Zeitung Heute : Die da, die da oder die da?

Im Achtelfinale kann alles so schrecklich schnell vorbei sein. Auch wenn es undenkbar erscheint, gegen England im Elfmeterschießen einmal nicht zu gewinnen, wollen die Deutschen lieber nicht gegen den ewigen Rivalen spielen. Doch gegen Schweden haben wir bisher zwölfmal gewonnen und dreizehnmal verloren. Und wie schießt man gegen Trinidad & Tobago ein Tor? Wir haben die möglichen Gegner schon einmal überprüft.

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Von Sven Goldmann

und Robert Ide

In der Hand haben es die anderen. Wenn heute Abend die letzten beiden Spiele in der Gruppe B angepfiffen werden, steht schon fest, ob Deutschland Ekuador geschlagen hat und Gruppensieger geworden ist. Die Engländer können sich also vor ihrem Spiel drei Stunden lang ausrechnen, wie sie gegen Schweden spielen müssen, um im Achtelfinale nicht auf Deutschland zu treffen. Oder wie sie spielen müssen, um auf Deutschland zu treffen. „Wir können uns steigern und jeden schlagen, auch die Deutschen“, sagt David Beckham. Die lichten Momente des Kapitäns sind bisher allerdings vergleichsweise rar geblieben, bei den Engländern haben nur die Fans Titelform.

Zu Zehntausenden bereisen sie die Spielorte und kommen immer irgendwie ins Stadion, um ihr Team zum Sieg zu brüllen. Die Angefeuerten werden den Ansprüchen bislang nur teilweise gerecht. Die Siege gegen die Außenseiter Paraguay sowie Trinidad & Tobago mussten mit vielen Kampfesmühen erstritten werden.

Doch auszuschließen sind entscheidende Überraschungspässe von Beckham und seinen Kollegen ins Sturmzentrum nie ganz. Genau deshalb wäre England wohl der stärkste mögliche Gegner für die deutsche Nationalmannschaft, zumal die Engländer gerade ihren Grund zur Euphorie gefunden haben. Berauschten sich die Deutschen am späten Tor von Oliver Neuville gegen Polen, so labte sich das englische Team am Kurzeinsatz seines nach einem Mittelfußbruch genesenen Starshooters Wayne Rooney gegen Trinidad & Tobago. Nachdem der Stürmer von Manchester United eingewechselt geworden war, drehten die Engländer das Spiel. Dabei scheute Rooney noch viele Zweikämpfe und war in Laufduellen meist nur zweiter Sieger.

Der englische Sturm ist aber nie ganz auszuschalten. Der lange Peter Crouch kann auch nach mehreren vergebenen Chancen noch kurz vor Schluss treffen, wie er gegen Trinidad & Tobago bewies. Ebenso kann Crouch Flanken entscheidend per Kopf verlängern und damit zum Beispiel Rooney einsetzen. Auch Michael Owen wird von Spiel zu Spiel besser, hat aber noch nicht getroffen.

Wenn die Zeit für die Engländer knapp wird, setzen Frank Lampard und Steven Gerrard zu Gewaltschüssen aus der Distanz an. Im bisherigen Turnierverlauf scheiterten sie damit nur knapp. „Gegen uns hat England zu früh die Geduld verloren, gegen stärkere Gegner sollte die Mannschaft das nicht tun“, sagte Trinidad & Tobagos Coach Leo Beenhakker. In der Tat: Wenn die Engländer mit hohen Bällen oder Schüssen den Erfolg suchen, nehmen sie ihr schnelles Mittelfeld selbst aus dem Spiel. Für ein Tor sind sie dennoch immer gut, und sei es wie gegen Paraguay durch einen schwer kontrollierbaren Freistoß von Beckham.

Selbstbewusstsein muss sich das Team zumindest nicht mehr antrainieren. „Uns ist es egal, auf wen wir im Achtelfinale treffen. Vielleicht sehen das die Deutschen ein wenig anders“, spottet Frank Lampard. Es ist dennoch wahrscheinlich, dass Trainer Sven-Göran Eriksson, der mit dem WM-Titel seine öffentliche Demontage reparieren könnte, für einen eventuellen deutschenglischen Gipfel vorbaut. Gegen Schweden wird er wohl auf den Einsatz von mindestens zwei der drei gelbbelasteten Stars Lampard, Gerrard und Crouch verzichten. Alternativen hat Eriksson genug, und wer keine Angst vor den Deutschen hat, braucht auch keine vor den Schweden zu haben. Oder doch?

