Zeitung Heute : Die Debatte um "Edel-Gastarbeiter" war für viele Besucher das Beste an der Cebit

Regina-C. Henkel

Die Cebit 2000, der weltgrößte Verschiebebahnhof für IT-Spezialisten, ist seit Mittwoch zu Ende. Die Folgen der Cebit 2000 sind dramatisch. Seit Bundeskanzler Schröder die "Green Card" für IT-Fachkräfte aus Ländern außerhalb der EU angekündigt hat, entdeckt jeder Bürger: Bits und Bytes, Internet und Intranet, E-Commerce und Business-to-Business-Geschäft haben auch mit seinem ganz persönlichen Leben zu tun.

"Edel-Gastarbeiter" aus Polen, Bulgarien oder Estland sollen eine befristete Arbeitserlaubnis in Deutschland bekommen. Doch sind nicht allein im Berliner Raum gut 3000 Arbeitslose mit IT-Qualifikation registriert? Hat nicht fast Jeder einen Verwandten oder Bekannten, der umgeschult werden könnte? Bundesweit gibt es 67 000 arbeitslose Ingenieure und Naturwissenschaftler. Sind die alle zu alt oder gar zu dumm für IT?

Die "Green Card"-Diskussion hat all diese Fragen offengelegt. Nach Einschätzung vieler Besucher war das "das Beste an der ganzen Messe". Keinesfalls überall war zu spüren, was Erwin Staudt als sein wesentliches Messe-Erlebnis schildert: "Alle wollen aus dem Schlafwagen rauf in die Lok." Als IBM-Chef bräuchte er sich keine Sorgen zu machen. Sein Unternehmen bekommt jährlich 1500 Bewerbungen hochqualifizierter IT-Spezialisten. Aber als Vorsitzender der D21-Initiative spricht er auch für den Mittelstand, also vor allem für die Zulieferindustrie. Dort fehlen die IT-Fachkräfte, die Rede ist von 75 000. Wieviele es genau sind, weiß aktuell niemand. Bundesarbeitsminister Walter Riester will das "mit der Branche" besprechen und bis Donnerstag darüber entscheiden, ob die "Green Card" auf dem Verordnungsweg eingeführt werden soll.

Viele Start-up-Unternehmer schmunzeln darüber. Beim Kölner Online-Shop abea hält man die "Green Card"-Initiative für "löblich, aber nicht unbedingt nötig". Die fünf Jungunternehmer zwischen 24 und 31 Jahren glauben "an den Nachwuchs aus den eigenen Reihen" der Internet-Startup-Initiativen wie VentureLab (siehe links). Dort wird Qualifikation ganz anders verstanden als in den Fernseh-Talk-Shows mit altbekannten Ministern, Gewerkschaftern und Verbandsvertretern. Sebastian Küster, Vorstand des Berliner Internet-Startups ovivo.com: "Ausbildung wird viel zu sehr unter formalen Gesichtspunkten gesehen. In den Computerberufen lernt man an der konkreten Aufgabe viel mehr und schneller als in jedem Seminar." Einer seiner fähigsten Entwickler, berichtet der WHU-Absolvent, "hat nie sein Informatikstudium abgeschlossen". Die Personalchefs achteten "zu sehr auf Zeugnisse".

Wenn das Cebit-Gerücht stimmt, dass Arbeitsminister Riester und Verteidigungsminister Scharping bereits beschlossen haben, dass der "Rückbau" der Bundeswehr gößtenteils über IT-Umschulungen durch die Bundesanstalt für Arbeit geregelt werden soll, bekommen die Personalchefs demnächst viele dieser Zeugnisse. Derzeit finanzieren die Arbeitsämter knapp 37 000 Arbeitslosen eine IT-Fortbildung. Die Kosten: rund eine Milliarde Mark. Schon bald wird wohl jemand ausgerechnet haben, welche Steuereinnahmen von "Edel-Gastarbeitern" für weitere Umschulungen notwendig sind.

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