Zeitung Heute : Die Demokratie braucht keine Zuchtmeister

Der Tagesspiegel

Von Peter Struck

Die Ereignisse überholen sich: Erst hatten wir eine jahrelange Debatte um die „Spirale der Gewalt“ in Schulen, dann die „Kinderschänder“ und „Mörder-Debatte“ im Anschluss an den Tod von Ulrike in Eberswalde. Im letzten Sommer gab es die von der Kanzlergattin ausgelöste Erziehungsdebatte und nun die Debatte um die Konsequenzen aus der Schülerleistungsvergleichsstudie Pisa. Das funktioniert jeweils als Medienspektakel, von vielen Laien in Sachen Pädagogik getragen und nur so lange anhaltend, bis das nächste Thema das vorherige zum Schnee von gestern macht. Da bleibt nicht viel Zeit für Fundiertes; also müssen auch „olle Kamellen“ wieder her.

So hat nicht nur der sächsische Kultusminister Matthias Rößler (CDU) schon vor einiger Zeit die „Kopfnoten“ für Fleiß, Ordnung, Mitarbeit und Betragen wieder eingeführt, sondern er fordert jetzt auch ein „Ende der Kuschelpädagogik“, die es in Wahrheit nicht gibt und schon gar nicht in Sachsen. Und der neue Hamburger Schulsenator Rudolf Lange (FDP), zuvor Konteradmiral, sieht den Ausweg aus dem Pisa-Dilemma in einem Katalog von Sanktionsmöglichkeiten, den er den Lehrern an die Hand geben will, damit sie wieder „Respektpersonen“ werden. Die Lehrer sollen „Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit und Verlässlichkeit“ bei Schülern leichter durchsetzen.

Im Moment wird also von höchsten Stellen aus unserer mühselig über 50 Jahre gewachsenen Pädagogik der Teppich weggezogen. Wer das Verhalten junger Menschen mit Ängsten und Sanktionen statt mit Überzeugungsarbeit kanalisieren will, erreicht vielleicht kurzfristig ein aufgesetztes Wohlverhalten, langfristig aber genau das Gegenteil, jedenfalls in einer Demokratie. Wer störende Schüler zu pflegeleichten umdressieren will, erhöht in einer Gesellschaft wie der unseren ihr Gestörtsein, das sich gar nicht so sehr in Aggressionen, Unpünktlichkeit, Unordnung, Unhöflichkeit und Faulheit ausdrückt, sondern vielmehr in Krankheiten, Süchten und Ängsten sowie in Vereinzelung.

Schon vor Jahren hatte der Ausbildungsleiter des VW-Konzerns, Peter Meyer-Dohm, beklagt, dass sein Großbetrieb mehrtägige Aufnahmetests mit den Bewerbern um Ausbildungsplätze machen muss, weil die schulischen Abschlusszeugnisse nichts über die immer wichtiger werdenden Kernkompetenzen „Selbstständigkeit“, „Teamfähigkeit“, „Handlungskompetenz“, „Konfliktfähigkeit“ und „Kreativität“ aussagen würden. Der Ruf blieb nicht ungehört. Die niedersächsischen Industrie- und Handelskammern meldeten sich mit ähnlichen Forderungen zu Wort.

Im Hamburger Schulgesetz wird neuerdings der Erwerb von „Schlüsselqualifikationen“ wie „Selbstständigkeit“, „Urteilsfähigkeit“, „Kommunikationsfähigkeit“, „Teamfähigkeit“ und „vernetzendes Denken“ als zweite Säule neben die Entwicklung der fachlichen Kompetenzen gestellt. Das sind berechtigte Forderungen.

Erziehung in einer komplizierten demokratischen Gesellschaft ist schwieriger als in totalitären und autoritären Gesellschaften. In totalitären und autoritären Gesellschaften werden Werte von oben herab verordnet, so dass man seine Kinder lediglich so erziehen muss, wie alle anderen Menschen das auch tun. Mit unserem Grundgesetz haben wir jedoch keinen Obrigkeitsstaat mehr, und die industrielle Produktion ist nicht mehr das vorherrschende Merkmal unserer Kommunikations-, Dienstleistungs- und Produktionsgesellschaft. In der Erziehung hat sich mit unserer erst gut 50 Jahre geltenden Verfassung Dreierlei grundsätzlich geändert:

1. Menschen – und damit auch Kinder und Jugendliche – dürfen in Bezug auf ihre Begabungen, Motivationen und Persönlichkeitsentwicklungen eigentümlich sein. Für jeden jungen Menschen müssen wir andere erzieherische Antworten und Bildungswege finden.