Der Schwede an sich stammt ja von den Wikingern ab, und die sollen ja ein gewisses Faible für Prügeleien gehabt haben, gern auch untereinander. Diese schöne Tradition setzt die schwedische Fußball-Nationalmannschaft bei der WM in Deutschland fort. Ein paar Tage vor dem ersten Spiel hat Kim Källström seinem Torhüter Andreas Isaksson den Ball im Training so heftig gegen den Kopf geknallt, dass der sich mit einer Gehirnerschütterung krank meldete. Die beiden spielen übrigens gemeinsam in Frankreich, in Rennes. Das Fehlen des vielleicht weltbesten Torwarts fiel erst mal nicht weiter ins Gewicht, denn Schwedens Auftaktgegner Trinidad & Tobago schoss nicht allzu oft auf das Tor des schwedischen Ersatzmannes. Weil die Schweden aber auch nichts zustande brachten und es deswegen nur ein 0:0 gab, gingen am nächsten Tag Mittelfeldstar Fredrik Ljungberg und Verteidiger Olof Mellberg aufeinander los, mit den Fäusten in der Kabine.

Im Spiel reduziert sich die teaminterne Aggressivität bisher auf rhetorische Duelle, aber was noch nicht ist, kann ja noch werden. Einige Schweden sollen zum Beispiel wenig Spaß haben am Spaßfußball von Zlatan Ibrahimovic, der den Ball so gern mit der Sohle streichelt und dazu mit dem Hinterteil wackelt. Allzu viel ist dabei bisher nicht herausgekommen. Es lässt sich schwerlich ein ungleicheres Angriffsduo vorstellen als das schwedische mit Ibrahimovic und Henrik Larsson. Hier das große Spielkind mit dem Ruf des Zauberkünstlers, der vor allem aus einem mit der Hacke erzielten Tor bei der Europameisterschaft gegen Italien resultiert (vorsichtshalber kaufte ihn Juventus Turin gleich nach dem Turnier für viel zu viel Geld von Ajax Amsterdam ein). Dort der kleine Arbeiter, der noch jedes Kopfballduell gegen die besten und längsten Verteidiger der Welt gewonnen hat. Gerade erst hat Larsson dem FC Barcelona mit zwei finalen Vorlagen den Gewinn der Champions League beschert, zur nächsten Saison wechselt er ohne jede Not zu einem schwedischen Provinzklub. Können die beiden, der großmäulige Ibrahimovic und der bescheidene Larsson, vor lauter Gegensätzen die deutsche Abwehr in Verlegenheit bringen? Nein, das können sie nicht, und deshalb hat ihr Trainer zuletzt häufiger als Kompromisslösung Marcus Allbäck eingewechselt, einen Stürmer, der vieles kann, aber eines ganz bestimmt nicht, nämlich Tore schießen. Das hat er vor einem Jahr in Deutschland gezeigt, als er den FC Hansa Rostock zielsicher in die Zweite Liga geschossen hat. Von oben, wohlgemerkt.

Auch die Spieler von Trinidad & Tobago haben das beim 0:0 schon live miterlebt, der gefühlte Höhepunkt war aber das Spiel gegen England, wo viele von ihnen spielen oder gespielt haben. Zum Beispiel Shaka Hislop, geboren in London und mit seinen Eltern früh nach Trinidad ausgewandert. Hislop hat schon überall gespielt, in Portsmouth und Reading, in Newcastle und London, wo er gerade mit West Ham United das Cupfinal erreicht hat. Einzige Konstante bei all seinen Stationen: Hislop war immer für eine unterlaufene Flanke, einen Abwurf zum Gegner oder einen ins eigene Tor gefausteten Rückpass gut.

Er ist so etwas wie Englands Oliver Reck, und wenn in einem Video immer mal wieder die schönsten Torwartfehler der Liga zusammengestellt werden, spielt Shaka Hislop eine tragende Rolle. Bei der WM hat er bislang annähernd fehlerfrei gespielt, es wäre also mal wieder Zeit für einen richtig schönen Klops, warum nicht im Achtelfinale gegen die Deutschen? Mit seinen 37 Jahren liegt der Torwart gut im mannschaftsinternen Schnitt. Kaum einer ist unter dreißig, das geht auf die Kraft, erst recht bei einem Nachmittagsspiel, und das wird das deutsche Achtelfinale auf jeden Fall sein, egal, ob es nun in Stuttgart oder München stattfinden wird.

Trinidad & Tobago dürfte bei der Weltmeisterschaft zu den wenigen Mannschaften gehören, gegen die der, nun ja, verbesserungswürdige deutsche Abwehrverband einen angenehmen Tag verbringen könnte. Exakt null Tore haben die Stürmer aus der Karibik in ihren ersten beiden Vorrundenspielen zustande gebracht. Das korrespondiert angemessen mit den von ihnen herausgespielten Chancen. Clevererweise hat Trainer Leo Beenhakker seinen gefährlichsten Stürmer so weit zurückgezogen, dass er nur selten in die Nähe des gegnerischen Strafraums kommt.

Dwight Yorke hat in seinen besten Zeiten mit Manchester United die Champions League gewonnen, jetzt spielt er die im internationalen Fußball eher selten vergebene Rolle eines Liberos zwischen zwei Viererketten. Das war seine Bedingung, als ihn Beenhakker in der WM-Qualifikation zum Comeback überredete.

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