Zeitung Heute : Die Derricks der Kinderzimmer-Welt

Simone Leinkauf

Detektivgeschichten für Kinder gibt es in allen Medien, ob Buch oder Hörspiel, Fernseh- oder Kinofilm. Spannende Kriminalfälle haben Konjunktur, egal in welcher Altersklasse, denn auch beim jungen Publikum kommen Detektivgeschichten gut an. So ist oft schon allein das Genre der Garant für einen Verkaufserfolg. Kein Wunder also, dass auch die Softwarehersteller immer mehr auf Geschichten mit jugendlichen Ermittlern zurückgreifen, zumal sich die Serien aus dem Buchmarkt geradezu aufzudrängen scheinen. Vorgemacht hat es der Berliner Tivola-Verlag mit der multimedialen Umsetzung der TKKG-Bücher vom Pelikan-Verlag: Nach dem Start im Oktober 1997 und mehreren Hunderttausend verkauften CD-ROMs lösen Tim, Karl, Klößchen und Gaby mit "Das geheimnisvolle Testament" inzwischen ihren achten Fall. Seit einem Jahr ist "Das Phantombild-Programm" von TKKG (39,90 DM) auf dem Markt.

Verlage haben Markt erkannt

Der Markenführer verkauft weiterhin gut, obwohl die TKKG-Geschichten aus Erwachsenensicht eher langweilig daherkommen, die Zeichnungen nicht so richtig überzeugen und auch die Animationen nur mäßig sind: Es handelt sich um ein ziemlich konventionell gemachtes Produkt, das kaum überrascht und dessen ungebrochener Erfolg die Kritiker erstaunt. Der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann (Computer machen Kinder schlau, Beust Verlag 2000, 26,80 DM) bezeichnet die TKKG-Geschichten deshalb auch als die "Derricks der Kinderliteratur".

Die Kinder scheint das wenig zu stören - sie lieben TKKG in allen Formen. Und da der Erfolg im Regelfall auch andere animiert, wenden sich bei neuen Software-Reihen immer mehr Verlage Detektivgeschichten zu, die in den meisten Fällen ihre Vorbilder im Buchbereich haben. Protagonisten, die von den Kindern lesend bei der Verbrecherjagd begleitet wurden, finden auch am Computer schneller Fans als neue Charaktere.

Dies hat auch Ravensburger erkannt. Inzwischen ist der Verlag bereits mit der zweiten Detektivserie auf dem Markt: Nach dem ungemein erfolgreichen Start der "Fünf-Freunde-Reihe" nach den Geschichten von Enid Blyton (Bertelsmann) im vergangenen Frühjahr können die Fans sich auf mindestens zwei Fünf-Freunde-Fälle im Jahr einrichten. Seit Anfang September liegt mit "Geheime Mission M.A.G.-X" die fünfte CD-ROM vor. Die Grafik ist deutlich aufwändiger und anspruchsvoller, und die Fälle sind attraktiver als bei TKKG. Und inzwischen haben die Programmierer auch das geeignete Niveau und Tempo für ihre Fälle gefunden. Kam beim ersten Fall die Story nicht richtig in Schwung und waren die Spieler ohne elterliche Hilfe oder Hotline aufgeschmissen, so hat sich nun einiges getan: Ulla Berendt-Roden, die Leiterin der Ravensburger Abteilung Family & Entertainment räumt ein, dass zu Beginn der Schwierigkeitsgrad manchmal zu hoch gewählt wurde.

Bei den neuen Fünf-Freunde-Fällen wird deshalb darauf geachtet, dass etwa das erste Drittel der Rätsel sehr leicht zu lösen ist, damit die Geschichte überhaupt in Gang kommt. Das zweite Drittel verlangt dann schon eine intensivere Beschäftigung und das letzte Drittel birgt die richtig harten Nüsse, bei denen dann doch wieder öfters die Hotline gefragt ist. Ist man aber erst mal so weit gekommen, dann bleibt man auch in diesen Fällen bei der Stange. Und diese Strategie geht offensichtlich auf. Die Fünf-Freunde verkaufen sich prächtig: Allein in Deutschland wurden seit dem Start der Serie über 60 000 CD-ROMs verkauft, die zahlreichen Lizenzen nicht mitgerechnet.