2. In einer Demokratie lassen sich Werte nicht verordnen; Werteerziehung kann heute nur heißen, dass wir junge Menschen in die Lage versetzen müssen, selbst angemessene Werteentscheidungen treffen zu können. Wir müssen sie also von dem, was wir von ihnen fordern, überzeugen. Und was wir ihnen verbieten, muss auf ihre Zustimmung treffen. Manchmal müssen wir allerdings ringen, bis unsere Begründungen greifen, und manchmal müssen wir junge Menschen auch vorübergehend zu ihrem Glück zwingen, bis die Überzeugung letztendlich doch greift.

3. Daraus folgt, dass wir schon kleinen Kindern dabei aktiv helfen müssen, sich entscheiden, wehren, behaupten, durchsetzen und Nein sagen zu können. Eltern und Lehrer sollten ihnen Verhaltensalternativen für kritische Situationen zur Verfügung stellen, damit sie nicht in schwierigen Situationen in Gewalt, Sucht oder Krankheit fliehen – oder mit Verhaltensstörungen reagieren.

Mit dem Slogan „Beziehung ist besser als Erziehung“ ist eine Annäherung an das Gebot eines zeitgemäß gewandelten Führungsstils gegeben. Jedenfalls birgt der Erziehungsbegriff, vor allem wenn er mit Zielbegriffen wie Fleiß, Ordnung, Betragen und Mitarbeit verknüpft und mit mehr Strenge umgesetzt werden soll, die Gefahr, in die Nähe der „Zucht“ zu geraten. Wer diese Sekundärtugenden außerordentlich hoch bewertet, setzt sich dem Verdacht aus, dass ihm die Anpassung, die Gleichschaltung junger Menschen wichtiger ist, als die aus Überzeugungen gewonnene innere Mündigkeit.

Wohlgemerkt, nichts ist gegen Fleiß, Ordnung oder Höflichkeit einzuwenden, aber bedeutsamer sind doch Tugenden wie Liebe und Gerechtigkeit, wenn man an die alten Kardinal- oder Primärtugenden denkt. Bedeutsamer sind auch Selbstständigkeit, Mündigkeit, Kritikfähigkeit, Toleranz, Konfliktfähigkeit oder Fähigkeit zum vernetzenden Denken, wenn man die aktuellen Kernkompetenzen oder Schlüsselqualifikationen meint.

Es kommt also bei den Erziehungszielen darauf an, ob man nur alte Tugenden mit alten Begriffen einfordert oder ob man das Sinnvolle des Alten mit Zeitgemäßem und künftig immer wichtiger Werdendem verknüpft. Gegen einen höflichen, selbstbewussten, kritischen, ordentlichen, pünktlichen, teamfähigen, altruistischen, erkundungsstarken, handlungskompetenten und politisch mündigen Schulabgänger, der auch kreativ ist und vernetzt zu denken vermag, ist nichts einzuwenden. Aber es reicht heute nicht mehr von Schülern zu verlangen, dass sie Lesen, Schreiben und Rechnen beherrschen, denn in unserer Gesellschaft müssen sie auch Zuhören und Reden können.

Die Aufzählung eines bloß alten Tugendkataloges ist daher genauso verräterisch im Sinne von konservativ wie die Aufzählung eines ausschließlich modernen Katalogs von Schlüsselkompetenzen. Nicht alles, was heute Trend ist, ist gut.

Die Frage, ob man Kinder autoritär oder antiautoritär erziehen soll, ist schon falsch gestellt, denn junge Menschen brauchen in jeder Entwicklungsstufe und in jeder Lebenssituation einen anderen Führungsstil. Dass die Eltern erziehen und die Schulen bilden sollen, lässt sich als Arbeitsteilung heute so nicht mehr aufrecht erhalten. Denn mittlerweile bilden auch viele Eltern neben den Medien, und die Lehrer müssen auch zunehmend erziehen, weil ihr Bildungsauftrag sonst bei immer mehr jungen Menschen in der Luft hängen würde.

Doris Schröder-Köpf darf ihrer Tochter fünf Mark Taschengeld pro Woche geben, weil diese wahrscheinlich ansonsten nicht viel entbehrt. Aber heute eine Zehnjährige um 19 Uhr ins Bett zu schicken, bedeutet eventuell auch, dass diese auf dem Schulhof am nächsten Morgen nicht mitreden kann über das, was ihre Freundinnen zwischen 19 und 21 Uhr auf dem Fernsehschirm gesehen haben. Dann könnte ihr ein Außenseiterschicksal drohen. Und ein hoch begabtes Kind mit einem Intelligenzquotienten über 130 kann man gar nicht um 19 Uhr ins Bett schicken, weil Hochbegabte durchweg ein deutlich geringeres Schlafbedürfnis haben.

Der Autor ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg. Im Carl Hanser Verlag, München, ist sein Buch „Erziehung von gestern, Schüler von heute, Schule von morgen“ erschienen.

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