Zeitung Heute : Die denkbar beste Bibliothek

Unter hellem Zenitlicht, auf edlem Grün: Ein architekturkritischer Spaziergang durch das neue Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum

Falk Jaeger
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Im Quartier. Die neue Bibliothek schließt architektonische Lücken – dank Architekt Max Dudler. Fotos: Müller/HU, Spiekermann-Klaas

Die Herbstsonne turnt über die Dächer der Dorotheenstadt und wirft ihre Strahlen über den S-Bahn-Viadukt auf den neu entstandenen Platz. Tische stehen bereit für den Kaffee zur entspannten Arbeitspause. Die neue Bibliothek der Humboldt-Universität hat ihren Platz im Quartier eingenommen.

Viele Leerstellen hat der Stadtplan im Einzugsgebiet des Bahnhofs Friedrichstraße nicht mehr aufzuweisen. Die Bibliothek schließt eine der empfindlichen Lücken nördlich der S-Bahn-Bögen und wird mit den noch im Bau befindlichen Nachbarn, einem Hotel und den Museumshöfen, die letzten Kriegsverluste vergessen machen.

Selbstbewusst und doch wie selbstverständlich fügt sich die neue Bibliothek in ihre Umgebung: Nach Süden setzen zehn Geschosse einen kraftvollen Akzent, gegen die Nachbarn an der Geschwister-Scholl-Straße und an der Planckstraße übt sie Zurückhaltung und passt sich der vorgefundenen Bebauung an. Solche Fassaden mit raumhohen, doch ausnehmend schmalen und endlos gereihten Fensteröffnungen hat man im Quartier noch nicht gesehen. Eine subtile Rhythmisierung lässt Monotonie bei der seriellen Taktung nicht aufkommen und verrät auch schon etwas über die Inhalte hinter den Fassaden. Lange Reihen von Büchern, diese Assoziation kommt dem Betrachter des Büchertempels unwillkürlich in den Sinn.

Die Blicke der Passanten gehen auch nach drinnen, wo die lange Halle entlang des neuen Vorplatzes zum Besuch einlädt. Man kann sich in der zweigeschossigen Halle ungezwungen umsehen, auch hier in der vom Studentenwerk betriebenen Cafeteria eine Kleinigkeit essen oder trinken, auf einen der beiden holzverkleideten Pavillons steigen und den Betrieb an den Computerterminals, am Buchrückgabetresen oder an den Rückgabeautomaten von oben beobachten.

Die schmalen, aber bodentiefen Fenster schaffen eine ungewohnte Offenheit. Raumhohe Fenster gewähren auch erste Blicke in die Tiefe des Hauses, ins Treppenhaus, in den Lesesaal. Das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum ist ein offenes, ein öffentliches Haus mit vielen Treffpunkten und Aufenthaltsmöglichkeiten für das studentische Leben, aber auch für jedermann.

Die Warte des Wachschutzes signalisiert den Eintritt in die eigentliche Bibliothek. Ausleihe, Beratung und erste Räume mit Computerarbeitsplätzen stehen zu Diensten, aber auch eine Lounge mit bequemen Ledersesseln und einem blau hinterleuchteten Pfeiler, der eher Club- als Arbeitsatmosphäre verbreitet.

Die Juramarmortreppe, die mit vier kaskadenartig folgenden Läufen bis hinauf ins vierte Obergeschoss führt, liegt gleich im Blickfeld des Eintretenden. Sie empfängt und lockt mit dem Architekturerlebnis des Aufstiegs und lässt die Suche nach einem der Aufzüge, die etwas versteckt angeordnet sind, vergessen. Als dem Treppensteigen entwöhnter Zeitgenosse geht man trotzdem gerne zu Fuß hinauf, ein großes Verdienst der Architektur beziehungsweise der Architekten. Von der Treppe aus hat man den orientierenden Blick nach allen Seiten und vor allem in den großen Lesesaal, der beiderseits in Terrassen zu den Stirnseiten hin ansteigt.

Der Zeitungsleseraum im ersten Obergeschoss mit Blickkontakt zum Foyer ist keine wissenschaftliche Studierstube, sondern eher eine Lounge, in der es aber natürlich keine Cocktailtischchen gibt.

Auch die Anlaufstelle für das Computer- und Medienzentrum liegt im ersten Obergeschoss. Das Medienzentrum ist mehr als die Ausleihe für 2,5 Millionen Medieneinheiten. Es bietet 28 Multimedia-Arbeitsplätze sowie vier komplett ausgerüstete Videoschnittplätze. Zu den für die gesamte Universität angebotenen Serviceleistungen gehören Kopieren, Drucken und Scannen, Posterdruck, Grafik- und DTP-Dienste, aber auch das elektronische Publizieren.

