Zeitung Heute : Die Daum-Tragödie: Im Rausch der Lüge

Helmut Schümann

Kann es sein, dass Franz Beckenbauer tatsächlich etwas weiß? Mehr als die derzeitig offizielle Lesart zum Fall Christoph Daum verkündet? Der Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) trat auf jeden Fall am Samstagabend vor die Kameras - diverse Weißbiere, so berichten Augenzeugen, hatten ihm schon gut geschmeckt nach dem Sieg seines FC Bayern München -, Franz Beckenbauer trat also vor die Kameras und erklärte Christoph Daum, sehr jovial, sehr beiläufig, sehr generös zum "Suchtkranken". Ein schwerwiegendes Urteil. Aber weil es Beckenbauer war, der es fällte, wurde daraus sofort ein abschließendes Urteil. Vielleicht sagt man besser: obwohl es Beckenbauer fällte, der in den vergangenen Wochen des Streits um den designierten Bundestrainer Daum sehr viel Unsinn gesprochen hatte.

Die gesicherten Tatsachen am Sonntag: Das Institut für Rechtsmedizin der Universität Köln hatte am Freitagnachmittag Christoph Daum das Ergebnis seiner Haarprobenanalyse zukommen lassen. Danach steht fest, dass Daum Drogen konsumiert hat. Daum bat daraufhin um Entbindung von seinem Amt als Trainer des Bundesligisten Bayer Leverkusen. Dem Wunsch wurde entsprochen. Desweiteren fühlte sich der DFB nicht mehr an seine per Handschlag besiegelte Absicht gebunden, Daum im kommenden Jahr als Bundestrainer zu installieren. Daums Haar war auf Rückstände von Cannabis, Kokain, Ecstasy und Heroin untersucht worden, nachgewiesen werden konnte ihm der Gebrauch einer der Drogen. Bislang nicht an die Öffentlichkeit gelangten Informationen, um welche Droge es sich handelt und ob Daum sie einmal probiert hat oder regelmäßig Zuflucht im Rausch sucht.

Beckenbauers Schlussfolgerung fand Anhänger. Sie bekundeten ihre große Betroffenheit, auch ihre Überraschung. Gerhard Mayer-Vorfelder, der bald Präsident des DFB sein will, rückte ein wenig ab von seinem vormaligen "Freund Christoph" und sprach nur noch vom "Trainer Christoph Daum", zeigte sich ansonsten aber auch persönlich enttäuscht und gab an, von Daums Krankheit nichts geahnt zu haben. Karl-Heinz Rummenigge, Vizepräsident beim FC Bayern, hob die menschliche Tragödie hervor und auch, dass es nun um die Krankheit des Menschen Daum gehe, von deren Ausmaß niemand habe wissen können, nun müsse man Daum helfen. Paul Breitner, der ehemalige Nationalspieler, mochte da nicht zurückstehen, nahezu die komplette Bundesliga äußerte ihre Betroffenheit über Daums Krankheit und bot Hilfe an. Fast wirkten sie alle begeistert über die eigene Sensibilität und spontane Bereitschaft zur Unterstützung. Reiner Calmund, Manager bei Bayer Leverkusen und augenscheinlich ein echter Freund Daums, war nicht nur verbal bewegt. Die verweinten Augen zeigten, dass er wirklich berührt war, als er Daums Kündigung verlas. Aber selbst er diagnostizierte eine schwere Krankheit inklusive Realitätsverlust, wie er bei Suchtkranken vorkomme. Dies, sagte Calmund, erkläre möglicherweise, warum Daum ohne Not eine Analyse seines Haares vornehmen ließ. Am Endes des Abends, am Ende des Wochenendes steht also unumstößlich fest: Christoph Daum ist drogenabhängig, ist ein Junkie ohne Kontrolle über seinen Willen.

Möglicherweise weiß Beckenbauer ja tatsächlich mehr, möglicherweise kennt er das genaue Untersuchungsprotokoll, möglicherweise geht daraus hervor, dass Daum regelmäßig Kokain geschnupft hat, in Mengen, die ihm den Verstand derart vernebelt haben, dass er sich sauber wähnte, als er sich zur Analyse zur Verfügung stellte und behauptete, er habe ein "absolut reines Gewissen". Vielleicht ist Daum auch nur verlogen und hat sich verrechnet beim Verfallsdatum der Drogenrestbestände in seinem Körper. Es ist auch möglich, dass Daum schlicht unter der Hybris eines Menschen leidet, der sich unantastbar fühlt. Genauso denkbar aber ist, dass Beckenbauer ganz einfach nur geplappert hat, nichts Genaues weiß und mit diesem Halbwissen leichtfertig mit dem Schicksal anderer Menschen umgeht.

Am Samstagabend stellten die Kommentatoren und Moderatoren der Sportsendungen Beckenbauers Interpretation bereitwillig über die Information. Rudi Cerne vom Aktuellen Sportstudio zum Beispiel hatte nach Anhörung zahlreicher Interviewpartner dazugelernt: Nach dem Gehörten, sagte er, müsse man jetzt also festhalten, dass Christoph Daum drogenabhängig sei.

So schnell geht das, so schnell ging es immer in diesem größten Skandal des deutschen Fußballs, der ja auch ein Skandal der Medien ist. Es sei nur auf die vielen Schwenks auf Uli Hoeneß verwiesen und die Kommentare in den Sonntagsblättern, die ihn als Sieger der "Schlammschlacht" feierten, weil er doch bestätigt worden sei.

Die gesicherten Tatsachen in der Angelegenheit Hoeneß am Sonntag: Der Manager des FC Bayern München hatte in einem Interview geäußert, dass Daum nicht Bundestrainer werden könne, wenn all die um ihn wabernden Gerüchte stimmen sollten. Er hat nie behauptet, dass Daum Drogen konsumiere, er kann sich also jetzt auch nicht bestätigt fühlen. Hoeneß äußerte sich weder am Sonnabend noch am Sonntag zum neuen Sachverhalt.

Und Christoph Daum? Der ist verschwunden, verständlicherweise. Die einen wollen ihn in Miami gesehen haben, andere vermuten ihn auf Mallorca, dritte behaupten steif und fest, er habe sich in seinem Haus in Leverkusen vor einer Hundertschaft von Journalisten verschanzt. Reiner Calmund, der weiß, wo Daum ist, meinte am Sonnabend: "Der Mann ist im freien Fall, der fällt vom Mount Everest, der stürzt vom Empire State Building."

Vor wenigen Wochen war Daum noch der Erneuerer des deutschen Fußballs, das fleischgewordene Energiebündel, dessen Power sich der Energiekonzern RWE für die Werbekampagne "Das Denken hat seine Richtung geändert" sicherte. Vor wenigen Tagen war derselbe Daum noch als Sieger erschienen in der Schlacht um seinen Leumund, weil er doch seine körperliche und geistige Unversehrtheit gegen das herrschende Rechtsprinzip, gegen den Rat von Freunden und selbst den von Gegner Uli Hoeneß beweisen wollte. Ein triumphierender Märtyrer.

Und jetzt ist er der Bodensatz der Fußball-Gesellschaft, die in weiten Teilen vergessen zu haben scheint, dass es Drogenprobleme in ihrer Szene, in der sich der Druck auf die handelnden Personen von Jahr zu Jahr steigert, immer schon gegeben hat. Früher hieß die Droge Alkohol, und Trainer wie Branko Zebec, Gyula Lorant oder Werner Biskup waren ihr verfallen. Franz Beckenbauer hat auch dieses Thema plaudernd gestreift und Daum, kaum dass er ihn gesellschaftlich ausgegrenzt hat, als Krankheitsfall gönnerhaft wieder reingeholt. Wenn denn Daum einen Entzug erfolgreich abgeschlossen habe, könne er ja wieder zurückkehren als Trainer, befand Beckenbauer.

Kann er? Mal vorausgesetzt, Daum ist wirklich abhängig? Er kann wohl nicht. Der Leichtfertigkeit, mit der die Beckenbauers der Liga und die Kommentatoren der Medien mit diesem Thema umgegangen sind, wäre Daum auch in Zukunft ausgesetzt. Ist dann ein energiegeladener Trainer Christoph Daum, der wie ein Irrwisch an der Linie entlang hüpft, der seine Spieler mit ungewöhnlichen Methoden zu motivieren versucht und dem der Ehrgeiz aus den Augen zu springen droht, wirklich noch ein energiegeladener, ungewöhnlicher, ehrgeiziger Trainer?

Beim Spiel des FC Bayern München gegen den Ortsrivalen von 1860 kursierten auch auf der Ehrentribüne erste Scherze, wonach Christoph Daum bereits ein Angebot aus der obersten Liga Kolumbiens, dem Zentrum des weltweiten Drogenhandels, vorliege. Das ist die Zukunft von Christoph Daum. Er hat sie sich selbst eingebrockt, aber muss er deshalb gleich mit Beckenbauers Hilfe bestraft werden?

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