Ganz so erfolgreich kommt die "Knickerbockerbande" nicht daher: Die vier von Thomas Brezina zunächst für eine Buchreihe (Ravensburger) ins Leben gerufenen Jungdetektive haben in ihrem zweiten Fall "Verschwunden im Saurierland" am PC wieder vier kleinere Fälle und einen Masterfall zu lösen. Und so bietet im Vergleich - jedenfalls was die Ratemenge angeht - die Knickerbockerbande die meisten Fälle auf einer CD-ROM. Beim Verkauf bestätigt sich, was Berendt-Roden schon für die Fünf Freunde feststellt: "Die Kinder erwarten, dass sie die Figuren und deren Welt schon kennen - daraus ergibt sich der Kaufimpuls. Und das ist meist wichtiger als Aufmachung und Gestaltung."

Schmerzhaft deutlich wird das, wenn man sich die Geschichte der beiden "Elroy"-Fälle anschaut, die Ravensburger 1997 herausgebracht hat. Kommerziell war Elroy ein Fehlschlag, obwohl die Detektivspiele um den kleinen Jungen und seinem Hund Blue ungemein gut gemacht sind: Da wird mit verschiedenen Bildebenen - im Comicstil mit Schwarz-Weiß-Fotografien als Hintergrund - gearbeitet, die Geschichten sind witzig und doppelbödig erzählt. Perspektivenwechsel und unterschiedliche Darstellungsebenen sind absolut schlüssig miteinander verbunden. Doch Elroy kannte vorher keiner - und hinterher auch nicht: Schade, dass der Verlag hier kein größeres Durchhaltevermögen hatte, denn Elroy ist auf dem Feld der Detektivspiele für Kinder einfach das Beste, was es da bislang gab.

Bekannte Charaktere gefragt

Doch zurück zu den Buchcharakteren - auf Thomas Brezinas Namen setzt auch der Softwarehersteller Terzio: Mit dem "Geheimnis der goldenen Mumie" schickten die Münchner das Tiger-Team (Bücher bei Schneider) erstmals auf CD-ROM auf Verbrecherjagd - mit gutem Erfolg: Vom Mumienfall gingen inzwischen 12 000 CD-ROMs über den Ladentisch, die "Geisterfahrt der schwarzen Berta" ist seit kurzem auf den Markt. Wendet sich das Tiger-Team an Kinder ab acht, so bietet Terzio mit Kommissar Kugelblitz Computerspielern ab sechs ihre eigene Detektivserie: Kugelblitz sieht auch am Bildschirm aus, wie man ihn aus den Büchern von Urs Scheffler (Schneider Verlag) kennt: wohlbeleibt, grauhaarig mit ausgeprägter Stirnglatze, Schnauzer und dichten schwarzen Augenbrauen. Auch Kommissar Kugelblitz kann bei 10 000 verkauften Exemplaren inzwischen auf eine eingeschworene Fangemeinde am Computer blicken, die sich über den soeben erschienenen zweiten Fall "Das Geheimnis von Spooky Hill" freuen dürfte.

Auf bekannte Charaktere als Verkaufsargument setzt auch der junge Münchner Software-Herstellers Kiribati: Die Geschichten rund um die "4 Freunde" (Bücher bei Thienemann) sind flüssiger aufgebaut als beispielsweise die Knickerbockerbande. Und auch bei Kiribati ist das Konzept aufgegangen: Die "4 Freunde" sind mit 5000 verkauften Exemplaren momentan die erfolgreichste CD-ROM im Programm, im Herbst soll der zweite Fall herauskommen.

Spricht man von Detektivgeschichten, kommt man an einem Namen nicht vorbei: Seit mehr als 30 Jahren gehören Hitchcocks Jugenddetektive "Die drei ???" zu den Klassikern bei den Kriminalfällen für Kinder und Jugendliche (Kosmos). Im Gefolge der sich gut verkaufenden Detektivfälle für den Computer hat USM Junior die drei jung gebliebenen Detektivfreunde für den PC wieder erweckt. Grafik und die Geschichten aus der Feder von Ulf Blanck stimmen und halten sicherlich auch manchen Erwachsenen in Erinnerung an vergnügliche Lesestunden mit den Hitchcock-Ermittlern am Computer fest. Inzwischen sind vier Fälle auf dem Markt, die man mit dem Nachwuchs gemeinsam lösen kann: "Die drei ??? - Bomben in Rocky Beach", "Das Geheimnis des Magiers", "Gespensterjagd" und "Alarm im Internet".

Wer sich für einen Detektivfall entscheidet, hat also tatsächlich die Qual der Wahl, zumal auch noch alle CD-ROMs preislich knapp unter 50 DM liegen. Beachten sollten MacIntosh-Besitzer allerdings, dass die Ravensburger-Spiele nur für den PC geeignet sind, während alle anderen Hersteller die Detektivfälle hybrid anbieten.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben