Zeitung Heute : Die DDR-Wende als Patchwork. ORB

Vanessa Ogle

Im Herbst 1989 vermochten die wenigsten Demonstranten sich den Zusammenbruch der DDR binnen so kurzer Zeit vorzustellen. Zehn Jahre nach der Wende hat der Alltag die Protagonisten von damals genauso plötzlich eingeholt. Einzelschicksale, Zeitzeugenberichte und politische Ereignisse der Wendezeit kombiniert die Fernsehdokumentation "Chronik der Wende", die der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg (ORB) ab heute täglich um 21 Uhr 45 zeigt, zu einem eindrucksvollen Geschichtsbuch. Über 163 Tage wird tagesgleich an die Ereignisse vor zehn Jahren in der DDR erinnert. Das Erste, 3sat, Phoenix und zahlreiche Dritte übernehmen die Reihe ebenfalls.

Die Zeit des Umbruchs vom 40. Jahrestag der DDR im Oktober 1989 bis zur letzten Montagsdemo des Wendejahres im Dezember selbigen Jahres dokumentiert zunächst die bereits vor fünf Jahren gezeigte, mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete erste Staffel, die wiederholt und durch den neu entstandenen zweiten Teil bis zu den Volkskammerwahlen im März 1990 fortgeführt wird. "Diejenigen in Erinnerung rufen, über die die Geschichte längst hinweggegangen ist", formuliert ORB-Intendant Hansjürgen Rosenbauer das Anliegen des Projekts, das sich aus 15-Minuten-Sendungen zusammensetzt. Neben der Geschichte von unten stehen nationale und internationale Politik in einer Mischung aus historischem Filmmaterial und Erinnerungen von Zeitzeugen im Zentrum der Betrachtung. Die Schauplätze wechseln gerade so schnell, dass der Zuschauer die Ereignisdichte noch einmal am eigenen Leibe verspürt - ohne allzu verwirrende Faktenfülle.

Während Bundeskanzler Helmut Kohl im Dezember 1989 in Dresden gefeiert wird, erörtern Politiker auf der internationalen Ebene die mögliche Bündniszugehörigkeit eines wiedervereinigten Deutschland. Zwischendurch zeigt der ORB immer wieder Stimmen aus dem Volk; die der Einheitsgegnerin etwa, die der "BRD" nicht in den "Kapitalismus" folgen möchte.

Auch nach nur zehn Jahren erscheint manches rückblickend befremdlich, sogar deplatziert. Wenn der Alt-Bundeskanzler die DDR-Bürger etwa pathetisch auffordert, ihre Heimat nicht zu verlassen: "Helfen Sie, dieses wunderschöne Land aufzubauen". Oder der heutige Bundesinnenminister Otto Schily, der nach den freien Volkskammerwahlen mit Banane in der Hand im Wahlstudio erscheint und mit dieser Geste die materiellen Bedürfnisse der Ostdeutschen demonstrieren will.

Die "Chronik der Wende" gibt sich zeitgemäß multimedial: Die Hörfunksender Antenne Brandenburg und Radio EINS begleiten das Projekt mit einer täglichen Radiochronik, im Internet ist unter www.chronik-der-wende.de ein umfangreiches Wendearchiv abrufbar, die Begleitbücher "Chronik der Wende" und "Bilderchronik der Wende" sind im Buchhandel erhältlich.An die heutige Auftaktsendung zur "Chronik der Wende" schließt sich um 22 Uhr im ORB eine Studiodiskussion zur Gründung der DDR mit Manfred Gerlach, Sarah Wagenknecht, Wolfgang Leonhard und Werner Gumpel an.

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