Zeitung Heute : Die DDR im Schnelldurchlauf

Der Tagesspiegel

Das große TV-Epos über die Heimat DDR, sagt ZDF-Fernsehspielchef Hans Janke, habe zu Recht auf sich warten lassen. Nur Schnellschüsse habe es zuvor gegeben, die dem deutsch-deutschen Stoff nicht mehr „als ein wenig Aktualität“ abzupressen in der Lage gewesen wären. Erich Loests „Nikolaikirche“, Strittmaters „Laden“ also – weg damit?

Jetzt kommt „Liebesau – die andere Heimat“. Die Heimat im Osten (Dienstag, 20 Uhr 15, außerdem am 4., 7. und 8. April ). Ein Vierteiler, der ohne Zuchthäuser auskommt, ohne Mauermorde, ohne allgegenwärtige Spitzel. Die UFA-Film, die die Saga produzierte, setzte nicht von ungefähr auf den Autor, der nimmermüde beteuert, seit 1972 jährlich „mindestens vier Mal“ die DDR-Besuchserlaubnis beantragt zu haben. Und der sagt: Der Sozialismus sei „erstrebenswert“, er sei nur falsch verwaltet worden. Der Autor ist Peter Steinbach, im Osten geboren, trotzdem ein Wessi. Und Steinbach hat durchaus seine Verdienste: Er hat uns in „Heimat“ den Reiz der Provinz entdecken lassen. Doch damals stand ihm Co-Autor und Regisseur Edgar Reitz zur Seite, der seine skurrilen Dorfdramen mit Geschichte zu verzahnen wusste.

Von „Heimat“ bleibt hier nur die Attitüde des großen Wurfs. Gemalt werden Genrebilder ohne Tiefenschärfe, Stilleben mit Traktor, Henne und Menschen, die nur das Beste wollen. Das Beste tut auch die Brigade der verpflichteten DEFA-Schauspieler von Herbert Köfer als Großvater, der im Hühnerstall Motorrad fährt, bis zum Nesthäkchen Anna Thalbach. Alle müssen, anders als in „Heimat“, nach spätestens zwei Folgen wieder abtreten. Sie altern nicht oder sie altern, wie Martin Wuttke, als LPG-König „Schorschi“, im Schnelldurchlauf bis zum Tod. Steinbach selbst hat für sich die Rolle eines jovialen russischen Ex-Generals geschrieben.

In „Liebesau“ kommt Geschichte als dörfliche Comedy daher. Das ist nicht schön anzusehen, im letzten Teil („1989“) wird es aber richtig unerträglich. Dennenesch Zoudé muss als dunkelhäutige Fee durch die finstere Provinz wandern. Man nennt sie „Brikett“, und sofort verliebt sie sich in den Trost spendenden Dorfpfarrer. Zusammen begleiten sie „Blinde“, die bei Steinbach „Blindis“ heißen, und sich aufführen als seien sie debil. Seelsorge, sagt der Pfarrer in gestelztem Steinbach-Deutsch, sei ein „Hilfswort für die Qualität von Menschlichkeit“. Für die Qualität von Fernsehen ist „Liebesau“ jedenfalls kein Hilfswort. Michael Burucker

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