Im Herzen des Gebäudes ist der große Lesesaal lärmgeschützt angeordnet. Von jedem Geschoss aus ist eine der fünf Terrassenebenen mit den Leseplätzen zugänglich. Das bedeutet, dass immerhin fünf der sechs Freihandmagazingeschosse unmittelbar Zugang zum Lesesaal haben.

Wie alle Möbel und Einbauten vom Architekturbüro Dudler gestaltete schwarze Studiertische mit grüner Linoleumauflage (HU Präsident Christoph Markschies: „das edle Grün, das seit Jahrhunderten zum Lesetisch gehört ...“) und Tischleuchten mit grünen, transluzenten Quarzitabdeckplatten bringen einen Hauch amerikanische Universitätsbibliothek ins Haus. Helles Zenitlicht fällt von oben in den Saal, dessen Dach allerdings immer im Schatten des Vorderhauses liegt, wodurch blendende Sonne vermieden ist.

An der Südseite liegt im sechsten Obergeschoss der Lesesaal für die beaufsichtigte Forschungsarbeit an Büchern aus den historischen Beständen, auch er ein anregender Raum mit zweigeschossigem Rundblick in die Magazine. Acht Gruppenarbeitsräume für die Arbeit in Seminargruppen und drei Räume für Videokonferenzen sind eingerichtet. Für Doktoranden und Examenskandidaten stehen 55 Einzelarbeitskabinen zur Verfügung, erstaunlich geräumige Arbeitszimmer, in denen das klaustrophobische Gefühl der Lernzellen anderer Bibliotheken nicht aufkommt. Überaus praktisch sind jedoch die über 1000 Einzelarbeitsplätze, die im ganzen Haus jeweils an den Außenwänden mit Blick in die umgebende Stadt liegen. So ist beim Stöbern in den Regalen der Freihandbibliothek immer ein Arbeitstisch in der Nähe und erspart längere Wege. Jeder Platz hat eine Netzsteckdose und ist über das hausinterne WLAN drahtlos vernetzt.

Sieben bis zehn Prozent der Studierenden müssen ihr Studium bereits mit den Bedürfnissen des eigenen Nachwuchses koordinieren. Für sie gibt es einen gesponserten Eltern-Kind-Bereich, die „Berliner Volksbank-Kinderstube“, wo die lieben Kleinen spielen und schmökern können, während die Eltern in Blickweite studieren. Regelrechte Kinderbetreuung wird noch nicht angeboten, aber es sind Märchenstunden geplant.

Im Souterrain gehört zum Serviceangebot des Grimm-Zentrums ein Auditorium mit 196 Plätzen, das auch von außen zugänglich ist und für externe Veranstaltungen genutzt werden kann.

Die Vermietung von Räumlichkeiten ist für eine Bibliothek ein durchaus ungewöhnliches Geschäft. Bei den einschlägigen Veranstaltern hat sich die attraktive Location jedoch bereits herumgesprochen. Schon muss die Verwaltung allzu wissenschaftsfernde Ansinnen abwehren. Was die Besucher und eben auch die potenziellen Veranstalter reizt, ist die Atmosphäre des Hauses.

Kaum ein Berliner Neubau der jüngeren Zeit empfängt die Besucher und Nutzer mit solch atmosphärisch dichten Raumeindrücken. Das hat mit der trotz des vermeintlich starren Rasterentwurfs enormen räumlichen Vielfalt zu tun, mit Lichtführung und Ausblicken, aber auch mit den Materialien, dem warmgelben Juramarmor von Fassaden und Fußböden sowie vor allem dem amerikanischen Kirschholz, mit dem viele Wände, Stützen und Decken verkleidet sind. Diese Raumstimmung und die geradezu physisch erlebbare, euklidische Ordnung des architektonischen Entwurfs, der auch etwas von der Sakralität gotischer Architektur hat, schaffen eine konzentrierte Arbeitswelt und geben dem Benutzer das Gefühl, in einem besonderen Ambiente zu sein, das ihm die denkbar beste Arbeitsatmosphäre bietet.

Direktor Milan Bulaty hat vom Beginn der Planung an darauf Wert gelegt, dass der Besucher im Grimm-Zentrum etwas Besonderes geboten bekommt, dass er weiß und spürt, warum er in die Bibliothek gekommen ist, anstatt alles zu Hause am Bildschirm zu erledigen. Dieses Ziel hat er in enger Zusammenarbeit mit den Architekten zweifellos erreicht.

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