deren Denkweise einlassen und nicht auf Konfrontation gehen“, sagt Tom Prilop, der sich als Mitinhaber um die Auflagen kümmert.

Ohne Eigenleistung, Enthusiasmus und ein funktionierendes Netzwerk wäre das WMF kaum noch existenzfähig. „Heute bewegt man größere Summen und muss mit bürokratischen Schlichen leben“, sagt Schulz, der nicht aus der Gastronomie kam. Sieben feste Angestellte arbeiten inzwischen für das kleine Unternehmen, hinzu kommen Tresenkräfte, DJ’s, Türsteher und Handwerker, die bezahlt werden müssen. An vielen Abenden wird der gesamte Umsatz nur für Kosten verwendet, andere Events müssen das wieder ausgleichen.

Um mehr finanzielle Sicherheiten zu haben, wurde vor zwei Jahren das Musiklabel WMF gegründet, in einer schwierigen Zeit. Wenn der Club umzog, sorgte es für den Umsatz. Anfängliche Vertriebsprobleme sind mittlerweile behoben, man arbeitet mit anderen Independent-Labels zusammen. Weil mit der CD derzeit wenig Geld zu verdienen ist, setzt WMF Records auf neue Audioformate. Zudem verfügt man über eine treue Vinyl-Kundschaft. „Es sollte die ganze musikalischen Bandbreite des Clubs abgebildet werden“, sagt Schulz.

Doch die wirtschaftliche Depression macht sich im Club bemerkbar. „Die Leute wollen die Geiz-ist-geil-Nummer auch bei uns durchziehen“, frotzelt Schulz. Das bedeutet: Weniger Getränkeumsatz. Zudem kommen Generationen im WMF zusammen, was auch mal schief gehen kann. So tragen die Stammgäste bereits graue Haare, während sich das jüngere Publikum noch exzessiv im Berliner Nachtleben austobt. Im Café Moskau scheinen bislang alle miteinander auszukommen, die räumlichen Möglichkeiten sind ideal. Beste Aussichten also, einmal sesshaft zu werden? Gerriet Schulz setzt ein breites Grinsen auf: „Man muss loslassen können von alten Dingen, am besten auf Umzügen.“

WMF, Karl- Marx- Allee 34 (Mitte), Donnerstag bis Sonntag ab 22 Uhr.

Im Internet: www.wmfclub.de

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