Zeitung Heute : Die DDR besuchen

Lothar Heinke

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Immer, wenn es vor 1989 im Ostteil unserer Stadt Weltfestspiele, Jugendtreffen oder ähnliche Spektakel gab, skandierten sie: „DeDeEr, unser Vaterland“. 17 Jahre später heißt das Wort des Jahres Deutsch-laaand, Deutsch-laaand. Das damalige Vaterland indes befindet sich nun im Museum, dort, wo einst das Palasthotel als Devisenbettenburg stand.

Also, rein in die alte DDR. Gleich am Eingang mahnt uns der Nachbau einer Grenzanlage mit Mauer, Kolonnenweg, Signalzaun und Hinterlandmauer, dass wir doch bitte dieses bösartige Monstrum, das Menschenleben geformt und deformiert hat, nicht vergessen mögen, auch wenn es nicht mehr in der Landschaft herumsteht. Dann kommt auch schon bald der lustige Teil der Sammlung, die versucht, auf engstem Raum so viele Erinnerungen wie möglich zu bieten. Der Ostmensch staunt, der Westler wundert sich: 16 Jahre mussten die warten, bis endlich ein Trabbi vor der Tür stand? Unbändig, diese Kraft der zwei Kerzen! „Ein klarer Kopf lenkt sicher!“, wird dem Bürger am Steuer mit auf den holprigen Weg gegeben, „Kollegen, der Sozialismus ist eben keine glatte Straße“. Das merkte jeder. Vielleicht wäre die DDR irgendwann in ihren Schlaglöchern verschwunden. Vorher aber gab es Jugendweihen und FDGB-Gewerkschafts-Urlaub (1,7 Millionen Reisen in 695 Heime und Hotels pro Jahr), die Camping-Seligkeit gipfelte in FKK , wenn man wieder zu Hause auf der Couch saß, gab es die „Tagesschau“ und den „Schwarzen Kanal“ im kleinen Robotron-Fernseher in der polierten Schrankwand. „Die hat Oma immer noch“, sagt eine Frau zur kleinen Tochter. „Und hier waren wir doch alle dabei!“, sprudelt es aus einer Besucherin, als auf einem Monitor die Werktätigen am Generalsekretär vorbeischlendern. Alltag, wie er war. Mit Tempo-Linsen, Wohnungen der Serie WBS 70 und Horch & Guck. Ein Finne schreibt ins Gästebuch: „Erstaunlich, wie lange es möglich war, ein Volk so schlecht zu behandeln.“

DDR-Museum, Karl-Liebknecht-Str. 1, Eintritt 5 Euro, montags bis sonntags 10 bis 20 Uhr.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben