Zeitung Heute : Die deutsche Medaillenfabrik

Hartmut Scherzer

Die deutschen Biathleten zählen bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City zu den fleißigsten Medaillensammlern. Gestern waren sie erneut zweimal erfolgreich. Zu Gold reichte es jedoch nicht. Ricco Groß holte im Jagdrennen über 12,5 Kilometer Bronze, Kati Wilhelm gewann Silber.

Die deutschen Skijäger hatten keine Chance, den norwegischen Supermann Ole Einar Björndalen einzufangen und dessen dritte Goldmedaille zu verhindern. "Björndalen ist ein Athlet von einem anderen Stern", sagte Bundestrainer Frank Ullrich und freute sich über die Medaille für Ricco Gross. Der 31-Jährige wurde 56,0 Sekunden hinter dem Norweger und 13 Sekunden hinter dem Franzosen Raphael Poirée Dritter.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Gross, zweimal unglücklicher Vierter, war unverdrossen auf die Medaillenjagd gegangen. "Es war nur eine Frage der Zeit, wann ich eine Medaille gewinne", sagte er. "Zweimal war es sehr knapp." Gross war stolz darauf, dass es ihm gelungen war, "Björndalen beim letzten Schießen das Leben noch schwer zu machen". Dewegen sei er volles Risiko gegangen. "Gedanken daran, ein drittes Mal Vierter zu werden, habe ich nie verschwendet." Björndalen schätzte seine Leistung realistisch ein: "Drei Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen sind sicherlich außergewöhnlich in einer Disziplin, in der 10 bis 15 andere auch gewinnen können." Der Norweger war 29 Sekunden vor Sven Fischer gestartet, 53 Sekunden vor Ricco Gross. Beim ersten Schießen auf der 2,5 km langen ersten Runde leistete sich der Favorit einen Fehlschuss und eine Strafrunde, ohne dass Fischer trotz einer Nullserie bedeutend näher kam. Dann schoss Björndalen liegend und stehend fehlerfrei. Beim letzten Stopp am Schießstand konnte er sich sogar einen weiteren Fehler leisten. Sven Fischer, Zweiter im Sprint, schoss nach dem guten Auftakt viermal vorbei und wurde einen Platz hinter Frank Luck Zwölfter.

Kati Wilhelm, die Olympiasiegerin im 7,5-km-Sprint, hatte in ihrem Rennen praktisch schon alle Chance auf eine zweite Medaille vergeben. Drei Fehlschüsse (liegend) gleich zum Auftakt des 10-Km-Vefolgungsrennens, in das sie mit einem Vorsprung von 15,6 Sekunden vor Uschi Disl und 39,0 Sekunden vor der Schwedin Magdalena Forsberg gestartet war, zwangen sie zu drei Strafrunden und warfen sie scheinbar hoffnungslos zurück. Doch Kati Wilhelm kämpfte sich dank ihrer Laufstärke wie aus dem Nichts noch auf den zweiten Platz nach vorne, 5,3 Sekunden hinter der siegreichen Russin Olga Pylowa.

Am Ende war es spannend wie selten. Beim vierten Schießen kam es zum Showdown. Direkt nebeneinander standen die drei Führunden, Magdalena Forsberg, Liv Grete Poirée und Irina Nikultschina. Gleichzeitig legten sie an - und verfehlten je zwei Scheiben. Selbst einer so routinierten Athlein wie der 34-jährigen Schwedin versagten so dicht vor der ersten Goldmedaille zum Ende ihrer großen Karriere die Nerven. "All die Konkurrentinnen neben mir haben mich nervös gemacht", sagte Forsberg. "Es war schwierig, mich auf mich zu konzentrieren." Mit drei Fehlern und drei Strafrunden kam die Schwedin nur auf den sechsten Platz. "Die drei haben sich gegenseitig eliminiert", sagte Wolfgang Pichler, der deutsche Trainer von Magdalena Forsberg. Kati Wilhelm kam als gelernter Langläuferin ihre Stärke in der Loipe zugute. "Aber auch ihr Charakter", sagte Damen-Trainer Uwe Müssiggang. "Sie hat das beim letzten Schießen clever gemacht, sich einen Schuss Lockerheit bewahrt."

Als Kati Wilhelm letztmals den Schießstand verließ, hatte sie keine Ahnung, wie es stand. Sie habe auf die Anzeigetafel gelinst und zu ihrer Überraschung gesehen, dass sie ganz vorne stand. "Da kam auch schon die Olga vorbei und ich wusste: Jetzt geht es um das ganz Große." Vom Schusspech aller Favoritinnen profierte Olga Pylowa, die sich mit einem Rückstand von 1:02 Minuten beim Start keine Hoffnungen auf eine Medaille gemacht hatte. "Ich hatte heute alles Glück, alles kam zusammen", sagte die neue Olmpiasiegerin.

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